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Folgen des Klimawandels : Therapie für den Hofheimer Wald

Kaum zu verwerten: Wie am Meisterturm liegen überall im Wald Stämme von geschädigten Bäumen. Bild: Wonge Bergmann

Die Stadt Hofheim verzichtet auf die Bewirtschaftung durch das Forstamt Königstein. Künftig soll es darum gehen, den Wald für die Erholung der Bürger zu erhalten.

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          Den deutschen Wäldern geht es nach den Hitzesommern schlecht – der 15.000 Hektar große Hofheimer Stadtwald ist da keine Ausnahme. Von „einer in dieser Form nie dagewesenen Katastrophe“ spricht der aktuelle Waldbericht. Auf die Schäden, die aufgrund von Klimawandel, Borkenkäferbefall und der Rußrindenkrankheit entstanden sind, hat die Stadt Hofheim mit einem neuen Konzept und Organisationsänderungen reagiert: Von diesem Jahr an wird der Wald in städtischer Eigenregie statt vom Forstamt Königstein bewirtschaftet. Künftig stünden nicht mehr finanzielle Aspekte, sondern Naherholung und die Schutzfunktion des Waldes im Mittelpunkt, sagte der für die Hofheimer Waldgebiete zuständige Stadtrat Bernhard Köppler (SPD).

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Das Team für die Neuausrichtung steht bereit, dazu gehören Revierförster Karlheinz Kollmannsberger, zwei Waldwirte und der Forstwirt David Kreddig, der früher bei der Unteren Jagdbehörde beschäftigt war. Sie werden viel Arbeit haben. Im Hofheimer Stadtwald seien die Fichten in den Ortsteilen Hofheim-Kapellenberg, Marxheim, Langenhain, Diedenbergen und Wallau auf großen Flächen abgestorben, berichtete Kreddig. Der Anteil dieser Baumart sei von sechs auf drei Prozent gesunken, durch das Absterben seien nun insgesamt 25 Hektar im gesamten Wald kahl. Da auf einem Hektar Wald etwa 500 Bäume stünden, könne jeder abschätzen, welches Alarmzeichen das sei, ergänzte Stadtrat Köppler. Mit einer Art ganzheitlicher Therapie solle das neue Team dafür sorgen, dass die Hofheimer auch noch in 100 Jahren durch Wälder und unter mächtigen Bäumen zu den Ausflugslokalen Meisterturm, Gundelhard und Viehweide spazieren könnten, wünscht sich Köppler.

          Die Schönheit des Waldes näherbringen

          Dies sei kein leichtes Unterfangen und eine Generationenaufgabe, für die er um Unterstützung in der Bevölkerung werbe. Es werde künftig mehr Aktionen geben, um den Menschen die Schönheit des Stadtwaldes näherzubringen und sie emotional dafür zu begeistern, erläuterte er. Ziel sei es, dass sich Unternehmen oder Privatpersonen an Baumpflanzaktionen beteiligten. Auch würden am Kapellenberg Teiche als Wasserreservoir für junge Bäumchen angelegt. Die Wildparkretter, die das Wildgehege am Kapellenberg betreuten, hätten schon angekündigt, eines dieser Wasserreservoirs zu finanzieren, freute sich Köppler.

          Schonend für den Waldboden: Seit zwei Jahren transportieren Rückepferde statt Maschinen Stämme aus dem Hofheimer Wald.

          Denn den Wald dort, wo die Fichten gefällt werden mussten, wieder aufzuforsten ist teuer. Zwar kosteten junge Triebe nur drei Euro pro Stück, aber der Schutz vor Wildverbiss, der angebracht werden müsse, läge bei zehn Euro pro Baum. 300.000 Euro kämen da schnell zusammen, rechnet Forstexperte Kreddig vor. Glücklicherweise ersetze die beauftragte Baumschule die Hälfte der im vergangenen Jahr verdorrten, erst kurz zuvor gepflanzten Bäumchen.

          Viele Fehler gemacht worden

          Dass die Waldbewirtschaftung durch das Forstamt Königstein endet, stößt bei den Vertretern der Hofheimer Waldgruppe und Kritikern der bisherigen Praxis auf Zustimmung. „Es kann künftig nur besser werden“, sagte Marianne Knöss, Stadtverordnete der Grünen und Waldexpertin ihrer Partei. In der Vergangenheit seien viele Fehler gemacht worden, weil die Stadtverwaltung den Wald allein unter wirtschaftlichen Aspekten betrachtet habe. Ein gutes Geschäft sei daraus aber nicht entstanden. Nach dem aktuellen Bericht habe der Hofheimer Stadtwald aus Holzverkäufen Erträge von knapp 515.000 Euro gebracht, dem hätten Aufwendungen von rund 670.000 Euro gegenübergestanden. Es sei realistisch, anzunehmen, dass sich der Defizitbetrag künftig noch erhöhen werde, meint Knöss. Diesen erhöhten Zuschussbedarf müsse die Stadt einkalkulieren.

          Großflächige Neuanpflanzungen: An einem Hang an der Lorsbach Straße nahe dem Wintersportverein versucht die Stadt Hofheim, den Wald aufzuforsten.

          Sie erinnere sich mit Grausen an „die großen Schneisen der Verwüstung“ nach einem Waldeinschlag am Sportpark Heide im Jahr 2013. Dies sei damals geschehen, weil „schnell Geld gemacht werden sollte“, so Knöss, das habe ihr ein befreundeter Förster bestätigt. Als Reaktion auf diese Ereignisse hatten sich seinerzeit kritische Bürger zur Waldgruppe zusammengeschlossen.

          Schnell etwas geschehen

          Eine solche Konfrontation will Köppler in Zukunft vermeiden: Kommunikation stünde ganz oben, versprach der Stadtrat. Er hoffe darauf, dass sich künftig mehr Bürger als „die üblichen Verdächtigen“ für den Schutz des Waldes interessierten. Tätige Mithilfe sei geboten, gerade die Waldränder verbuschten zusehends mit Brombeeren und Rhododendren. Hier müsse schnell etwas geschehen.

          Dagegen lenkte Knöss den Blick auf die Jagdgenossenschaften. Sie bezweifele, dass deren Abschusslisten korrekt seien, die Zahlen könnten angesichts des dramatischen Wildverbisses im Stadtwald nicht stimmen. Knöss sprach von „Jägerlatein“. Es könne ebenso nicht sein, dass eine inzwischen 40 Tiere große Mufflon-Herde vom Staufen immer öfter in Richtung Lorsbach ziehe. Dieses Wild schäle ganze Bäume.

          Zudem forderte die Stadtverordnete, dass die Stadt Hofheim als größter Eigner in den sieben Jagdrevieren endlich ihre Pachteinnahmen „auskehren“ solle, statt dieses Geld zur freien Verfügung in den jeweiligen Jagdgenossenschaften zu belassen, die damit beispielsweise Wasserleitungen für Landwirte finanzierten. Auch hier sei eine Neuregelung zum Wohle des Waldes dringend geboten, sagte Knöss und fügte hinzu: Mit zwei bis drei Jagden in allen Revieren, die die Stadt jährlich selbst organisiere, könnte der Wald besser geschützt werden als durch teure Neuanpflanzungen.

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