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Ehrenamtliche Flüchtlingshilfe : Trainer, Lehrer und Begleiter

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Integration der Flüchtlinge neu bewertet

Wie Böss-Ostendorf beobachtet hat, wollen nicht zuletzt jene Menschen etwas für Flüchtlinge tun, die selbst eine Migrationsgeschichte haben - etwa Asylbewerber, die vor längerer Zeit gekommen sind. Dass die Hilfsbereitschaft größer ist als in den neunziger Jahren, als schon einmal viele Flüchtlinge kamen, führt der Theologe auch darauf zurück, dass es mittlerweile mehr Menschen gibt, die selbst oder deren Eltern Migranten waren.

Einen Unterschied zu den neunziger Jahren sieht auch Sabine Weber von der Abteilung für Grundsicherung und Flüchtlinge der Stadt Wiesbaden. „Damals war die Hilfsbereitschaft nicht sehr groß.“ Die Einsicht, wie wichtig Integration sei, sei bei vielen erst in den vergangenen Jahren entstanden. Die Hilfsangebote seien zudem durch die Medienberichte über das Elend in den Herkunftsländern der Migranten motiviert. Das sieht auch Böss-Ostendorf so.

Helfer wissen oft, was Flucht bedeutet

Seinen Beobachtungen nach können aber auch Vertriebene und deren Kinder eine besondere Sensibilität für Flüchtlinge entwickeln. Jene Familien stellten sich mittlerweile der eigenen Flucht-Geschichte mehr als einst, so dass sie helfen wollten. So wie die 77 Jahre alte Ingrid Grein aus Maintal. „Ich wurde im März 1945 aus Stettin vertrieben und bin bis Dezember herumgeirrt. Ich kann die Probleme der Flüchtlinge total gut nachvollziehen.“ Sie vermietet eine Zweieinhalbzimmer-Wohnung an eine Flüchtlingsfamilie.

Steffen Klawitter aus Bad Homburg kommt auf die Frage, warum er sich für Flüchtlinge einsetzt, recht bald auf seinen Vater zu sprechen, der einst aus Danzig floh. Klawitter, der bis vor kurzem bei der Deutschen Bank gearbeitet hat und ökologisch wie sozial engagiert ist, sagt, es sei „schade, dass viele ziemlich anonym nebeneinanderher leben“.

Wie das „Tellerrand“-Projekt hilft

Ein Ergebnis dieser Haltung ist die Aktion „Über den Tellerrand kochen“. Sie hat jüngst zum ersten Mal in Frankfurt stattgefunden, in der Pfarrei St. Gallus. Einheimische und Flüchtlinge kommen dort zusammen, um gemeinsam zu kochen und zu essen. Klawitter und Nadine Abu-Ghoush haben die Aktion in Frankfurt mitorganisiert. Abu-Ghoush gehört zu jener Abteilung der Deutschen Bank, die Finanztransaktionen unter sozialen und ökologischen Kriterien prüft. Mit ihrer Expertise hat sie schon dem „Tellerrand“-Projekt in Berlin bei dessen Weiterentwicklung geholfen.

Das Thema Flucht ist auch Teil ihrer Familiengeschichte: Ihr Vater, ein Palästinenser, floh nach dem Sechstagekrieg aus Israel. Über Jordanien kam er als Student nach Deutschland. Außerdem war Nadine Abu-Ghoush ein halbes Jahr lang in Syrien, um Arabisch zu lernen. Sie weiß, dass eine ihrer Freundinnen aus jener Zeit nun in einem Flüchtlingslager im Libanon lebt. „Sie hat doch die gleichen Wünsche wie ich“, sagt sie nachdenklich.

In Frankfurt soll das „Tellerrand“-Projekt im September fortgesetzt werden. Abu-Ghoush schätzt die lockere Atmosphäre, in der sich Einheimische und Flüchtlinge dabei kennenlernen können.

Flüchtlinge zeigen großes Engagement

Anders gelagert ist eines der Hilfsangebote in Wiesbaden: die „Kurse zur Orientierung und Integration“, die Haike Pabst zusammen mit Ralf Klein im Dezember 2014 ins Leben gerufen hat. Außer Sprachunterricht gibt es etwa einen Theaterworkshop und Ausflüge. Gemeinsame Gänge in den Supermarkt dienen dazu, dass sich die Asylbewerber besser orientieren und integrieren können.

Wie Pabst schildert, gehören zu den rund 25 Lehrern berufstätige Mütter, aber auch ein Unternehmensberater und ein Psychotherapeut. Aber nicht nur die Ehrenamtlichen, sondern auch die Flüchtlinge zeigen Pabst zufolge großes Engagement: „Sie wollen wirklich lernen und ankommen.“

Es müssen nicht immer spezielle Projekte sein, die Einheimische und Flüchtlinge zusammenbringen, wie Nadine Abu-Ghoush findet. Sie rät, einfach Freizeitaktivitäten dafür zu nutzen. Freunde, die sich ohnehin träfen, könnten doch einen Flüchtling mitnehmen. „Flüchtlinge können so zum Bestandteil des eigenen Lebens werden.“

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