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Helmut Schwan (hs.)

Kommentar : Die Flucht im Netz

  • -Aktualisiert am

In der Erstaufnahmestelle Gießen: Der junge Mann auf dem Bild ist aus Eritrea nach Deutschland gekommen. Bild: dpa

Das Smartphone ist für Geflüchtete auf dem Weg in ein sicheres Land überlebenswichtig. Deren digitale Vernetzung hat auch Einfluss auf das Bild, das sich die Welt von Deutschland macht.

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          Wer will, kann sich dieser Tage auch auf hessischen Straßen leicht ein Zerrbild machen vom Flüchtling, der es sich in Deutschland gutgehen lässt. Der Taschengeld kassiert und es gleich in den nächsten Supermarkt trägt für Zigaretten und Schnaps. Und der nichts anderes zu tun hat, als pausenlos am Smartphone zu hängen - „Wer zahlt das überhaupt?“

          An einer solch dumpfen Betrachtung stimmt nur, dass der Exodus ohne die digitale Vernetzung nicht diese Dimension angenommen hätte. Das Handy ist das wichtigste, nicht selten überlebenswichtige Werkzeug der Menschen, die ihre Heimat verlassen. Ohne die Hinweise im Netz auf Rettungsaktionen vor der Küste Italiens, über Schlepper, die einigermaßen seetüchtige Boote einsetzen, über Schlupflöcher auf der Balkanroute, hätten viele nicht gewagt, in Syrien oder in Libyen aufzubrechen.

          Flüchtlinge unterschiedlich gut ausgebildet

          Helfer in Gießen, wo die Erstaufnahmeeinrichtung kaum noch Platz bietet für täglich Hunderte Neuankömmlinge, berichten von einem unentwegten Fluss der Informationen. Dazu gehört die Nachricht nach Hause, wo man gelandet ist, dass es Familie und den Freunden gutgehe. Aber auch, was man sagen und vorweisen muss, wenn man Asyl beantragt, was zu tun ist, wenn die Abschiebung droht. Und dass man sich nicht abhalten lassen sollte, weiter nach Deutschland zu reisen, nur weil man eigentlich dort den Antrag stellen müsste, wo man die Grenze zur EU überschritten hat.

          Viele der Flüchtlinge, vor allem aus Syrien und dem Irak, seien gut ausgebildet, heißt es in Gießen, sie hätten nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihre Existenz als Ingenieure, Ärzte, Beamte, Handwerker oder Selbständige aufgegeben, um Krieg und Elend zu entfliehen. Andere kommen hingegen aus bitterer Armut, aus Eritrea zum Beispiel oder Afghanistan, sie könnten sich noch nicht einmal mit ein paar Brocken Englisch verständigen. Und schließlich bilden viele junge Männer aus dem Kosovo und aus Albanien Gemeinschaften, die sich abschotten und die nach Schlägereien argwöhnisch von den anderen beobachtet werden.

          Deutschlands Wirkung nach außen

          Fast alle aber eint der Wille zu bleiben und das Gefühl, hier sicher und willkommen zu sein. So wird es im digitalen Sturm auch um die Welt getragen, das ist eine gute Botschaft. Das in den neunziger Jahren entstandene Schreckensbild vom fremdenfeindlichen Deutschland scheint mit der Welle der Hilfsbereitschaft zerstoben.

          Nun muss das neue Bild nach innen gegen extremistische Parolen und gegen die Brandstifter verteidigt werden. Aber es gilt auch, die Kräfte auf die zu konzentrieren, die tatsächlich in Not sind. Das sagt sich leicht und ist so schwer angesichts eines Zustroms, dessen Ausmaß keiner kennt. Die nächsten Monate, vielleicht sogar die nächsten Jahre werden zeigen, was diese Gesellschaft leisten kann - und was sie zu tragen bereit ist.

          Helmut Schwan

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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