https://www.faz.net/-gzg-769qn

Fluglärmgegner : Der Aufstand der Bürger geht weiter

Immer noch lärmgeplagt: der Niederräder Jochen Krauß. Bild: von Siebenthal, Jakob

Sie sehen sich nicht als Flughafengegner. Sie zählen auch nicht zu denen, die seit Jahren gegen den Ausbau in Frankfurt kämpfen. Doch seit die vierte Piste in Betrieb ist, protestieren auch Frauen und Männer der bürgerlichen Mitte.

          Das böse Erwachen kam mit der Kanzlerin. Unmittelbar nachdem Angela Merkel am 21.Oktober 2011 zur Eröffnung der vierten Bahn des Frankfurter Flughafens im Regierungsjet eingeflogen war, begann der Betrieb mit vier Bahnen und um 1,4Kilometer nach Norden verschobenen Anflügen. Seither ist in Flörsheim, Niederrad, Oberrad, am Lerchesberg und in den anderen Orten unter den neuen Endanfluglinien nichts mehr, wie es war.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Vor einem Jahr überwog der Schock. Der ist gewichen, die Empörung nicht. Denn der Fluglärm ist seither für die, deren Wohnungen, Häuser und Gärten unter den Anfluglinien liegen, zu einem bestimmenden Teil ihres Lebens geworden. Das gilt auch für die drei Niederräder Helmut Mader, Simone Heinrich und Jochen Krauß. Ausgesucht haben die drei sich das so wenig wie die anderen Neubetroffenen. Der Flugbetrieb ist an sie herangerückt, nicht umgekehrt.

          Arbeitet nicht mehr für Flughafenklinik

          Heinrich, Krauß und Mader sind dem etablierten Frankfurter Bürgertum zuzurechnen - beruflich, wirtschaftlich, auch privat. Mader ist pensionierter Banker mit erwachsenen Kindern, Heinrich studierte Politikwissenschaftlerin, die in Teilzeit arbeitet, um sich so mit ihrem Mann, einem Klinikarzt, um ihre heute vierjährigen Zwillingsbuben kümmern zu können. Die Schwiegereltern, alteingesessene Niederräder, helfen dabei.

          Krauß ist Unfallchirurg und betreibt mit einem Kollegen eine Praxis in Sachsenhausen. Er wohnt ebenfalls mit Frau und zwei Töchtern in dem fast kleinstädtischen Stadtteil. Seinen Nebenjob als Bereitschaftsarzt der Flughafenklinik hat er vor gut einem Jahr hingeworfen. Er habe nicht mehr für ein Unternehmen arbeiten wollen, das derart rücksichtslos mit Menschen umgehe und das den Fluglärm direkt in sein Zuhause und das seiner Familie gebracht habe, sagte er damals.

          Sohn eines Fluglotsen

          Das vergangene Jahr hat ihn eher bestärkt denn besänftigt. Fraport wolle „die Sache durchzuziehen“. Mit Aktionen wie „Ja zu Fra“ versuche der Flughafenbetreiber offensichtlich, seine eigenen Leute bei der Stange zu halten. An die tatsächlich Betroffenen könne sich eine solche „Show“ nicht richten, sagt Krauß.

          Keiner der drei Protestierer hat sich je als Flughafengegner gesehen, sie tun das bis heute nicht. Krauß ist Sohn eines Fluglotsen, Mader war berufsbedingt Vielflieger, schätzt die Nähe zum Flughafen auch heute noch, Heinrich ebenso. Lärmschutzfenster haben alle drei in ihre Häuser einbauen lassen, lange bevor von dem Programm „Passiver Schallschutz“ die Rede war. Sie haben es auf eigene Kosten getan, weil ihnen klar war, dass die Flugzeuge oft in Hörweite von Niederrad zur Landung ansetzen. Dass die Maschinen aber noch einmal knapp anderthalb Kilometer näher kommen würden, damit hatte keiner von ihnen gerechnet.

          Sie hätten es schon viel früher wissen müssen

          Vielbeschäftigt sind alle drei, interessiert, gut informiert - inzwischen besonders über Fluglärm und über Wege der politischen Teilhabe außerhalb der Wahlkabine. Denn vor etwas mehr als einem Jahr haben sie damit begonnen, sich in der „Bürgerinitiative Eintracht gegen Fluglärm - Niederräder im Protest“ zu organisieren.

          Keiner von ihnen bestreitet, dass man es lange vor dem Oktober 2011 hätte wissen und sich schon früher gegen den Ausbau hätte engagieren können. So, wie es beispielsweise die Bürgerinitiative Sachsenhausen seit fast 15Jahren tut. „Aber es ist nun einmal oft so beim Menschen, dass erst die persönliche Betroffenheit ein echtes Problembewusstsein entstehen lässt“, gibt Mader selbstkritisch zu.

