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Ehrenamtliche Flüchtlingshilfe : Trainer, Lehrer und Begleiter

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Eines der unterschiedlichen Projekte: Die Initiative „Teachers on the road“ bietet Geflüchteten Sprachkurse an . Bild: Norbert Müller

Immer mehr Flüchtlinge kommen auch nach Hessen - neben Unterkünften ist auch das Personal knapp. Doch viele Ehrenamtliche helfen in sehr unterschiedlichen Projekten. Was treibt die Helfer an, die Geflüchteten zu unterstützen.

          Ohne Sport wäre Giuseppe Conigliaro nicht da, wo er heute ist. Nicht nur der Fitness wegen, sondern weil er als Jugendlicher gelernt hat, gesunden Ehrgeiz zu entwickeln, und Spaß daran zu haben, Leistung zu zeigen. „Ohne das alles hätte ich mein Abitur nicht geschafft“, sagt der Sechsunddreißigjährige. Seit neun Jahren ist er Vertretungslehrer an einem Gymnasium in Maintal und studiert Sport und Italienisch auf Lehramt. Aber damit nicht genug: Er möchte das, was er gelernt hat, jungen Flüchtlingen vermitteln - als Trainer in einem Modellprojekt der Sportjugend Hessen, das es außer in Maintal noch in Egelsbach und in Butzbach gibt. Ziel ist, Sportvereine und Flüchtlinge zusammenzubringen. „Ich möchte Brücken bauen“, sagt Conigliaro.

          Christine Mayer-Simon schätzt seinen Einsatz sehr. „Freizeitgestaltung ist eine von drei Säulen der Flüchtlingshilfe, die Ehrenamtliche leisten“, so die Sprecherin des Arbeitskreises Asyl in Maintal. Wichtig seien außerdem Deutschkurse und Beratungsangebote. Fast täglich melden sich bei ihr Bürger, die Flüchtlinge unterstützen wollen. Treffen können sie einander zum Beispiel in einem Café und in einer Fahrradwerkstatt. Paten begleiten Asylbewerber zu Behörden und zu Ärzten.

          Neues Projekt „Frankfurt hilft“

          Die Erfahrung, dass viele bereit sind, sich für Flüchtlinge einzusetzen, macht nicht nur Mayer-Simon. „Die Hilfsbereitschaft ist nach wie vor sehr groß“, sagt Dilek Akkaya. Sie soll gemeinsam mit ihrer Kollegin Anita Heise im Auftrag der Stadt die freiwillige Flüchtlingshilfe in Frankfurt koordinieren. Wiesbaden hat das Projekt „Willkommenskultur für Flüchtlinge“ ins Leben gerufen, um die vielen Hilfsangebote und Spenden besser steuern zu können. Dazu gibt es unter anderem ein Online-Formular, in dem Bürger angeben können, wie sie Flüchtlinge unterstützen möchten.

          Akkaya und Heise arbeiten noch am Aufbau des Projekts „Frankfurt hilft“, das das Sozialdezernat gemeinsam mit neun Stiftungen initiiert hat. Auf diesem Feld bewegen sich in Hessens größter Stadt viele Institutionen mit Ehrenamtserfahrung, etwa die Arbeiterwohlfahrt (Awo). Pilar Madariaga leitet die Freiwilligen-Agentur der Awo in Frankfurt und hat ein Projekt in der Flüchtlingshilfe auf die Beine gestellt. Zentrales Prinzip ist für sie, dass sich Freiwillige und Flüchtlinge auf Augenhöhe begegnen können. Rund 200 Ehrenamtliche wurden in dem Projekt seit November 2014 geschult. Zu Madariagas Prinzipien gehört es, Freiwillige meist in Gruppen einzusetzen, etwa in der Hausaufgabenhilfe.

          Nicht jede gut gemeinte Aktion hilft

          Auch Andreas Böss-Ostendorf, dem Koordinator der katholischen Stadtkirche für die Flüchtlingsarbeit, ist es wichtig, Helfer gut vorzubereiten. Die Kirche will ihre Schulungen von September an intensivieren, gemeinsam mit der Caritas und der katholisch-eritreischen Gemeinde, die viel für Flüchtlinge tut, die aus dem afrikanischen Land kommen. Manchmal sei der Hilfebedarf anders, als man es sich vorstelle, sagt Böss-Ostendorf. „Außerdem ist jeder Flüchtling ein Individuum.“

          Helfer genau zu informieren, halten er und Madariaga deshalb für unerlässlich - ein Anliegen, das auch Akkaya und Heise teilen. Genauso wie jenes, darauf zu achten, welchen Hilfebedarf Flüchtlinge oder Flüchtlingsunterkünfte haben, um darauf reagieren zu können. „Manches Angebot ist nicht sinnvoll, obwohl es einem Impuls entspringt, helfen zu wollen“, schildert Madariaga. „Zum Beispiel Kleidung spenden zu wollen oder Möbel.“ Hilfreich hingegen sind Patenschaftsprojekte für Flüchtlinge, wie sie die evangelische Kirche und die Caritas anbieten: Geschulte Freiwillige begleiten Flüchtlinge in deren Alltag.

