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Flüchtlingsunterkünfte : Hinter verschlossenen Türen

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Melanie Freitag erzählt: Wie sie in der Weihnachtszeit von Möbelgeschäft zu Schreinerei und Kleiderkammer gefahren war und gemeinsam mit freiwilligen Helfern in kürzester Zeit das Neckermann-Gebäude in eine Erstaufnahmeeinrichtung verwandelte, wie Tage später über tausend Menschen einzogen. Sie erzählt, wie sie, die gelernte Betriebswirtin, zuvor eine Catering-Firma geleitet hatte, jedoch im vergangenen Jahr kündigte, um in der Erstaufnahmeeinrichtung eine Arbeit zu finden, die Sinn stiftet.

Das Gespräch findet im Büro der Freiwilligenkoordinatorin statt. Die kahlen Wände markieren an diesem Tag die Grenzen der Berichterstattung. Das Regierungspräsidium wird seine Entscheidung später damit begründen, dass kein Pressesprecher in der Unterkunft gewesen sei, um den Journalisten in der Einrichtung umherzuführen.

Alle Pressestellen, die diese Zeitung nach dem Interview mit Freitag um Erlaubnis bittet, eine Flüchtlingsunterkunft unbegleitet zu betreten, weisen die Anfrage mit demselben Argument ab: Unbegleitete Journalisten gefährdeten die Privatsphäre der Flüchtlinge. Es heißt, Fotografen hätten sich bei Presserundgängen unerlaubt Zutritt zu Schlafbereichen verschafft. Außerdem bestehe die Möglichkeit, dass sich Journalisten verirrten und aus Versehen die Privatsphäre der Geflüchteten verletzten.

600 Geflüchtete in Turnhallen

Markus Büttner, Pressesprecher des hessischen Sozialministeriums, sagt, er selbst habe sich einmal in einer Unterkunft verlaufen. Plötzlich hätten Bewohner wild gestikuliert. Nichtsahnend habe er fast den Duschraum der Frauen betreten. Ähnlich argumentiert das Regierungspräsidium Gießen: Pressesprecherin Gabriele Fischer sagt, die hiesige Erstaufnahmeeinrichtung sei weitläufig und sie rate ab, sich ohne Begleitung hineinzuwagen. Auf die Frage, ob sich die Bewohner in Anwesenheit eines Pressesprechers überhaupt trauten, frei zu reden, antwortet Fischer, die Presseleute gäben sich gegenüber Flüchtlingen ohnehin nicht zu erkennen.

Die Stadt Frankfurt hat derzeit etwa 600 Geflüchtete in Schulturnhallen untergebracht. In diesen Notunterkünften ist selbst abhängige Berichterstattung nicht möglich. Manuela Skotnik, Pressesprecherin des Sozialdezernats, sagt, sie sehe keine Veranlassung, Journalisten überhaupt Zutritt zu Notunterkünften zu gewähren. Noch vor Monaten sei sie von Anfragen überrannt worden. Inzwischen habe die Linie des Sozialdezernats unter Journalisten aber Akzeptanz gefunden. Heißt: Reporter versuchten erst gar nicht, in Notunterkünfte zu gelangen.

Landesregierung und Stadt Frankfurt weisen auf ihre Fürsorgepflicht hin. Die Flüchtlinge lebten auf engsten Raum, sagen die Pressesprecher. Einige hätten traumatische Erfahrungen hinter sich. Pflicht der Pressestellen sei es, Flüchtlinge gegenüber Journalisten zu schützen.

Regierungspräsidium entscheidet über Interviewpartner

Freitag ist es sichtlich unangenehm, als das Gespräch auf die Frage kommt, ob man jetzt auch mit den Bewohnern sprechen und im Neckermann-Gebäude umhergehen könne. Sie ringt mit den Vorgaben. Das sieht man ihr an. „Ich bin doch zu nichts befugt“, sagt sie. Es klingt wie eine Entschuldigung

Dann willigt sie doch ein, das Büro zu verlassen. Man könne den neuen Klassenraum besichtigen. Der Raum befindet sich hundert Meter den Flur hinauf, dann links. Auf dem Flur eilen Mitarbeiter des ASB umher. Sie wirken voller Tatendrang. Eine ältere Frau, die in der Einrichtung helfen will, spricht die Koordinatorin an. Endlich habe sie ihr polizeiliche Führungszeugnis dabei, sagt die Frau. Jetzt müsse die Koordinatorin das Zeugnis nur noch kopieren. Es scheint, als nähmen die Dinge im Neckermann-Gebäude ihren geregelten Lauf. Überprüfen lässt sich das nicht.

Das Klassenzimmer ist menschenleer. Es befinden sich Tische und Stühle darin, eine Tafel an der Wand und Metallschränke, an denen mit Klebestreifen Bilder von Giraffen befestigt sind. An einem Seil, das vor den Fenstern entlang gespannt ist, hängen Papiere, darauf Abdrücke schlanker Hände und die Namen der Kinder: Payana, Yahiya, Keleown und Dilba.

Ein letzter Versuch, die Grenzen der Berichterstattung zu verschieben: Ob es in der Unterkunft Bewohner gebe, die sich in Englisch unterhalten könnten?

„Ja“, sagt Melanie Freitag. „Da gibt es zwei Männer aus Eritrea.“

Ob man mit den beiden denn sprechen könne?

„Nein“, sagt sie. „Mit denen kann man nicht sprechen.“

Warum?

„Weil das Regierungspräsidium entscheidet.“

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