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Flüchtlingshilfe : Schnellere Hilfe für traumatisierte Flüchtlinge

Hilfe in Notlagen: Die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber unterstützt das Projekt. Bild: dpa

Die Versorgung der Geflüchteten in Hessen soll verbessert werden. Vier psychosoziale Zentren sollen entstehen. Ein großes Problem ist die Sprachbarriere.

          3 Min.

          Ihre Knochen zeichnen sich deutlich unter der Haut ab, die Augen sind leer. Das, was sie auf der Flucht aus Afghanistan erlebt hat, hat ihr die Sprache verschlagen. Hunger verspürt sie schon lange nicht mehr. Weder auf Nahrung noch auf das Leben. Sie will verschwinden, sich auflösen, unsichtbar sein. Die junge Frau, die in der Darmstädter Flüchtlingsunterkunft Michaelisdorf angekommen ist, ist krank. Seelisch und körperlich. Bei einer Körpergröße von 1,90 Metern wiegt sie gerade einmal 40 Kilo. Dass sie Hilfe benötigt, ist nicht zu übersehen.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          In der Erstaufnahmestelle in Darmstadt wurde das Programm „Step by Step“, ein Pilotprojekt zur Betreuung traumatisierter Flüchtlinge, entwickelt. Die junge Frau wird medizinisch, aber auch psychologisch aufgefangen. Vorerst. Aber wie soll es weitergehen, wenn sie die Erstaufnahmestelle verlässt?

          Vier Zentren für Geflüchtete

          In Hessen entstehen in den kommenden Monaten vier Psychosoziale Zentren für Geflüchtete. Das Land unterstützt die Einrichtungen in Kassel, Gießen, Darmstadt und Frankfurt mit jeweils 400 000 Euro jährlich. Jeweils ein Psychotherapeut, zwei Sozialpädagogen und eine Koordinationskraft sollen in den Zentren arbeiten. Sie sollen die psychosoziale Betreuung von Flüchtlingen koordinieren, Mitarbeiter schulen und traumatisierten Flüchtlingen schnell Hilfe anbieten. Außerdem sollen für die Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtungen Sprechzeiten angeboten werden, um den Kontakt zu Flüchtlingen aufzubauen und zu halten. Denn nicht immer seien die Flüchtlinge sofort bereit, über das Erlebte zu sprechen. Viele seien erst einmal mit „Ankommen“ beschäftigt.

          Die Folgen einer Traumatisierung zeigten sich häufig erst einige Monate später, sagt Marianne Leuzinger-Bohleber, die bis 2016 Direktorin am Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts war, das gemeinsam mit dem Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität das Pilotprojekt „Step by Step“ wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse der Studie dienen nun als Grundlage für die Arbeit der Psychosozialen Zentren.

          Angebote zusammenführen

          „Eigentlich müssen alle Helfergruppen zusammenarbeiten. Von der Krankenschwester bis zur Putzfrau“, macht Leuzinger-Bohleber deutlich. Eine der Hauptaufgaben der Psychosozialen Zentren müsse es sein, die bestehenden Angebote zusammenzuführen. „Viele Flüchtlinge sind belastet, aber nicht alle sind schwerst traumatisiert“, sagt sie. Ziel sei es, die begrenzten Hilfsangebote sinnvoll zu nutzen, so Leuzinger-Bohleber.

          Dabei müsse in Erstgesprächen herausgefunden werden, was jeder einzelne Flüchtling in seiner konkreten Situation benötige. Reicht es, einen Austausch mit anderen Flüchtlingen im Rahmen einer Gesprächsrunde anzubieten oder ist eine Einzeltherapie nötig? „Es dauert sehr lange, bis Flüchtlinge überhaupt in die Versorgungsschleife kommen“, sagt Leuzinger-Bohleber. „Bekommen sie aber rasch Hilfe, hat das Langzeitwirkung.“

          Vielen Therapeuten fehlt Wissen

          Auch die Schulung und die Supervision der Ehrenamtlichen, Lehrer und Sozialarbeiter, die in ihrer täglichen Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen zu tun haben, soll in den vier Psychosozialen Zentren stattfinden. „Die Fachleute haben gelernt, mit alldem, was diese Menschen mitbringen, umzugehen. Die Ehrenamtlichen nicht“, sagt Leuzinger-Bohleber.

          Aber sie weiß auch, dass die Arbeit der Psychosozialen Zentren kritisch betrachtet wird. „Es herrscht in der Bevölkerung eine große Angst vor, dass die Flüchtlinge Therapieplätze wegnehmen“, sagt sie. Diese Sichtweise sei zu einseitig. Denn nur wenige Therapeuten seien überhaupt bereit, sich auf die Arbeit mit Kriegsflüchtlingen einzulassen. Vielen fehle es an Wissen und an Fortbildungen auf diesem Gebiet – auch da sollen die Psychosozialen Zentren nachbessern.

          Sprachbarriere als Grundproblem

          Barbara Wolff, Vorsitzende des Frankfurter Arbeitskreises Trauma und Exil, ist maßgeblich am Aufbau des Psychosozialen Zentrums in Frankfurt beteiligt. „Wir arbeiten schon“, sagt sie und verweist auf das Evangelische Zentrum für Beratung und Therapie in der Eschersheimer Landstraße, das Beratungszentrum des Arbeitskreises Trauma und Exil in der Lindleystraße sowie eine Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts. Es gehe in einem nächsten Schritt darum, die bestehenden Angebote besser zusammenzuführen.

          Das allein reiche aber noch nicht aus. Barbara Wolff fordert mehr finanzielle Unterstützung seitens der Politik. Denn ein Grundproblem sei noch immer nicht gelöst. Viele therapeutische Angebote würden von Flüchtlingen gar nicht erst wahrgenommen, weil die Kostenübernahme für Dolmetscher nicht geklärt sei. Es scheitert an der Sprachbarriere. Eine Therapie, einhergehend mit einer psychischen Stabilisierung und somit eine bessere Integration, sei so kaum möglich, sagt Wolff.

          Pufferfunktion

          Stefan Sydow, Leiter der Abteilung Asyl und Integration des Landes Hessen, hofft trotzdem, dass mit den Zentren eine Versorgungslücke geschlossen werden kann. „Bisher hat uns ein Bindeglied zwischen der Erstaufnahme und der kommunalen Ebene gefehlt“, sagt er. Viele der Flüchtlinge hätten zwar unmittelbar nach ihrer Ankunft in einer Erstversorgungseinrichtung die Möglichkeit, psychologischen Rat zu suchen, eine Anschlussversorgung habe aber in den Kommunen gar nicht mehr oder nur unzureichend stattgefunden.

          Das Psychosoziale Zentrum habe auch eine „Pufferfunktion“, meint Sydow. Denn Therapieplätze für Flüchtlinge seien knapp. Durch eine bessere Zusammenarbeit aller Anbieter sollen künftig diejenigen schnell einen Platz bekommen, die auf akute Hilfe angewiesen sind. Andere, die durch alternative Angebote aufgefangen werden können, sollen somit den Behandlungsplatz für die schweren Fälle frei halten, ohne dabei durch das Hilfenetz zu rutschen.

          Die Frau aus Afghanistan hat inzwischen die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen. Ihre weitere therapeutische Begleitung ist geklärt. „Allein für diese Frau hat sich das ganze Projekt schon gelohnt“, sagt Leuzinger-Bohleber.

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