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Flüchtlinge in Hessen : Integration unter Flutlicht

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Durch den Fußball vereint: Auf dem Sportplatz in Egelsbach trainiert Georg Rademacher (hinten) eine wachsende Gruppe Flüchtlinge. Bild: Helmut Fricke

Auf dem Platz der SG Egelsbach geht es um mehr als Fußball. Jeden Mittwoch trainiert dort eine Mannschaft von Flüchtlingen. Es hat sich ein prominenter Gast angesagt, um das zu würdigen.

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          Mustis Mitspieler sind ungeduldig. „Schieß endlich!“, schreit ein Somali über den Kunstrasenplatz. Musti, ein Afghane, kann sein Ziel sehen und hat genug Zeit. Er zögert nicht lange und zieht ab. Der Schuss fliegt über die Abwehr in den Winkel des gegnerischen Tores. „Schöner Schuss“, raunt es über das Feld. Und dann: „Respekt.“

          Die Flüchtlinge, die an diesem Abend auf dem in Flutlicht getauchten Platz der SG Egelsbach Fußball spielen, haben es geschafft, Tausende Kilometer zu fliehen: Vor der islamistischen Miliz Al Shabaab in Somalia, dem Terror der Taliban am Hindukusch, dem syrischen Bürgerkrieg. Der Fußball hat aus den Fremden Freunde gemacht.

          Das Interesse sei groß, sagt Thomas Geiß, einer der Trainer. Zusammen mit Georg Rademacher trainiert er mit den Flüchtlingen. Mehr als 40Jungen und Männer seien es, die in Egelsbach spielten. Zusammen sind sie die Flüchtlingsmannschaft SGE Refugees United. Jeden Mittwochabend treffen sich die jungen Männer mit Geiß und Rademacher zum „Mitternachtskick“. Auf einem Turnier im Juni hat sie das Trikot der deutschen Nationalelf getragen. Mit Stolz, wie einer der Flüchtlinge sagt.

          Flüchtlinge spielen gegen eine DFB-Mannschaft

          Ständig kommen neue Spieler hinzu. Geiß erinnert sich an einen Somali, der mit viel zu großen Schuhen zum Training kam und unbeholfen herumrutschte. „Der wollte einfach nur dabei sein“, sagt er.

          Die SG Egelsbach ist mit ihrem Engagement nicht allein. Die Initiative „1:0 für ein Willkommen“ der DFB-Stiftung Egidius Braun stellt zusammen mit der Nationalmannschaft und der Bundesregierung für dieses und das nächste Jahr 600.000 Euro zur Verfügung. Die Integrationsarbeit von 600 Vereinen wurde so schon gefördert. Einer davon ist die SG Egelsbach. Von den 500 Euro hat sie vor allem Fußballschuhe gekauft.

          Am Mittwoch werden die SGE Refugees United in Egelsbach gegen eine Betriebsmannschaft des DFB spielen. Mit von der Partie soll auch Präsident Wolfgang Niersbach sein. Das Spiel soll Vereine motivieren, es der SG Egelsbach gleichzutun.

          Viele der Flüchtlinge haben eine Lehre begonnen

          Auf dem Platz geht es um mehr als nur Tore. „Wir haben den Flüchtlingen zuerst einen Fußballdeutsch-Crashkurs gegeben“, sagt Geiß. Auf Tafeln habe man die Fußballbegriffe auf Deutsch aufgeschrieben, dahinter die persische, syrische, arabische oder englische Übersetzung. Nach wenigen Monaten in Deutschland können sich die Flüchtlinge zumindest auf dem Fußballplatz verständigen. „Hintermann“ und „Einwurf“ gehören längst zu ihrem Wortschatz. Einer der ersten Fragen, die sich Geiß stellte, war: „Was heißt eigentlich Schiedsrichter auf Arabisch?“ Doch nach kurzer Zeit haben er und sein Kollege gemerkt: „Wir brauchen überhaupt keinen Schiedsrichter.“ Nie habe es Streit zwischen den Nationalitäten gegeben. Junge Menschen durch Sport in die Gesellschaft einzubinden ist in Egelsbach schon erfolgreich, glauben Rademacher und Geiß.

