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Flüchtlinge in Frankfurt : Zwischen Hoffen und Heimweh

  • -Aktualisiert am

Hochkonzentriert: Dieser Mann ist in die Lektüre seines Deutschmaterials vertieft. Schon vor Beginn des Sprachkurses saß er auf dem Hof in der Sonne und lernte. Bild: Frank Röth

Die Flüchtlingsunterkunft am Alten Flugplatz Bonames liegt mitten im Landschaftsschutzgebiet. Für die Kinder ist das schön zum Spielen. Manchen Eltern wäre es aber lieber, zentraler zu leben.

          Als Azade Hossaini das erste Mal deutschen Boden betrat, da war es stockdunkel. Ein Schlepper hatte sie, ihren Mann und die beiden Kinder mit einer Gruppe von 60 Menschen in einem Transporter ohne Fenster von Ungarn nach Deutschland gefahren. Der Mann warf die Gruppe irgendwo raus aus dem Transporter und sagte: „Ihr seid bei München.“ Sie standen in einem Maisfeld, alles war nass.

          Martin Ochmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Gruppe ging in das nächstgelegene Dorf, einer klingelte an einem Haus. Ein älteres Ehepaar öffnete, es hatte Angst und rief die Polizei. Vier Streifenwagen kamen und holten die Flüchtlinge ab. „Da wurden wir zum ersten Mal seit langem wie Menschen behandelt. „Die Polizisten sagten: ,Setzen Sie sich, hier ist Essen und Spielzeug für die Kinder, duschen Sie erst einmal‘“, sagt Hossaini (alle Namen der Flüchtlinge geändert).

          „Das hier sind fürstliche Verhältnisse“

          Das war am 25. August 2015. Dreizehn Monate später sitzt die 25 Jahre alte Hossaini aus Kabul auf einem Bett in einem kahlen Raum im Wohnmodul 7 der Flüchtlingsunterkunft am Alten Flugplatz Bonames. Auf dem Boden liegt ein großer roter Teppich, im Fernsehen läuft eine iranische Sendung: Ein gütig aussehender, weißhaariger Mann im Wollpullover, der Werbung für griechischen Käse machen könnte, steht inmitten einer Schafherde und redet charmant mit einer Kopftuch tragenden Frau. Unter dem Fernseher liegen ein paar Stofftiere, ein grünes Monster, ein brauner Hase und ein Hund mit Stirnband.

          Zwischendurch kommen Hossainis Kinder in den Raum, Tochter Kereshma, acht Jahre alt, und Sohn Yousef, sechs Jahre. Sie sagen „Hi“ oder „Hallo“ und gehen ihres Weges. Kereshma geht in die Schule, es gefalle ihr sehr gut, sagt Hossaini. Ihr zehn Jahre älterer Mann Farhad Herati besucht gerade einen Deutschkurs. Wenn er vorbei ist und ihr Mann sich um die Kinder kümmern kann, will Hossaini Deutsch lernen gehen. Von draußen hört man die Rufe spielender Kinder. Die Herbstsonne scheint in das geräumige Zimmer, vor dem großen Fenster steht eine Pappel, deren Blätter leicht zittern, wenn ein Windhauch weht. Der Familie geht es gut in Deutschland. „Wir haben so viel Schlimmes erlebt, das hier sind fürstliche Verhältnisse“, sagt Hossaini.

          Eigene Familie schlug Hossainis Mann zusammen

          Auf dem blauen Sofa neben ihr liegt ein Samsung-Handy. Die junge Frau nimmt es in die Hand und zeigt ein Video. Man sieht den Kopf eines Mannes auf einem Krankenbett, immer wieder sackt der Kopf von einer Seite zur anderen. Beide Augen sind zugeschwollen, und überall im Gesicht sind lila Blutergüsse.

          Heimat auf Zeit: In diesen Wohnungen leben die Flüchtlinge. Die Flagge rechts zeigt, dass viele von ihnen Deutschland dankbar sind.

          Von der Stirn entlang des Haaransatzes bis unter das Ohr zieht sich eine genähte Wunde. „Das ist mein Mann“, sagt Hossaini. Sie weint. Die eigene Familie hat ihren Mann so zusammengeschlagen, den Kopf schlugen sie immer wieder auf den Boden. Denn Hossaini sollte eigentlich einen anderen Mann heiraten, den Cousin väterlicherseits. „Ich kann aber niemanden heiraten, den ich nicht mag“, sagt die junge Frau.

          Also floh sie vor acht Jahren mit dem Mann, den sie liebte, aus Afghanistan. In der Türkei, wo offensichtlich niemand willige Arbeitskräfte nach Herkunft und Papieren fragt, bauten sie sich eine Existenz auf, sie arbeitete in einem Kleidergeschäft, der Mann in einer Möbelmanufaktur. „Es ging uns gut in der Türkei, wir hatten Goldschmuck als Wertanlage, aus wirtschaftlichen Gründen mussten wir nicht fliehen“, sagt Hossaini.

          Neben den Wohnmodulen plätschert der Kalbach

          Zwei Jahre lang lebten sie in der Türkei. Aber das Land mit seinen offenen Grenzen bot keine Sicherheit. Die Wut über die gekränkte Ehre war zu groß, Familienmitglieder berichteten Hossaini, dass es für einige Verwandte nur noch ein Ziel gebe: das Paar zu töten. Zweimal hatten die Familien die beiden auf der Flucht schon gestellt, einmal in Pakistan, das zweite Mal in Iran. Beide Male wurde Farhad Herati zusammengeschlagen. Auf BBC hörte das Paar schließlich, dass Angela Merkel gesagt habe, Deutschland nehme die Flüchtlinge auf. Über die Balkan-Route ging es nach Deutschland. In die Sicherheit.

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