          Integration der Flüchtlinge neu bewertet

          Wie Böss-Ostendorf beobachtet hat, wollen nicht zuletzt jene Menschen etwas für Flüchtlinge tun, die selbst eine Migrationsgeschichte haben - etwa Asylbewerber, die vor längerer Zeit gekommen sind. Dass die Hilfsbereitschaft größer ist als in den neunziger Jahren, als schon einmal viele Flüchtlinge kamen, führt der Theologe auch darauf zurück, dass es mittlerweile mehr Menschen gibt, die selbst oder deren Eltern Migranten waren.

          Einen Unterschied zu den neunziger Jahren sieht auch Sabine Weber von der Abteilung für Grundsicherung und Flüchtlinge der Stadt Wiesbaden. „Damals war die Hilfsbereitschaft nicht sehr groß.“ Die Einsicht, wie wichtig Integration sei, sei bei vielen erst in den vergangenen Jahren entstanden. Die Hilfsangebote seien zudem durch die Medienberichte über das Elend in den Herkunftsländern der Migranten motiviert. Das sieht auch Böss-Ostendorf so.

          Helfer wissen oft, was Flucht bedeutet

          Seinen Beobachtungen nach können aber auch Vertriebene und deren Kinder eine besondere Sensibilität für Flüchtlinge entwickeln. Jene Familien stellten sich mittlerweile der eigenen Flucht-Geschichte mehr als einst, so dass sie helfen wollten. So wie die 77 Jahre alte Ingrid Grein aus Maintal. „Ich wurde im März 1945 aus Stettin vertrieben und bin bis Dezember herumgeirrt. Ich kann die Probleme der Flüchtlinge total gut nachvollziehen.“ Sie vermietet eine Zweieinhalbzimmer-Wohnung an eine Flüchtlingsfamilie.

          Steffen Klawitter aus Bad Homburg kommt auf die Frage, warum er sich für Flüchtlinge einsetzt, recht bald auf seinen Vater zu sprechen, der einst aus Danzig floh. Klawitter, der bis vor kurzem bei der Deutschen Bank gearbeitet hat und ökologisch wie sozial engagiert ist, sagt, es sei „schade, dass viele ziemlich anonym nebeneinanderher leben“.

          Wie das „Tellerrand“-Projekt hilft

          Ein Ergebnis dieser Haltung ist die Aktion „Über den Tellerrand kochen“. Sie hat jüngst zum ersten Mal in Frankfurt stattgefunden, in der Pfarrei St. Gallus. Einheimische und Flüchtlinge kommen dort zusammen, um gemeinsam zu kochen und zu essen. Klawitter und Nadine Abu-Ghoush haben die Aktion in Frankfurt mitorganisiert. Abu-Ghoush gehört zu jener Abteilung der Deutschen Bank, die Finanztransaktionen unter sozialen und ökologischen Kriterien prüft. Mit ihrer Expertise hat sie schon dem „Tellerrand“-Projekt in Berlin bei dessen Weiterentwicklung geholfen.

          Das Thema Flucht ist auch Teil ihrer Familiengeschichte: Ihr Vater, ein Palästinenser, floh nach dem Sechstagekrieg aus Israel. Über Jordanien kam er als Student nach Deutschland. Außerdem war Nadine Abu-Ghoush ein halbes Jahr lang in Syrien, um Arabisch zu lernen. Sie weiß, dass eine ihrer Freundinnen aus jener Zeit nun in einem Flüchtlingslager im Libanon lebt. „Sie hat doch die gleichen Wünsche wie ich“, sagt sie nachdenklich.

          In Frankfurt soll das „Tellerrand“-Projekt im September fortgesetzt werden. Abu-Ghoush schätzt die lockere Atmosphäre, in der sich Einheimische und Flüchtlinge dabei kennenlernen können.

          Flüchtlinge zeigen großes Engagement

          Anders gelagert ist eines der Hilfsangebote in Wiesbaden: die „Kurse zur Orientierung und Integration“, die Haike Pabst zusammen mit Ralf Klein im Dezember 2014 ins Leben gerufen hat. Außer Sprachunterricht gibt es etwa einen Theaterworkshop und Ausflüge. Gemeinsame Gänge in den Supermarkt dienen dazu, dass sich die Asylbewerber besser orientieren und integrieren können.

          Wie Pabst schildert, gehören zu den rund 25 Lehrern berufstätige Mütter, aber auch ein Unternehmensberater und ein Psychotherapeut. Aber nicht nur die Ehrenamtlichen, sondern auch die Flüchtlinge zeigen Pabst zufolge großes Engagement: „Sie wollen wirklich lernen und ankommen.“

          Es müssen nicht immer spezielle Projekte sein, die Einheimische und Flüchtlinge zusammenbringen, wie Nadine Abu-Ghoush findet. Sie rät, einfach Freizeitaktivitäten dafür zu nutzen. Freunde, die sich ohnehin träfen, könnten doch einen Flüchtling mitnehmen. „Flüchtlinge können so zum Bestandteil des eigenen Lebens werden.“

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