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Fluss als neuer Transportweg : Die Wiederentdeckung der Oberweser

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Wasserstraße: Die Weser ist nicht nur für Radwanderer interessant, sondern wird auch als Transportweg schwerer und sperriger Waren immer wichtiger. Bild: dpa

Weil der Zustand von Autobahnen und Brücken immer schlechter wird, sind Unternehmen aus Nordhessen auf den Wasserweg angewiesen. Der Bund aber stuft den Fluss als „sonstiges Gewässer“ herab.

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          Die Unternehmen im weiten Einzugstrichter der Oberweser zwischen Sauerland und Harz, die Industrie- und Handelskammer Kassel (IHK), die Wirtschaftsförderer von Kassel und dem südlichen Niedersachsen, die Interessengemeinschaft (IG) Oberweser sowie die Landesregierungen von Niedersachsen und Hessen geben nicht auf. Sie wehren sich gegen die Einstufung der Bundeswasserstraße in die unterste von vier Kategorien mit der geringschätzenden Wertung „sonstige Gewässer“. Mit einer neuen Studie werben sie für eine Hochstufung in die KategorieC.

          Der Streit ist für Außenstehende nicht leicht nachzuvollziehen. Denn er dreht sich um Vertrauen und Misstrauen, aber das Vertrauen in den Staat als verantwortungsbewusstem Eigentümer und Bewahrer von verkehrlicher Infrastruktur erodiert mit dem Verfall von Straßen und Brücken. Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums ändert die Einstufung der Oberweser zwischen Hannoversch Münden und dem westfälischen Minden zwar nichts am Zustand des Flusses, der auch in Zukunft erhalten bleibe. Die Einteilung der Wasserstraßen in die Kategorien A, B, C und sonstige diene lediglich der „Investitionspriorisierung“.

          Bahn für große Frachten ungeeignet

          Die Vertreter der Unternehmen aber wenden genau an dieser Stelle ein: „Wenn das nächste Mal die Mittel knapp sind, dann wird hier gekürzt“, sagt Joachim Kraus von der Richter Maschinenfabrik AG aus Hessisch Lichtenau. Nicht nur für sein Unternehmen, sondern auch für die Alstom Power Energy Recovery GmbH aus Kassel ist die Weser in den vergangenen Jahren zu einer unverzichtbaren Lebensader geworden. Denn die Investitionsgüter, die diese Unternehmen für den Weltmarkt fertigen, werden immer voluminöser und schwerer, während die maroden Straßen und ihre bröckelnden Brücken immer weniger Lasten tragen, so dass die Maschinenbauunternehmen mit ihren Teilen auf die Wasserstraße ausgewichen sind und diese neu entdeckten.

          Was Deutschland hier zu bieten hat, ist in der Tat ein großartiges Netz aus der Zeit um die Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert mit dem Binnenhafen in Duisburg, dem Kanalhafen in Dortmund, dem Mittellandkanal, der von West nach Ost durch Norddeutschland nach Berlin führt, und der kreuzenden Oberweser, deren Wasserstand mit Hilfe des Eder- und Diemelsees in Nordhessen reguliert wird. Die Schilderung der Unternehmen zeigt, wie wichtig diese Verkehrswege wegen der Vernachlässigung der Straßeninfrastruktur wieder werden können. Die Bahn falle als Transporteur großer und vor allem breiter Bauteile, die über zwei Meter hinausragten, ohnehin aus, sagt Axel Freitag von Alstom aus Kassel, und die Autobahnbrücken begrenzten mit der lichten Höhe von 4,50Meter ebenfalls das Frachtmaß.

          Große Teile über lange Umwege befördert

          Jedoch büßen die Straßen rasch an Qualität ein. Noch im Jahr 2005 konnte die Maschinenfabrik Richter AG aus Hessen ihre Bauteile, die bis zu 190Tonnen wogen, über die Straße zur Verschiffung nach Hamburg fahren. 2007 war das schon nicht mehr möglich, wie Rolf-Jürgen Foellmer von der IG Oberweser die Indizien des schnellen Verfalls schildert, denn immer mehr Brücken würden abgelastet. Sie dürfen nicht mehr für den Transport großer Lasten genutzt werden.

          Auch deshalb müssen die Bauteile über große Umwege transportiert werden. Die Tunnelbohranlage für einen Kunden der Firma Richter im Badischen musste zum Beispiel von Hessisch Lichtenau bei Kassel zunächst über die Autobahn38 bis Leipzig gefahren werden, dann über die A9 durch Thüringen und Franken bis Nürnberg, von dort über die A6 bis Heidelberg und schließlich über die A5 gen Freiburg. Der Straßenweg nach Hamburg führe mittlerweile für sein Unternehmen über Magdeburg, weil der direkte Weg nicht mehr zu nutzen sei, sagt Kraus. Mit dem Schiff kommen aber unterdessen auch wichtige Investitionsgüter in die Region. Ein 120-Tonnen-Bauteil für eine Presse im Volkswagenwerk Kassel wurde, von Spanien über Duisburg kommend, bis Hannoversch Münden geschifft.

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