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Forstwissenschaftler warnt : „Aufräumen und Aufforsten reichen nicht“

Fichtenstämme liegen aufgereiht vor einer Waldfläche im hessischen Söhrenwald. Die Bäume sind anfällig für den Befall mit Borkenkäfern. Bild: dpa

Verbände und Experten fordern neue Strategien zur Rettung der hessischen Wälder. In den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten wird es einen Umbau geben müssen, sagt ein Professor für Forstbotanik.

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          Wer bei Ikea kauft, der kennt sie, die in Deutschland am häufigsten verwendeten Holzarten: Fichte und Kiefer. Selbst Sperrholzplatten bestehen zum größten Teil aus Nadelholz. Fürs Bauen und als Verpackungen – ob Palette oder Kiste – ist es unverzichtbar. Da Fichte und Kiefer schneller und gerader wachsen als Laubbäume, gut zu fällen und zu verarbeiten sind, haben sie seit dem Zweiten Weltkrieg, als man nach schnell wachsenden Bäume suchte, einen Siegeszug in der Forstwirtschaft angetreten. In Hessen bestehen gut 40 Prozent des Waldes aus Nadelgehölzen. Besonders in Taunus und Spessart findet man sie in großer Zahl.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nach zwei heißen, trockenen Sommern, einem starkem Befall der Nadelbäume durch Borkenkäfer und Sturmschäden steht mittlerweile für alle Fachleute fest: Die aus den Alpen stammende Fichte mit ihren flachen Wurzeln hat in Zeiten des Klimawandels in Hessen kaum noch eine Zukunft, schon gar nicht als Monokultur.

          „Die beiden vergangenen Sommer waren für alle Bäume und Baumarten der Härtetest“, sagt Andreas Roloff, Professor für Forstbotanik an der Technischen Universität Dresden. Nur die Fittesten hätten überlebt. Selbst die Buche, Hauptbaumart in Hessen, die nach allen Erkenntnissen sehr widerstandsfähig ist und stark in die Tiefe reichende Wurzeln bilden kann, hat stark gelitten. „Es werden nicht alle Buchen abgestorben sein, die derzeit angeschlagen wirken“, meint Roloff. Neue, junge Buchen werden sich seiner Ansicht nach auf die veränderten Witterungsbedingungen einstellen und tief reichende Wurzeln bilden. Auch für Kiefern, die sich auf den sandigen Böden des Rhein-Main-Gebiets eigentlich wohl fühlen, sieht Roloff noch eine Zukunft. „Nur für die alten Bäume sind Temperaturanstieg und Trockenheit zu plötzlich gekommen.“

          Zwölf-Punkte-Plan der Landesregierung

          Roloff ist sich mit allen Forstexperten einig: „Wir sollten die Chance nutzen, neue Baumarten auszuprobieren.“ Zudem rät er, bei heimischen Baumarten wie der Buche auf Exemplare und Samen zurückzugreifen, die von wärmeren Standorten stammen, gleichzeitig aber kalte Winter und Spätfröste vertragen. „Die Herkunft des einzelnen Baumes wird bedeutender, nicht nur die Baumart“, ist Roloff überzeugt.

          Bleibt die Frage, welche Schlüsse Bundes- und Landesregierung aus den großen Waldschäden ziehen. Sollen die abgestorbenen Teile der Wälder – in Hessen sind es zwei Prozent – einfach ersetzt werden? Das ist die Antwort, die die hessische Landesregierung Ende August mit ihrem Zwölf-Punkte-Plan gegeben hat, verbunden mit der Ankündigung, 200 Millionen Euro für 100 Millionen neue Bäume bis 2023 bereitzustellen. Erwartet wird, dass Bundeslandwirtschafsministerin Julia Klöckner (CDU) an diesem Mittwoch in Berlin Vergleichbares präsentiert. „Selbst wenn man so viele Bäume pflanzen wollte“, so Roloff, „wird das nicht klappen.“ Es fehle an Arbeitern, um alle abgestorbenen Stämme herauszuholen. Und es fehle an widerstandsfähigen jungen Bäumen. Die 2018 gepflanzten seien zum größten Teil eingegangen. „Wir können nicht den Wald bewässern.“

