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Flüchtlingsunterkünfte : Drei Umzüge in vier Monaten

  • -Aktualisiert am

Die Taschen sind gepackt: zwölf minderjährige Flüchtlinge ziehen vom Gemeindehaus St. Bonifatius in den umgebauten Gemeindesaal von St.Aposteln um. Bild: Esra Klein

Rund 1500 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge leben in Frankfurt. Platz für sie zu finden ist nicht einfach. Gemeinsam mit der Caritas schaffen Kirchengemeinden Wohnungen, etwa im Gemeindesaal von St.Aposteln in Sachsenhausen.

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          Mohamed schläft oben. Zur Bestätigung klopft der 16 Jahre alte Junge aus Guinea auf die Matratze und rückt das blaugemusterte Kissen zurecht. Das Hochbett aus Metall steht vor einer kahlen Wand, in der Ecke klemmt eine Deutschlandfahne. Hinter dem großen Fenster sind Schrebergärten zu sehen, auf dem Fußboden stapeln sich Plastiktüten. Darin steckt Mohameds Habe.

          Selbstständigkeit ist wichtig

          Anfang der Woche ist er mit elf weiteren Jungen vom Gemeindehaus St.Bonifatius in den eigens für sie umgebauten Gemeindesaal von St.Aposteln in Sachsenhausen gezogen. Sechs von ihnen kommen aus Guinea, drei aus Afghanistan, zwei aus Eritrea und einer aus Iran. Drei Jugendliche kommen in den nächsten Tagen noch dazu. Sie alle sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Deshalb dürfen ihre richtigen Namen nicht genannt werden. Die Jungen zwischen 15 und 17 Jahren sind im Sommer nach Frankfurt gekommen, sie sind ohne Eltern aus der Heimat geflohen, die Vormundschaft haben Mitarbeiter des Jugendamts. Nach Angaben des Sozialdezernats leben im Moment 1500 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Frankfurt.

          Pädagogen der Caritas betreuen die Minderjährigen in der St.-Aposteln-Gemeinde. Sechseinhalb neue Stellen wurden dafür in kurzer Zeit geschaffen. Bald werden es noch einmal so viele sein, wenn nach Renovierungsarbeiten zwölf weitere Jugendliche ins Gemeindehaus von St.Bonifatius einziehen. Die jugendlichen Flüchtlinge werden nach den gleichen Standards untergebracht, die auch für verhaltensauffällige Jungen in den Caritas-Heimen gelten. „Die Pädagogen arbeiten im Schichtdienst, nachts hat immer einer Bereitschaft“, sagt Volker Kusnierz, der die Wohngruppe gegründet hat. Die jungen Flüchtlinge sollen einen Schulabschluss machen und können bis zum 23. Lebensjahr – dann in eigenen Wohnungen – begleitet werden. Kusnierz sagt: „Wir werden sie genau so integrieren und selbständig machen wie die deutschen Jugendlichen.“ Seit Juli besuchen die Flüchtlinge einen Deutschkurs, einige schon den für Fortgeschrittene.

          Alle Jugendhilfeeinrichtungen sind voll

          Einer von ihnen ist Farid. Noch abends im Bett lernt er Vokabeln. Er wartet in der alten Wohnung in St.Bonifatius, weil er sich beim Fußballspielen den Fuß gebrochen hat und nicht beim Tragen helfen kann. Um ihn herum stehen zum Platzen gefüllte Tüten, die Schatten alter Bilderrahmen zeichnen sich auf der Tapete ab. Bevor zwölf neue minderjährige Flüchtlinge hier einziehen, wird die Wohnung, in der zuvor ein altes Ehepaar gewohnt hat, neu tapeziert und gestrichen. Der 16 Jahre alte Junge aus Afghanistan sagt strahlend: „Ich freue mich auf das neue Zuhause, die Jungs haben schon geschrieben, es sei schön.“

          Mit Kirchenasyl, mit dem Flüchtlinge vor Abschiebung geschützt werden sollen, hat die Unterbringung in den Gemeindehäusern der katholischen Kirchen nichts zu tun. „Es ist eine christliche Pflicht, den Armen und Notleidenden zu helfen“, sagt Werner Otto, der Pfarrer der St.-Bonifatius-Gemeinde. Für mindestens 80 Flüchtlinge hat sich nach Angaben der Kirche in katholischen Gemeinden in Frankfurt Platz gefunden. Laut Kusnierz ist das auch dringend nötig, nach der Ankunft vieler Flüchtlinge seien alle Jugendhilfeeinrichtungen voll. Auch Sozialarbeiter und Erzieher seien schwer zu finden.

          Der vierte Umzug wird kommen

          Im knapp 200 Quadratmeter großen Gemeindesaal von St.Aposteln sind nach dem Umbau nur der lederne Ziehharmonika-Raumtrenner und das Kruzifix im Flur unverändert geblieben. Anfang der vergangenen Woche war der Umbau fertig. Die sieben je elf Quadratmeter großen Zimmer, das Büro, die Toiletten und Duschen sind mit Rigipsplatten abgetrennt. Bisher stehen in den Schlafzimmern nur die Betten. Kleiderschränke, Tische und Stühle kommen noch. Zwei oder drei Jungs teilen sich einen Raum. Am Ende des Flurs führt eine Fluchttreppe in den Hof, in dem noch ein Basketballkorb aufgestellt werden soll.

          Die Jugendlichen sind schon zum dritten Mal in Deutschland umgezogen. Erst im Juli in ein Hotel im Bahnhofsviertel, dann in ein Hostel, Ende August in die Wohnung im Gemeindehaus von St.Bonifatius. Immer begleitet von den Pädagogen und Sozialarbeitern der Caritas. Bis Ende 2016 dürfen sie nun in St.Aposteln bleiben. Dann brauchen beide Gruppen, auch die aus dem Gemeindehaus St.Bonifatius, eine neue Unterkunft. Kusnierz sucht schon.

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