          „Lärmterror“

          Trotzdem sei es abwegig, ein Projekt, das derart gravierende Folgen für Gesundheit, Lebensqualität und Eigentum so vieler Menschen habe, nur deshalb als unwiderruflich zu betrachten, weil viele der Neubetroffenen die Folgen des Ausbaus eben unterschätzt oder gar nicht im Blick gehabt hätten, argumentiert er. Zudem hätten sich auch verantwortliche Politiker später selbst erschrocken über den Lärm und seine Folgen gezeigt.

          „Wir haben uns in den letzten zwölf Monaten an den Lärmterror so gewöhnt, wie sich vielleicht ein Gefangener an seine Zelle gewöhnt.“ So beschreibt Mader das Empfinden der Menschen in Niederrad und fügt hinzu: „Das heißt aber nicht, dass wir das als lebenswert betrachten. Genau wie der Gefangene in die Freiheit will, wollen wir, dass die Tortur endet.“

          Unbeirrt und streitbar

          Als besonders bedrückend empfindet es Simone Heinrich, dass der Fluglärm so „unerbittlich und bestimmend“ in ihr Leben und das ihrer Familie eingreife. Freunde ziehen fort, man selbst meidet den schönen Garten, um dem Lärm zu entgehen, und bei offenem Fenster schläft die Familie ohnehin kaum mehr. Die Kinder wissen offenbar längst genau, was ihre Eltern so sehr aufbringt: Beide Jungs forderten sie inzwischen immer wieder auf, „dort“ anzurufen, um laute Flugzeuge zu melden, berichtet Heinrich.

          Wie viele der neuen Aktivisten ist auch Banker Mader kein Mensch, der klagt und dann klein beigibt. Er hat elf Jahre in New York und dreieinhalb Jahre in Tokio als Investmentbanker gearbeitet, verweist aber zugleich mit Stolz darauf, ein echter Bankkaufmann zu sein. Für ein System, das Investment- und Geschäftsbank voneinander trennt, hat er schon in Fachbeiträgen plädiert, als es noch nicht en vogue war. So ruhig und achtsam der gebürtige Stuttgarter auch Gespräche führt, so unbeirrt und streitbar ist er, wenn er etwas als grundfalsch erkennt. Und die Nordwestlandebahn des Frankfurter Flughafens ist so ein Fall.

          Immer schon engagiert - nun eben gegen Fluglärm

          Auch die Vorgänge in seiner Geburtsstadt um das Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“ sind für ihn Indiz, dass sich eine neue politische Kultur in Deutschland etabliert: Die Bürger seien nicht mehr bereit, eine einmal getroffene Entscheidungen der Administration einfach zu erdulden. Dass sich in seiner Heimatstadt am Ende dann doch eine Mehrheit für den Bahnhofsbau gefunden habe, ändert für ihn daran nichts.

          Engagiert ist Mader stets gewesen, in der Kirche, in der eigenen Stiftung für Scheidungswaisen, auch politisch interessiert, soweit es Beruf und Familie zuließen. Seit einem Jahr aber haben er und seine Mitstreiter das Handeln an der Basis der demokratischen Willensbildung neu für sich entdeckt. Sie haben im Ortsbeirat Verbündete gesucht und gefunden, sich mit den etablierten Bürgerinitiativen gegen den Flughafenausbau zusammengetan, um so größere politische Wirkung entfalten zu können.

          Nicht von der Maximalforderung abweichen

          Und es hat funktioniert: Nicht zuletzt die Empörung über den Lärm in vormaligen CDU-Hochburgen machte aus der schon sicher geglaubten Wahl des hessischen Innenministers Boris Rhein (CDU) zum Nachfolger seiner Parteifreundin Petra Roth eine krachende Niederlage eines Hoffnungsträgers der hessischen Union. Neuer Oberbürgermeister wurde der vermeintlich aussichtslose Sozialdemokrat Peter Feldmann.

          Die Niederräder hatten ihm für den Fall ihre Unterstützung zugesagt, dass er sich mindestens für ein „Aufbohren“ des Nachtflugverbots von 23 bis 5 Uhr auf 22 bis 6 Uhr einsetze. Von ihrer Maximalforderung, die Bahn stillzulegen, sind die Niederräder deshalb aber nicht abgewichen. Was Feldmann am Ende wird halten können, ist ungewiss. Denn als Oberbürgermeister gehört er zwar nun dem Aufsichtsrat des Flughafenbetreibers Fraport an, weil die Stadt Frankfurt Anteilseignerin ist. Einfluss auf den Betrieb kann er deshalb aber ohne weiteres nicht nehmen.

          Zu einem „Mainstream-Thema“ geworden

          Mader, früher einmal FDP-Wähler, ist der Ansicht, dass die Grünen die einzige verbliebene bürgerliche Partei sind. Gleichwohl ist ihm nicht entgangen, dass sich gerade die Frankfurter Grünen beim Thema Fluglärm tief weggeduckt haben, um die Koalition mit der CDU im Römer nicht in Gefahr zu bringen.

