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Forced Entertainment : Mit den Clowns kam das Rennen

Ansichten eines Clowns: Szene aus „Out of Order“ Bild: Felix Grünschloß

Was Theater zu leisten imstande ist, testen vermutlich wenige so erfolgreich wie Forced Entertainment. Die britischen Performer entwickeln in Frankfurt ein Ballett der Vergeblichkeit.

          „Someone’s gonna cry“ schnulzt der Sixties-Pop von Patti Austin zum dritten, vierten, fünften Mal. Es weint aber niemand. Auch wenn ein paar der Gestalten immer mal wieder so aussehen, als stünden sie kurz davor, in Tränen auszubrechen. Wie es sich halt so gehört für ordentliche Clowns, wenn Tröten nicht richtig tröten, Luftballons davonfliegen oder ein anderer Clown nicht richtig mitspielt.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass absolut gar nichts in Ordnung ist, sagt schon der Titel. „Out of Order“ nennen Forced Entertainment ihre jüngste Produktion, die jetzt in Frankfurt uraufgeführt worden ist. In den Weiten des Bockenheimer Depots, einer ehemaligen Straßenbahnhalle, verlieren sich sechs Clowns auf einer kargen Bretterbühne, zwischen klappernden Stühlen und einem Tisch, der zum hart umkämpften Mittelpunkt wird. In fast anderthalb Stunden fällt nicht ein einziges Wort, und die Wiederholung, nicht nur des alten Schlagers, sondern auch fast jeder Geste, strapaziert die auf der Bühne ebenso wie die Geduld des Publikums.

          Wettbewerb der Alphatierchen

          Es ist eine Schlacht der Vergeblichkeit, die da geschlagen wird, sechs einzelne Gestalten in läppischen Karoanzügen, mit mehr schlecht als recht aufgetragener Clownsschminke, arbeiten sich daran ab, Hackordnungen aufzustellen, mühselig Regeln zu befolgen, um sie alsbald, ebenso mühselig und widerwillig, zu durchbrechen. Ein Wettbewerb der Alphatierchen, die einander mustern, bis urplötzlich, fast tierisch, Aggression ausbricht: fein abgeschaute Gesten aus Unternehmens-Meetings und Kneipenschlägereien.

          Die Darsteller Robin Arthur, Nicki Hobday, Jerry Killick, Richard Lowdon, Cathy Naden und Terry O’Connor spielen die Sinnlosigkeit mit einer Akkuratesse, die Beckett ohne Text, Clowns ohne Tricks, Aggression ohne Gewalt zusammenspannt. Alle Bilder, die auf dieser kargen Bühne entstehen, sind Sache des Betrachters, wenn aus dem Tisch ein Sarg zu werden scheint, aus den einander umschleichenden Clowns eine Prozession, aus Gerangel Verbrüderung.

          Von-sich-selbst-gelangweilt-Sein

          Die meiste Zeit wird gerannt, aus gutem Grund, denn die zunehmende Erschöpfung, das Von-sich-selbst-gelangweilt-Sein, wird kaum augenfälliger als in diesem Gerenne, aus dem sich hier und da, immer umsonst, der ein oder andere davonzustehlen versucht. Gegen Ende, einer der gewitztesten Einfälle des Abends, wird all das Gerenne mit dem zweimal abgespielten Donauwalzer zu einer Choreographie der Vergeblichkeit, die dann tatsächlich wie eine echte Clownsnummer belacht wird.

          Was Theater zu leisten imstande ist, testen vermutlich wenige so erfolgreich wie Forced Entertainment. Die Briten aus Sheffield, die seit 1984 im Sechserteam unter der Führung von Tim Etchells arbeiten, haben Performances, Installationen, Stücke entwickelt und Shows, erst vor kurzem haben sie in Frankfurt am Mousonturm eine ihrer bezauberndsten Produktionen gezeigt, „Complete Works“, sämtliche Dramen Shakespeares als Sternstunden des Erzähltheaters.

          Verbrüderung der „freien Szene“

          Dass sie sich immer wieder neu erfinden, das Theater immer wieder auf seine Möglichkeiten befragen, gehört zum Phänomen Forced Entertainment, und obwohl so viele das behaupten, ist es dennoch bei dieser Truppe nie banal und nie Klischee gewesen. Das Erzählen, das Wort, vor allem die Fragen, sind allerdings bislang immer im Mittelpunkt gestanden. Auch bei jenem fast 20 Jahre alten Langzeitformat „Quizoola“, aus dem jetzt die Clownsschminke in die neue Produktion gewandert ist. Dafür ist der Text, den es am Anfang der Proben zu „Out of Order“ offenbar noch gegeben hatte, ausgewandert: Man sieht der Produktion an, dass sie harte Arbeit gewesen ist. Der wortreichen Erklärungen im Programmheft hätte sie aber gar nicht bedurft.

          Die Uraufführung wird von den beiden Frankfurter Koproduzenten als Coup verstanden. Nichts weniger als die Verbrüderung der „freien Szene“, vertreten durch das Künstlerhaus Mousonturm, und das Stadttheater-System in Gestalt des Schauspiels Frankfurt, behauptet die Produktion, die en suite in Frankfurt gespielt wird und danach international tourt. Für die nächste Spielzeit haben die Frankfurter Partner schon Rimini Protokoll angekündigt, auch ein Name, der nach „too big to fail“ klingt.

          Vor diesem Hintergrund ist „Out of Order“ mit seinen Durststrecken und Zumutungen an Publikum und Performer vielleicht genau der richtige Beginn dieser Kooperation: Zeigen Forced Entertainment doch unentwegt und buchstäblich erschöpfend, wie Routinen unterwandert und Sicherheiten aufgelöst werden. Trotzdem lachen wir. Der Mensch an sich ist schrecklich, aber hübsch komisch dabei.

          Weitere Vorstellungen von 2. bis 5. und von 15. bis 18. Mai, jeweils von 20 Uhr an.

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