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Fluglärm : „Was nützen uns die Zahlen?“

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Im Unterricht lässt er Schüler und Lehrer inne halten, bestimmt den Tagesrhythmus des Hausmeisters - der Fluglärm hält die Fröbel-Schule in Niederrad auf Trab. Bild: Lisowski, Philip

Im Frankfurter Stadtteil Niederrad versucht man, Fluglärm so gut es geht auszublenden. Zu Besuch im Getränkeladen und im Musikunterricht.

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          Er kann die Flugzeuge spüren, bevor er sie hört. Die Wände vibrierten und in der Luft sei ein ständiger Druck, sagt der Hausmeister der Friedrich-Fröbel-Schule in Niederrad. „Die Flugzeuge rhythmisieren den Tag“, sagt er. Etwa 250 Flugzeuge fliegen täglich nach Angaben des Umwelthauses bei Westwind in einer Höhe von etwa 500 Metern über den Stadtteil im Frankfurter Süden hinweg, um auf der neuen Nordwestbahn des Frankfurter Flughafens zu landen.

          Eine Messstation steht auf dem Dach der Fröbel-Schule. Bis zu 85 Dezibel laut sind die Flieger dort im Landeanflug. Der Flieger, der gestern die Flughöhe unterschritten hat, oder der besonders laute Airbus am Morgen- die Fluglärmstatistiken von Umwelthaus oder dem Deutschen Fluglärmdienst sind in Niederrad zu alltäglichen Chiffren geworden, die man verfolgt, über die man sich austauscht oder streitet, wie etwa Aktienkurse für Börsianer. Für Ortsbeirat Ralf Heider sind das Zahlen, die an der Lebenswirklichkeit der Stadtteilbewohner vorbeigehen. „Was nützen uns diese objektiven Zahlen? Was sagt uns ein gemittelter Durchschnitt von 60 Dezibel Lärmbelastung?“. Das drückend dumpfe Rauschen der Flugzeuge beim Sinkflug, das schneidende Heulen, wenn sie bei der Kurskorrektur Schub geben, wie in einer „Maschinenfabrik“ klinge es in Niederrad, sagt der Versicherungsmakler.

          „Sie haben resigniert“

          Seit zwölf Jahren wohnt Heider hier, wenn er durch den Ort geht, grüßen ihn die Menschen freundlich. In den Gesprächen mit den Anwohnern haben sich für Heider zwei Typen herauskristallisiert: Die einen hoffen, dass die Landebahn geschlossen wird. Die anderen glauben, dass der Fluglärm nicht weniger, sondern immer mehr werden wird und nichts dagegen zu machen ist. „Sie haben resigniert“, sagt Heider. Viele würden nun weg ziehen, aber er selbst sieht das nicht ein. Er unterstützt den Kampf der Bürgerinitiativen gegen die Landebahn, „notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof“.

          So richtig bewusst sei den Niederradern der Fluglärm erst geworden, als er über sie donnerte, sagt Heider. Seine paradoxe Erfahrung: „Je näher die Eröffnung der neuen Landebahn rückte, desto weniger interessierte es die Menschen.“ Als er Leute noch im Jahr 2010 warnte, kein Haus in Niederrad zu kaufen, hörte niemand auf ihn. Jetzt seien die Häuser nichts mehr wert, weil keiner mehr hierherziehen wolle. Den Vorwurf, sie seien zu spät aufgewacht, wolle er den Nachbarn deswegen aber nicht machen.

          „Das hat so etwas von Vertreiben“

          Auch Helmut Mader klagt über den Wertverlust seines Hauses. Er hat sich vor zwölf Jahren ein Haus im Süden des Stadtteils gekauft. „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Wohneigentum, darauf habe ich ein Berufsleben lang gespart.“ Er fühle sich enteignet, sagt der pensionierte Banker. Wichtiger als die Wertminderung seiner Immobilie sei ihm aber die „Lebensqualität, die mir weggenommen wurde“.

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