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Flüchtlingsunterkünfte : Hinter verschlossenen Türen

  • -Aktualisiert am

Black Box: Wie die Asylbewerber im Neckermann-Gebäude in Fechenheim leben, entzieht sich der freien Berichterstattung. Bild: Helmut Fricke

In hessischen Flüchtlingsunterkünften entscheiden Pressestellen, was Journalisten sehen. Und was nicht.

          5 Min.

          Die Fassade des Neckermann-Gebäudes schweigt über die Menschen, die darin Zuflucht gefunden haben. Hinter den Fenstern der oberen Stockwerke huschen Schatten. Den Blick auf die unteren Stockwerke versperrt ein verhängter Bauzaun. Etwa 1.000 geflüchtete Frauen, Männer und Kinder leben hier. Zeitweise waren es 1.700.

          Über die Lebensumstände dieser Menschen ist keine unabhängige Berichterstattung möglich. Das Pressereferat des zuständigen Regierungspräsidiums Darmstadt gewährt Journalisten nur beschränkten Zutritt. Unabhängig – das heißt ohne Begleitung eines Pressereferenten, der entscheidet, was ein Journalist sieht und was nicht – können Reporter aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Fechenheim nicht berichten.

          „Ich wundere mich, dass ich überhaupt mit Ihnen sprechen darf.“

          Vor der Einrichtung gehen Bewohner auf und ab. Kommt man mit ihnen ins Gespräch, hört man Lob und Beschwerden. Ajmal Ahmadi und Karim Hakimi berichten, dass Sicherheitspersonal im Wohnbereich sehr präsent sei. Die Sicherheitsmänner verhielten sich jedoch immer freundlich. Die Einrichtung sei sauber und aufgeräumt. Das Essen schmecke nicht gut, schlecht schmecke es aber auch nicht.

          Rahaf Aljassem klagt über Schlafräume, in denen sechs, teilweise acht Familien zusammenlebten. Seit vier Monaten ist sie in der Erstaufnahmeeinrichtung, einer Außenstelle der Gießener Zentrale, untergebracht. In den Schlafräumen haben Asylbewerber offenbar auf eigene Kosten Trennwände aufgestellt, mit Hilfe von Seilen Laken durch die Räume gespannt. Die Luft sei immer stickig, sagt Aljassem, selbst wenn sie die Fenster öffne. Und überall liefen Mäuse umher, auch in der Küche.

          Das Neckermann-Gebäude wurde 1958 bis 1961 gebaut, damit darin Angestellte des Versandhändlers arbeiteten, nicht, damit darin Menschen lebten. Für eine große Idee stand das Gebäude trotzdem, denn der Architekt Egon Eiermann wollte „demokratisch bauen“. Deshalb die Treppenschächte an der Fassade, die Außengänge, die auf Höhe jedes Stockwerks um das Gebäude herumführen, deshalb die unzähligen Fenster, durch die Licht ins Gebäude flutet. Alles sollte einsehbar, nichts verborgen sein.

          „Wir haben nichts zu verbergen“

          Melanie Freitag sitzt an ihrem Schreibtisch im vierten Stock. Sie arbeitet für den Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), der die Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen verwaltet, und koordiniert die freiwilligen Helfer. Politisch verantwortlich ist jedoch das Regierungspräsidium Darmstadt. Dessen Informationspolitik ist restriktiv. Freitag sagt: „Ich wundere mich, dass ich überhaupt mit Ihnen sprechen darf.“

          Drei Rundgänge durch die Einrichtung hat es für Pressevertreter bislang gegeben. Einen Rundgang im vergangenen Jahr, als das Gebäude noch leer stand. Dann einen im Februar sowie einen im April, anlässlich des Besuchs von Sozialminister Stefan Grüttner (CDU). Wie auf einem Schulausflug hetzten die Pressevertreter durch die Gänge, sagt ein Journalist, der dabei war. Vertreter des Regierungspräsidiums hielten die Gruppe zusammen: Vorne hätten die Pressereferenten gebremst, hinten angetrieben.

          Im Dezember waren Geflüchtete in das Neckermann-Gebäude gezogen. Sofort gab es Kritik. Die Initiative „Welcome Frankfurt“ klagte in einem offenen Brief, dass Sicherheitsmänner Konflikte mit Bewohnern provozierten. Aus den Wasserleitungen fließe meist kaltes Wasser. Die Mahlzeiten seien nicht nahrhaft. Außerdem äußerte die Initiative Unverständnis, dass für die Kinder in der Erstaufnahmeeinrichtung die Schulpflicht nicht gelte.

          Hoher Besuch: Wenn der hessische Sozialminister Stefan Grüttner vorbeischaut, dürfen auch Journalisten in das Neckermann-Hochhaus.

          Das Sozialministerium bezeichnete die Vorwürfe als nicht nachvollziehbar. „Welcome Frankfurt“ forderte eine unabhängige Beobachtergruppe, die ungehindert Zugang zur Einrichtung erhalten solle. Einige Wochen später, während des zweiten Presserundgangs, soll ein Geflüchteter dann zu einem Journalisten gesagt haben: „Heute sind viele Journalisten da, da ist alles gut. Morgen ist es wieder schlecht.“

          „Wir haben nichts zu verbergen“, beteuert Melanie Freitag. Das Regierungspräsidium hatte dem Interview mit ihr zugestimmt, doch der Freiwilligenkoordinatorin vorab die Regeln mitgeteilt: Keine Rundgänge durch die Erstaufnahmeeinrichtung. Keine Interviews mit Flüchtlingen.

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