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Folgen des Brexit : Für Wiesbaden mehr Chancen als Risiken

Für wen lohnt sich der Brexit?: Ein Demonstrant in Edinburgh stellt sich die Frage. Wiesbaden würde von seiner Nähe zu Frankfurt profitieren. Bild: dpa

Der Brexit kommt, aber in Wiesbaden interessiert das noch kaum einen Kommunalpolitiker. Dabei eröffnen sich Chancen, die Konzepte und Strategien notwendig machen.

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          Wenn der Brexit im März 2019 Wirklichkeit wird, dann gibt es in Europa viele Verlierer und nur wenige Gewinner. Hessen dürfte am Ende besser durch den Brexit kommen als andere Bundesländer, hieß es erst kürzlich von der Industrie- und Handelskammer. Frankfurt wird auf einigen Feldern wohl sogar zu den wenigen Gewinnern zählen und in seinem Windschatten Wiesbaden wohl auch. Zumindest ein wenig. Als sicher gilt, dass die Landeshauptstadt wird von den negativen gesamtökonomischen Konsequenzen durch das Ausscheiden der Briten vergleichsweise wenig zu spüren bekommt. Gleichzeitig eröffnen sich Chancen und Perspektiven.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Das zumindest ist das Ergebnis eines Hearings im Wiesbadener Rathaus zu den kommunalen Folgen des Brexits. Sorgen oder gar Ängste löst diese Zäsur für die Europäische Union in der hiesigen Kommunalpolitik offenbar nicht aus. Nicht einmal zwei Dutzend Zuhörer verloren sich im Sitzungssaal. Nicht nur der Oberbürgermeister und der Wirtschaftsdezernent glänzten durch Abwesenheit. Auch sonst war kein Mitglied des Magistrats erschienen, um aktuelle Einschätzungen aus erster Hand zu erfahren.

          Wohnungsmarkt im Speckgürtel

          Die allerdings könnten durchaus Anlass geben, die Stadtplanung zu überdenken. Das zumindest ist die Ansicht von Ralph Jerey von der Akademie der Immobilienwirtschaft. Seiner Ansicht nach werden Londoner Arbeitsplätze nicht nur nach Frankfurt, sondern auch nach Dublin und Paris verlagert werden. Doch 3000 bislang britische Bankmitarbeiter könnten es schon sein, die mittelfristig nach Frankfurt kommen, und die wollen nicht notwendigerweise auch dort wohnen.

          Junge Investmentbanker-Singles vielleicht schon, aber gestandene Manager mit Familie suchten eher den Speckgürtel. „Der gilt als chic“, versicherte Jerey, weil er urbanes Stadtgefühl mit attraktiver Naherholung verbindet. Wiesbaden und der Rheingau erscheinen da als attraktive Kombination, vor allem dann, wenn Frankfurt in weniger als 30 Minuten mit der Bahn erreichbar sei. Erste Vorboten einer Arbeitsplatzverlagerung meint Jerey aus der Auslastung eines Frankfurter Boardinghauses erkennen zu können, wo zunehmend britische IT-Spezialisten und Berater abstiegen.

          Wiesbaden muss sich positionieren

          Weil die Klientel der Investmentbanker Londoner Preise gewöhnt ist und durchschnittlich 300 000 Euro jährlich als Verdienst einstreicht, wird es vor allem im Premiumsegment des Immobilienmarkts eng. Der sich ergebende Verdrängungswettbewerb wird allerdings den gesamten Wohnungsmarkt nicht unbeeinflusst lassen. Für Jerey ist der Zuzug einiger Londoner Banker aber nur ein Teil der drei ohnehin zu beobachtenden „Megatrends“ in der Region: starkes Bevölkerungswachstum, Wirtschaftswachstum und Zusammenwachsen im Rhein-Main-Gebiet, das von Ausländern ohnehin als Einheit wahrgenommen werde.

          Zu den Kehrseiten und Risiken des Zuzugs werden steigende Immobilienpreise, deutlich mehr Verkehr bis hin zum Kollaps und ein wachsendes soziales Gefälle gezählt. Jerey rät Wiesbaden, unter anderem auf Messen wie der Expo Real und der Immobilienmesse in Cannes Präsenz zu zeigen und eine schnelle Zugverbindung nach Frankfurt einzurichten. Wiesbaden habe die Chance, sich „spitzenmäßig“ zu positionieren. Es müsse aber auch mehr Bauland ausweisen und sich auf eine internationale Klientel einrichten, etwa durch internationale Schulen.

          Das sehen Caroline Meumann und Florian Steidl von der IHK ähnlich. Wiesbaden sei vom Brexit wegen seiner mittelständisch geprägten Wirtschaftsstruktur, seinem guten Branchenmix und der hohen Bedeutung von Dienstleistung und öffentlichem Dienst weniger betroffen als andere Kommunen. Die Unternehmen müssten sich aber auf höhere Bürokratiekosten einstellen, beispielsweise durch Zollformalitäten. Und das Zollamt in Biebrich sieht Meumann schon jetzt als künftiges Nadelöhr für den Handel über den Ärmelkanal.

          Rainer Waldschmidt, der Geschäftsführer der Hessen Trade & Invest GmbH, nannte Wiesbaden „besonders sicher“ im Hinblick auf mögliche negative wirtschaftliche Konsequenzen aus dem Brexit. Die Landeshauptstadt habe eine „krisenfeste“ Wirtschaftsstruktur und sei „strukturell sehr gut vorbereitet“. Die IHK-Vertreter allerdings bemängelten eine nicht ausreichende digitale Infrastruktur und wünschten sich mehr langfristige Planungssicherheit für Unternehmen, mehr Tempo bei neuen Baugebietsplanungen wie dem Ostfeld und ein Überdenken der Gewerbesteuerhöhe. Die stufte Jerey allerdings nicht als Hemmnis ein, weil Wiesbaden auch ein besonderes kulturelles Angebot vorhalte. Das helfe, „diese Kröte zu schlucken“.

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