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Folgen der Geldpolitik : Kleinen Banken bröckeln Zinseinnahmen weg

Leiden unter den derzeitigen niedrigen Zinsen: kleine Banken wie die Volksbanken und Sparkassen. Bild: dpa

Die niedrigen Zinsen freuen Hausbauer und ärgern Sparer. Der Leitzins liegt bei nur noch 0,5 Prozent. Für Volksbanken und Sparkassen in der Rhein-Main-Region schrumpft damit die wichtigste Ertragsquelle.

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          Für Sparer sind es maue Zeiten. Selbst bei Internetbanken wie der 1822direkt sind aufs Tagesgeld nur 1,5 Prozent Zinsen zu holen, die Sparkassen und Volksbanken zahlen weit weniger als ein Prozent. Glücklich hingegen, wer gerade ein Haus baut. Noch vor zehn Jahren musste man bei der Wiesbadener Volksbank 5,5 Prozent für einen Baukredit zahlen, heute wird nur noch die Hälfte fällig, wie der Vorstandsvorsitzende Matthias Hildner kürzlich vorrechnete.

          Tim Kanning
          (kann.), Wirtschaft

          Beide Entwicklungen sind Folge der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. In der vergangenen Woche hat EZB-Präsident Mario Draghi den Leitzins, zu dem sich Banken Geld leihen können, noch einmal gesenkt, von ohnehin schon niedrigen 0,75 Prozent auf rekordtiefe 0,5 Prozent. Das zieht mittelbar alle Zinssätze am Finanzmarkt herunter. Ein baldiger Anstieg ist nicht in Sicht.

          Kleine Banken leben vom Zinsgeschäft

          Diese anhaltende Niedrigzinspolitik ärgert nicht nur die Sparer, sondern wird auch für die Sparkassen und Volksbanken in der Region zunehmend zum Problem. Denn während die Zinsen, die sie für Kredite von Hausbauern und Unternehmen verlangen können, immer weiter absinken, ist bei den Konditionen, die sie ihren Sparern bieten, längst die Schmerzgrenze erreicht. Die Spanne zwischen beiden Zinssätzen schrumpft. Für viele kleine Banken, die kaum andere Geschäfte machen, gerät damit die wichtigste Einnahmequelle unter Druck.

          In guten Zeiten geht das so: An die Sparer, die ihr Geld jederzeit zugänglich aufs Konto legen, zahlt die Bank zwei Prozent Zinsen. Von Häuslebauern und Unternehmern, an die sie das Geld längerfristig in Form von Krediten weiterverleiht, verlangt sie fünf oder mehr Prozent. Die drei Prozentpunkte Differenz fließen in die Kasse der Bank. Bekommt sie für Baukredite lediglich zwei Prozent Zinsen, dann bleibt ihr, selbst wenn sie ihren Sparern bloß 0,5 Prozent Zinsen aufs Tagesgeld zahlt, nur noch die Differenz von 1,5 Punkten übrig.

          Bei der Sparda-Bank Hessen am Frankfurter Güterplatz hat diese Misere schon 2012 ein Loch in die Bilanz gerissen. Um 18,5 Prozent ist der Zinsüberschuss der Genossenschaftsbank eingebrochen. Nahm sie 2011 damit noch 97 Millionen Euro ein, so waren es 2012 nur 79 Millionen. Unterm Strich verdiente die Bank elf Prozent weniger als im Vorjahr.

          Wiesbadener Volksbank: 80 Prozent der Erträge aus Zinsüberschuss

          Auf diese Weise bröckeln durch die Niedrigzinspolitik der EZB vielen kleinen Banken in der Region die Erträge weg. Georg Sellner, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Darmstadt, kündigte für 2013 ebenso schon einmal ein sinkendes Betriebsergebnis an wie sein Kollege Paul Meuer von der Rheingauer Volksbank. Herbert Grüntker von der Frankfurter Sparkasse gibt sich „verhalten optimistisch“. Deutlicher wird Hildner von der Wiesbadener Volksbank: „Die Erträge stabil zu halten ist bei diesem Zinsniveau kaum möglich.“ Die Bank am Schillerplatz erwirtschaftet 80 Prozent ihrer Erträge aus dem Zinsüberschuss. Zwar habe man die Zinsen auf Einlagen schon deutlich gesenkt, „aber da ist nicht mehr viel Spielraum nach unten“. Im Moment liefen zwar noch viele Baufinanzierungen, die in früheren Jahren zu höheren Konditionen abgeschlossen wurden. Doch alle Verträge, die nun endeten, müssten zu niedrigeren Konditionen verlängert werden - sonst gingen die Kunden zur Konkurrenz. Es sei nun wichtiger denn je, die Kosten und Risiken im Griff zu halten.

          Da weder Sparkassen noch Genossenschaftsbanken nervöse Investoren zufriedenstellen müssen, wird in allen Häusern stets darauf hingewiesen, dass man für eine längere Zeit der Niedrigzinsen gewappnet sei, auch wenn dann eine Weile die Erträge niedriger seien als früher. Außerdem gebe es ja noch die zinsunabhängigen Einkünfte wie Provisionen und Beiträge etwa für den Abschluss eines Kreditvertrags, betont Hildner. Die Wiesbadener Volksbank zumindest könne allein aus diesen Einnahmen ihre Verwaltungskosten begleichen.

          Jürgen Weber, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank, verweist auf den großen Bestand an eigenen Wertpapieren, der eine gewisse Manövriermasse biete. Das sichert die Bank nach seiner Ansicht auch gegen den Fall ab, dass die Zinsen dereinst wieder steigen.

          Denn hierin liegt das nächste Risiko für die Banken. Wenn die EZB den Leitzins anhebt und Kreditinstitute wieder höhere Zinssätze für Tagesgeld und andere Anlageformen zahlen, freut das zwar die Sparer. Den Banken können dann aber die Baufinanzierungen und andere Kredite zum Verhängnis werden, die sich ihre Kunden derzeit zu niedrigen Zinsen auf zehn Jahre und mehr haben festschreiben lassen. Denn wenn auf der einen Seite wenig hereinkommt, kann die Bank schlecht auf der anderen Seite viel herausgeben. Mit bestimmten Derivaten sichern sich die Häuser gegen solche Zinsänderungen ab. Doch die kosten noch einmal extra, laut Sparkassenverband Hessen-Thüringen mussten seine Mitgliedsinstitute 2012 fast ein Drittel mehr dafür zahlen als im Jahr davor.

          Gefahr einer Immobilienblase

          „Es bleibt zu hoffen, dass sich die Banken gegen dieses Zinsänderungsrisiko ausreichend abgesichert haben“, sagt Falko Fecht, Finanzprofessor an der Frankfurt School of Finance and Management. Die Gefahr der niedrigeren Zinsüberschüsse hält er bei den Regionalbanken für eher gering. Seine Sorge gilt eher möglichen Preisblasen am Immobilienmarkt, die ebenfalls eine Folge des billigen Geldes sein können. Die Sparkassen und Volksbanken aus der Region haben Baukredite naturgemäß hauptsächlich für Häuser im Rhein-Main-Gebiet gegeben. Sollten sich die in kurzer Zeit stark gestiegenen Preise in einigen Jahren als überhöht erweisen, könnte das bei einigen Regionalbanken tief ins Kontor schlagen. Viele Experten bezweifeln zwar, dass der Preisanstieg im Rhein-Main-Gebiet bald nachlassen wird. Aber Fecht weiß: „Das hat man von Barcelona auch lange gesagt.“

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