          Chirurg Krauß ist mit dem ersten Jahr des neuen bürgerlichen Widerstands sehr zufrieden. „Der Fluglärm ist zu einem Mainstream-Thema geworden. Der Protest hat einen sicheren OB verhindert und auch den Titel Green City für Frankfurt“, stellt er nicht ohne Genugtuung fest. Tatsächlich hatte sich Frankfurt bei der EU als „grüne Hauptstadt“ 2014 beworben. Geworden ist es Kopenhagen. Es ist nicht zweifelsfrei zu sagen, ob das nur am Frankfurter Fluglärmprotest gelegen hat. Immerhin hatte der Juryvorsitzende und Generaldirektor der Sektion Umwelt der EU-Kommission, Karl Falkenberg, zuvor in Brüssel Krauß und die langjährige Flughafenausbaugegnerin Ursula Fechter empfangen. „Wir haben damit hoffentlich zeigen können, dass eine Kommune die Bürger nicht einfach so verarschen kann“, kommentiert Krauß.

          SPD aufgescheucht

          Der Politik wollen die neuen Protestbürger auch weiterhin keine Ruhe lassen. Der Christdemokrat Michael Boddenberg, Minister für Bundesangelegenheiten in der hessischen Landesregierung, werde das Mandat im südlichen Frankfurter Wahlkreis37 bei der Landtagswahl im Herbst jedenfalls gewiss nicht mehr gewinnen, ist Mader überzeugt.

          Aber auch die Sozialdemokraten werden von umtriebigen Bürgern aus dem Frankfurter Süden neuerdings ordentlich aufgescheucht: Um in den für Niederrad, Oberrad und Sachsenhausen zuständigen Ortsvereinen als Wahlkreiskandidaten für die Landtagswahl Ralf Heider durchzusetzen, der, wie sie selbst, die Schließung der neuen Landebahn erreichen möchte, wollten unlängst drei Dutzend Anti-Fluglärm-Aktivisten in die SPD eintreten. Die Parteigremien in den südlichen Stadtteilen zeigten sich irritiert. Sie befürchteten, dass den gutbürgerlichen Neumitgliedern die richtigen Motive fehlten. Doch alsbald dachte man innerhalb der SPD um, die Parteiführung griff ein. Inzwischen ist ein großer Teil der Antragsteller tatsächlich aufgenommen worden.

          Die montäglichen Demonstrationen soll es weiter geben

          Noch befremdlicher als das Zaudern der Genossen ist für viele Bürger allerdings der Zuruf des hessischen Justizministers Jörg-Uwe Hahn (FDP), die Fluglärmgegner mögen halt eine eigene Partei gründen. Nicht nur Mader empört diese Einlassung. Auch viele seiner Mitstreiter in den Bürgerinitiativen sehen darin nichts als den Versuch, die Fluglärmgegner auszugrenzen. Was auch immer Hahn tatsächlich bezwecken wollte, sicher ist, die etablierte Politik tut sich ziemlich schwer mit den Protestbürgern.

          Die Niederräder resümieren nach gut einem Jahr zwar auch, dass es bei allem Unmut wichtig sei, das eigene Leben weder vom Fluglärm noch vom Protest dagegen vollends beherrschen zu lassen. Die Planungen der drei Vorkämpfer und ihrer Mitstreiter für dieses Jahr sind trotzdem anspruchsvoll: So wollen sie vor allem dafür sorgen, dass der Fluglärm im hessischen Landtagswahlkampf ein zentrales Thema wird - so, wie er es im Oberbürgermeister-Wahlkampf war.

          Die montäglichen Demonstrationen im Termina l1 des Flughafens, die die Lärmgegner seit Eröffnung der Landebahn veranstalten und zu der immer mehrere hundert, oft auch mehrere tausend Frauen und Männer gekommen sind, wird es weiter geben. Jedenfalls sind sie schon für das ganze Jahr genehmigt. Dass es Kraft kostet, verhehlen Krauß, Heinrich und Mader nicht. Doch von Ermüdung oder gar Resignation ist auch gut 15 Monate nach dem Entschluss, gegen die vierte Bahn aufzustehen, nichts zu spüren. Sie werden weiter protestieren.

          Weitere Themen

          Mehrwegbecher, Hass-Kommentare, Klassik-Autos

          F.A.Z.-Hauptwache : Mehrwegbecher, Hass-Kommentare, Klassik-Autos

          Die frühere IHK-Vizepräsidentin Marlene Haas entwickelte ein Mehrwegsystem für Kaffeebecher aus Pappe. Wird es sich in der Mainmetropole und unter Klimaschützern etablieren? Das und was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main steht in der F.A.Z.-Hauptwache.

          Topmeldungen

          Thunberg beim Klimagipfel : „Wie könnt Ihr es wagen!“

          Greta Thunberg kritisiert beim UN-Klimagipfel in New York die zögerliche Haltung der Politik beim Klimaschutz und reicht eine Menschenrechtsbeschwerde ein. Bundeskanzlerin Merkel antwortet: „Wir alle haben den Weckruf der Jugend gehört.“

          Pendlerpauschale : Habecks Eigentor

          Es sei doch sympathisch, wenn Politiker mal zugeben, dass sie keine Ahnung haben, heißt es. Das stimmt – bei Robert Habeck und der Pendlerpauschale aber ist es fatal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.