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          F.A.Z.-Serie Schneller schlau : Wem gehört der Wald? Bild: Fotos: dpa

          Der Nabu Hessen, der wie andere Umweltschutzorganisationen längst vor einem „Waldsterben 2.0“ warnt, beklagt, dass es „nur ums Aufräumen und Aufforsten geht“. Die wirkliche Bedrohung des Waldes bestehe nicht aus dem „Sterben der standortfremden Fichten“, sagt Mark Harthun vom Nabu Hessen. Viel besorgniserregender ist für den Biologen das „Schwächeln der Laubbäume“, die in Hessen 58 Prozent des Waldes ausmachen. Über den Schutz dieser Bäume stehe im Plan der Landesregierung nichts.

          Ursache für den schlechten Zustand etwa der Buchen ist Harthun zufolge der zu radikale Holzeinschlag. Die verbleibenden alten Buchen seien am Ende schutzlos Sonne, Wind und Trockenheit ausgesetzt. Tatsächlich gelten gerade Buchen als besonders gefährdet, wenn ihnen plötzlich der Schatten genommen wird und sie in der prallen Sonne stehen. Harthun fordert, weniger Holz zu schlagen und die Wälder zu stabilen, naturnahen Baumgemeinschaften zu entwickeln: Das feuchte Waldinnenklima in geschlossenen Beständen müsse ebenso erhalten bleiben wie die Feuchtigkeit des Bodens, die Verdichtung durch Maschinen müsse vermieden und Naturverjüngung zugelassen werden.

          „Wir müssen die Bestände mischen“

          Ginge es nach dem Nabu, würden im hessischen Staatswald acht „Klimawälder“ ausgewiesen, in denen weder gepflanzt noch Holz geschlagen würde. Fünf Prozent der hessischen Waldfläche blieben dann sich selbst überlassen. Der Verlust für das Land läge bei maximal drei Millionen Euro wegen fehlender Holzeinnahmen, hat die Naturschutzorganisation errechnet. Harthun prognostiziert: „Machen wir weiter wie bisher, werden wir eines Tages mit dem Reparieren nicht mehr nachkommen.“

          „Es darf auf keinen Fall mehr Reinbestände geben“, bestätigt Roloff. Auch keine neuen „Plantagen“ mit der aus Amerika stammenden Douglasie, die manchem schon als perfektes Nachfolge-Nadelgehölz für die Fichte erscheint. „Wir müssen die Bestände mischen.“ Auf Flächen mit abgestorbenen Bäumen wiederum sollte man seiner Meinung nach „ruhig einmal alles laufen lassen“.

          Dazu werde es zwangsläufig kommen, weil es gar nicht gelingen könne, alle abgestorbenen Bäume zu entfernen und die Flächen aufzuräumen. Es werde spannend sein zu sehen, welche Baumarten sich entwickelten, wenn erstmals Licht auf den Waldboden falle. Dort werde sich die Natur verjüngen, und aus den Samen der alten Bäume würden junge nachwachsen, die Roloff zufolge sicher besser mit dem Trockenstress zurechtkommen als gepflanzte Exemplare.

          Auf anderen Flächen werde man klassisch aufforsten, um der wirtschaftlichen Bedeutung des Waldes gerecht zu werden, aber man müsse hierbei etwa Kiefern mit Eichen mischen. Gleichzeitig sollten neue heimische Laubbaumarten ausprobiert werden wie Linde, Speierling und Feldahorn, die es bisher nur an Waldrändern gibt. Der Wald sei im Umbruch, so Roloff. „Es wird in den nächsten 20 bis 30 Jahren einen Waldumbau geben müssen.“

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