          Adam, der vergangenen Winter mit viel zu großen Schuhen zum Training gekommen war, unterhält sich zehn Monate später auf Deutsch. Der Somali schenkt seinem Gegenüber meist ein breites Grinsen. „Wenn ich noch besser Deutsch sprechen kann, will ich Medizin studieren“, teilt er seinen Plan mit. „Ich will helfen.“ Derzeit lerne er für ein Zertifikat intensiv die Sprache seiner neuen Heimat. Abuzer, der aus Afghanistan stammt, spricht noch nicht so sicher Deutsch – dafür aber sieben andere Sprachen. Wie viele Spieler der Mitternachtskicker hat er eine Lehre begonnen. Den notwendigen Kontakt hatte er bei einem Turnier geknüpft. „Viele der Flüchtlinge bringen die deutschen Tugenden schon mit. Fast so als wollten sie ja nichts falsch machen“, sagt einer der Trainer. Ein afghanischer Jugendlicher gehe auf ein Gymnasium und gehöre dort zu den Klassenbesten. Für seinen Vater übersetze er die Sprache. Das alles habe der Fußball mit möglich gemacht.

          Jeder Asylbewerber kann Spielerpass bekommen

          Mittlerweile spielen einige der jungen Männer in den Herrenmannschaften der SG. Nichts sei integrativer als ein gemeinsamer Sieg oder auch eine gemeinsame Niederlage, meint Geiß. Der Fußball helfe den Flüchtlingen, im fremden Land Fuß zu fassen und aus den Wohnheimen rauszukommen. Viele hätten ihren ersten Kontakt zu Deutschen dem gemeinsamen Training zu verdanken. Geiß sagt: „Dem Gegner ist es egal, wer in der anderen Mannschaft spielt.“

          Mittlerweile könne jeder Asylbewerber einen Spielerpass bekommen und in den regulären Mannschaften mitkicken. Zuvor hatte es Komplikationen für minderjährige Flüchtlinge gegeben. Eine Bestätigung der Eltern oder des ehemaligen Vereins im Heimatland war notwendig. Was aber, wenn die Eltern tot sind und der Verein nicht mehr existiert? Glücklicherweise seien die Aufnahmeverfahren mittlerweile beschleunigt worden. „Wir und die Jungs wollen einfach nur kicken“, sagt Geiß. Über die Fluchtgeschichten oder Schicksalsschläge rede man kaum. Vielmehr sei der Fußball dazu da, diese Ereignisse hinter sich zu lassen.

          „Es ist ein Wir entstanden“

          Dafür rücken andere Dinge in den Blickpunkt. Als ein Junge nahe der Eckfahne ins Aus schießt und – ebenfalls auf Deutsch – eine Ecke fordert, lachen die anderen. „Das glaubst du ja selbst nicht“, sagt einer und zieht sich das Augenlid runter. Nach dem Spiel sind die jungen Männer wieder eine Mannschaft. Gemeinsam posieren sie für ein Foto vor dem Tor. „Es ist ein Wir entstanden“, sagt Geiß.

          Anwohner in Egelsbach berichten, dass es im Wohnheim der Flüchtlinge viel ruhiger geworden sei, seit sich Jungen und Männer beim Mitternachtsfußball austoben können. Dass sich Egelsbacher und Flüchtlinge in der Stadt begrüßen, sei keine Seltenheit mehr.

          Am meisten sind aber die Flüchtlinge selbst begeistert vom Engagement der Vereine und der Willkommenskultur. Nach dem Mitternachtskick sagt einer von ihnen: „Deutschland sollte stolz auf sich sein.“

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