https://www.faz.net/-gzg-9f97r

Nachkriegsmoderne : Ehrenrettung für die Wohnburg

Baukunst mit Schwung: der Sachsenhäuser Sonnenring im Jahr 1976 Bild: © Klaus Meier-Ude, 1976

Eine Frankfurter Forschergruppe widmet sich der Architektur der Nachkriegsmoderne. Heutige Planer können von der Kreativität der damaligen Baumeister lernen – und einiges besser machen.

          Maren Harnack wird fast wütend, wenn sie diesen Spruch hört: Reiche kann man stapeln, Arme muss man flachlegen. Das Argument vieler Planer, man dürfe Geringverdiener nicht in Hochhäusern unterbringen, weil das die Verwahrlosung fördere, erscheint der Städtebauforscherin „zynisch“. Weniger vermögenden Menschen werde damit unterstellt, sie könnten ihre Umgebung nicht in Ordnung halten. Das sei „infam“. Natürlich sei in einem Wohnturm die Eingangszone wegen des starken Durchgangsverkehrs intensiver beansprucht als in einem Haus mit nur wenigen Stockwerken. Aber das lasse sich in den Griff bekommen, etwa durch einen guten Hausmeister.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Harnacks Ansicht, dass auch Nichtmillionäre in großen Häusern gut untergebracht sein können, speist sich aus ihrer Anerkennung für die Architektur der Nachkriegsmoderne. Eine Wertschätzung, die vielen Laien fremd ist und die auch nicht alle Stadtplaner teilen. Dabei hat laut Harnack gerade Frankfurt etwa mit der vor 50 Jahren errichteten Nordweststadt oder der imposanten Wohnburg des Sonnenrings in Sachsenhausen gelungene Beispiele aus dieser Epoche vorzuweisen. Deren Qualität, verdunkelt von Klischees wie jenem von der „Betonwüste“, hat die Ingenieurin ihren Studenten schon bei Exkursionen vorgeführt: „Die waren total positiv überrascht – und schockiert von ihren eigenen Vorurteilen.“

          Solche Einsichten möchte die Professorin noch mehr Leuten bescheren. Zusammen mit ihren Kollegen an der Frankfurt University of Applied Sciences hat sie deshalb eine Forschungsgruppe gegründet. „Ressource Nachkriegsmoderne“ heißt sie und soll zeigen, wie sich der Bestand aus dieser Zeit an heutige Bedürfnisse anpassen lässt. Zudem widmen sich die Wissenschaftler der Frage, was die Planer der Gegenwart vom Siedlungsbau in den Jahren 1945 bis 1975 lernen können.

          Gespür für gute Architektur und Wohnqualität

          Etwa 20 Prozent der Frankfurter, schätzt Harnack, lebten in Großsiedlungen aus dieser Zeit. Die Nordweststadt etwa, konzipiert von Tassilo Sittmann und Walter Schwagenscheidt, findet die Forscherin „in Teilen denkmalwürdig“. Besonders gefallen ihr die vielen Grünflächen, die an den Wochenenden auch durchaus belebt seien. Gerade für Mieter mit kleinem Einkommen, die wenig Platz in der Wohnung hätten und nicht so oft verreisen könnten, seien Bäume und Rasen vor der Haustür wichtig.

          Michael Peterek, ebenfalls Professor für Städtebau, lobt die oft „sehr gut geschnittenen Grundrisse“ der Nachkriegswohnungen. Innerstädtische Altbauten, die in saniertem Zustand als wohnkulturell besonders wertvoll angesehen werden, schneiden verglichen damit in Harnacks Augen schlechter ab: Oft fehle zum Beispiel ein Balkon, oder er sei kaum nutzbar.

          Das Gespür für gute Architektur und Wohnqualität sei von 1950 bis 1970 besonders ausgeprägt gewesen. In den städtischen Ämtern hätten talentierte Planer gearbeitet, und private Investoren hätten den Mut gehabt, Neues zu wagen. Davon zeuge etwa der Sachsenhäuser Sonnenring. Auch in anderen Ländern habe der Wohnungsbau zu dieser Zeit in Blüte gestanden: „In den fünfziger und sechziger Jahren gingen in Großbritannien die besten Architekten zur Londoner Regionalregierung, um Wohnraum für breite Schichten der Bevölkerung zu entwerfen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.