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Flughafen-Attentat : Alleingang in den Dschihad

2. März 2011: Polizisten sichern Spuren an dem amerikanischen Militärbus, in dem die Soldaten erschossen worden waren. Bild: dapd

Heute vor einem Jahr erschoss Arid Uka zwei amerikanische Soldaten am Flughafen. Es war der erste islamistische Mordanschlag in Deutschland.

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          Es wird sich wohl nie klären lassen, was genau im Leben von Arid Uka in den Wochen vor dem 2.März 2011 wirklich geschah. Aber es führte dazu, dass der 21Jahre alte Kosovo-Albaner aus Frankfurt am Flughafen vor dem Terminal2 auf einen amerikanischen Militärbus zusteuerte, eine Pistole zog, zwei Soldaten der Air Force erschoss und zwei weitere schwer verletzte. Und hätte seine Pistole keine Ladehemmung gehabt, hätte er weitere Soldaten getötet. „Allahu Akbar“, hat er dabei gerufen. „Gott ist groß.“

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Attentäter Uka, der vor drei Wochen vom Oberlandesgericht zu lebenslanger Freiheitsstrafe mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt worden ist, hat heute vor einem Jahr den ersten vollendeten Anschlag mit islamistischen Hintergrund auf deutschem Boden verübt. Ein stiller, junger Mann ohne Vorstrafen, der den Sicherheitsbehörden zuvor nie aufgefallen war und aus einem Elternhaus stammt, das zwar durch den Islam geprägt ist, aber, wie die Ermittlungen ergaben, keinesfalls als radikal zu bezeichnen war. Uka passte nicht ins Raster.

          Unter dem Radar der Sicherheitsbehörden

          Das Szenario, auf das sich die Sicherheitsbehörden seit den Anschlägen vom 11.September 2001 auch in Deutschland konzentrierten, ging stets von einem terroristischen Netz aus, nach Art der Quaida oder der 2007 zerschlagenen deutschen Terrorzelle, die als „Sauerland-Gruppe“ bekannt wurde. An einen Einzeltäter, der sich offenbar allein durch das Internet radikalisiert hat, dachte niemand.

          Inzwischen gilt dieser Attentäter-Typus als mindestens so gefährlich wie jene Terroristen, die einer Gruppe angehören - weil sich Einzeltäter gewissermaßen unter dem Radar der Sicherheitsbehörden bewegen und unbemerkt agieren können. Uka sei „ein typischer Fall für eine Selbstradikalisierung durch das Internet“, hatte der Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Alexander Eisvogel, nach dem Urteil des Oberlandesgerichts gesagt. Die Behörde beobachte „neben den bisher üblichen Wegen der Radikalisierung“ eine „digitale Vergemeinschaftung, die in sozialen Netzwerken wie Facebook stattfinde. Das Web 2.0 leiste nun das, was zuvor allein Prediger, Gebetszirkel oder Koranschulen geboten hätten: „die Bildung einer sozialen Gruppe, die auf andere ausstrahlt“.

          Geschwindigkeit der Islamisierung

          In Hessen zählt das Landesamt für Verfassungsschutz derzeit 5200 Islamisten; damit sind jene Muslime gemeint, bei denen eine extremistische Strömung zu erkennen ist und die den Islam über die freiheitlich demokratische Grundordnung stellen. Die Zahl wird nach Angaben der Behörde in diesem Jahr noch einmal deutlich steigen, weil in der Statistik nun erstmals auch Salafisten erfasst werden. Nur Schätzungen gibt es darüber, wie viele Islamisten gewaltbereit sind. Man geht von einer niedrigen dreistelligen Zahl aus. Auch wenn es für die Sicherheitsbehörden sehr schwierig ist, Islamisten aufzuspüren, die sich losgelöst von Moscheen oder Koranschulen selbst radikalisiert haben, wird es dennoch versucht. Nach Worten von Martin Heinemann, Sprecher des hessischen Verfassungsschutzes, hat sich in den vergangenen Jahren ein „ganzheitlicher Bekämpfungsansatz“ entwickelt. Zum einen werde unter anderem das Internet, das sich immer mehr zum Propaganda- und Informationsmedium entwickle, intensiv beobachtet. Zum anderen habe die Behörde „Sicherheitspartnerschaften“ mit potentiellen Rekrutierungsorten wie Moscheevereinen, Koranstuben oder auch Justizvollzugsanstalten gebildet, „um Täter schneller erkennen und Taten somit verhindern zu können“.

          Ein Problem, mit dem sich die Sicherheitsbehörden dennoch auseinandersetzen müssen, ist die Geschwindigkeit, mit der sich Islamisten mittlerweile radikalisieren. Bei Arid Uka soll dieser Prozess nur wenige Wochen gedauert haben. Er hat scheinbar von einem Tag auf den anderen begonnen, sich intensiv mit islamistisch-dschihadistischer Propaganda zu beschäftigen, „aufgrund der er der Ansicht war, der Koran gestatte Selbstmordattentate“, und dass insbesondere amerikanische Soldaten „den Tod verdienten“, wie es im Urteil des Oberlandgerichts heißt.

          „Koran-Projekt“

          Möglicherweise hatte Uka in dieser Zeit aber auch vereinzelt Moscheen aufgesucht und dort Kontakt zu sogenannten Hasspredigern gehabt; einige bekannte Prediger waren auch auf seiner Facebook-Seite zu finden, die er unter dem Kampfnamen „Abu Reyyan“ führte. Jedoch müssen diese Kontakte entweder äußerst konspirativ oder nur peripher innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums stattgefunden haben. Denn Uka fiel den Sicherheitsbehörden nicht auf - im Gegensatz zu einigen anderen jungen Männern, denen man nachweisen konnte, dass sie angehende Dschihadisten waren.

          Derartige Radikalisierungsverläufe wie bei Arid Uka blieben eine Herausforderung für die Sicherheitsbehörden, sagt Verfassungsschützer Heinemann. Deshalb richtet die Behörde ihr Augenmerk verstärkt auf Strukturen, die von islamistischen Predigern bewusst geschaffen werden, um junge Muslime oder Konvertiten für den Salafismus zu gewinnen - mit dem Ziel, einen islamischen Gottesstaat zu errichten.

          Ein Vorhaben, das in diesem Zusammenhang derzeit im Fokus der Sicherheitsbehörde steht, ist das „Koran-Projekt“, das unter anderen der Frankfurter Prediger Abdellatif Rouali mit seinem Verein „Dawa Ffm“ unterstützt, gemeinsam mit dem salafistischen Prediger Pierre Vogel und dessen Gesinnungsgenossen Abu Nagie, gegen den in Nordrhein-Westfalen wegen Volksverhetzung ermittelt wurde. Das „Missionierungsnetzwerk“ verteilt unentgeltlich und in großem Stil Koran-Ausgaben, allein in Deutschland sollen es 25Millionen Exemplare sein. Auch auf der Zeil gibt es seit wenigen Wochen einen solchen Stand, der offenbar von der Stadt geduldet wird. Da die Stadt in der Vergangenheit salafistischen Aktionen eher kritisch gegenüberstand, stellt sich die Frage, wie lange noch.

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