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Flüchtlingshilfe in Darmstadt : Ein Bundeswehrsoldat als Brückenbauer

  • -Aktualisiert am

Austausch: Flüchtlinge aus Syrien schildern dem deutschen Soldaten Abudi Akil in ihrer Muttersprache Erlebnisse aus der Heimat. Bild: Marcus Kaufhold

Stabsunteroffizier Abudi Akil hat syrische Wurzeln. Im Moment ist er damit in der Starkenburg-Kaserne in Darmstadt ein gefragter Mann.

          Wer mit Abudi Akil das erste Mal telefoniert, erkennt auf Anhieb den gebürtigen Hessen. In dem gemütlichen Dialekt kann sich der 33 Jahre alte Bundeswehrsoldat im Moment am Zaun der Starkenburg-Kaserne aber schlecht unterhalten. Denn direkt am Eingang zu dem Bundeswehrareal ist in den vergangenen drei Wochen eine Außenstelle des Gießener Erstaufnahmelagers entstanden, in dem viele Flüchtlinge aus Syrien Aufnahme gefunden haben. Und die sprechen arabisch, so wie jene Frauen, die gestern angeregt mit Akil am Eingang des Camps plauderten.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Ein Stabsunteroffizier der Bundeswehr, mit dem syrische Flüchtlinge in ihrer Muttersprache reden? Vor dem sie keine Furcht haben müssen, weil der Mann in Uniform so ganz anders ist als die Militärs, mit denen sie in ihrer Heimat zu tun hatten? Der sie freundlich begrüßt, mit ihnen lacht und ihnen die ersten Wörter in Deutsch beibringt? Und dabei erklärt, dass man vor deutschen Soldaten keine Angst haben muss? Akil kann das alles, weil er ein deutscher Staatsbürger in Uniform mit syrischen Wurzeln ist.

          Akils Großvater lebt noch in Syrien

          Deshalb wurde er in Darmstadt innerhalb von wenigen Tagen informell und vollkommen überraschend zu einem gefragten Gesprächspartner und Brückenbauer: „Wenn ich mit den Flüchtlingen aus Syrien rede, dann passiert immer etwas mit ihnen. Ich glaube, es ist für sie ein tolles Gefühl, hier auf jemanden wie mich zu treffen.“

          Tatsächlich ist Akil das, was Kasernen-Kommandeur Sönke Remmers ein „gutes Beispiel für Integration“ nennt. Akils Vater kam vor mehr als 40 Jahren aus der syrischen Stadt Aleppo, wo heute noch der Großvater und ein Onkel leben, nach Deutschland. Sohn Abudi besuchte in Wiesbaden die Schule, absolvierte anschließend den Wehrdienst bei der Bundeswehr, machte eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann und arbeitete zunächst einige Zeit als Betriebsleiter einer Diskothek, bevor er wieder zurück zur Bundeswehr ging.

          „Angst vor Scharfschützen und Bomben“

          Weil sein Chef in der Starkenburg-Kaserne Koordinator des Hessentags ist, sind dort Akils Organisationsfähigkeiten in der „zivil-militärischen Zusammenarbeit“ gefragt und plötzlich nun auch seine Dolmetscherdienste, bislang allerdings nur auf privater Basis. Denn noch haben die Behörden keine Form gefunden, die unentdeckten Sprachtalente von Soldaten oder Verwaltungsmitarbeitern und deren multikulturelle Kompetenzen für die Betreuung von Flüchtlingen einzusetzen.

          Akil weiß, wovon die syrischen Flüchtlinge sprechen, und er kann ihre Gefühle teilen. Denn seine Verwandten in Aleppo erzählen ihm das Gleiche, was er am Zaun zu hören bekommt: „Es gibt keinen Strom in der Stadt, kein Wasser, aber Schüsse und die ständige Angst vor Scharfschützen und Bomben.“ Ein entferntes Mitglied seiner Familie, noch vor kurzem praktizierender Arzt in Syrien, sei nach Deutschland geflohen „nur mit dem, was er auf der Haut trug, denn die Schleuser erlauben niemandem, Gepäck mitzunehmen, weil das im Boot oder Bus Platz wegnimmt. Dafür bringen sie lieber noch einen Flüchtling unter.“ Warum hat der Mann seine Heimat verlassen? „Jede Kriegsseite hat zu ihm gesagt, wenn du die anderen behandelst, dann töten wir dich. Da hat er keinen anderen Weg mehr gesehen.“

          „Wie gut es uns doch hier geht“

          Die Betreuung von Flüchtlingen gehört nicht zu den Aufgaben der Soldaten in der Starkenburg-Kaserne. Remmers und seine Männer haben aber auf dem kurzen Dienstweg dabei geholfen, dass Darmstadt der Aufforderung des Landes nachkommen und innerhalb von zwei Tagen Zelte für 250Menschen aufbauen konnte. Sie stehen direkt neben dem Kasernen-Eingang. In der Nähe befinden sich die Gebäude des ehemaligen Kreiswehrersatzamtes, in der Unterkünfte für weitere 350Menschen eingerichtet wurden.

          Alle Asylbewerber können die Erstaufnahme-Einrichtung verlassen und nutzen diese Möglichkeit auch, um Darmstadt kennenzulernen. Was erhoffen sie sich in Deutschland? Welche Wünsche und Hoffnungen werden dem „Landsmann“ Akil am Zaun erzählt? „Es gibt für die Leute aus Syrien zunächst nichts Schöneres, als morgens wach zu werden, weil man ausgeschlafen hat und nicht durch Schüsse oder Bombenschläge aufgeschreckt wurde.“ Sehr wichtig sei ihnen das Handy, weil sie nur so Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen könnten. Dann wünschten sie sich ein Dach über dem Kopf und Kleider, da viele auf der Flucht nichts hätten mitnehmen können. „Und die Sprache ist ein wichtiges Ding. Alle wollen unbedingt Deutsch lernen.“

          Akil ist aufgefallen, dass die vielen Kinder im Camp alle sehr lebenslustig sind, fügt aber an, „Traumatisierung durch Krieg kommt manchmal später“. Durch seine Gespräche am Zaun gebe er den Erwachsenen das Gefühl, hier in Deutschland sicher zu sein. „Ich spüre, wie von ihnen da eine Last abfällt.“ Auch ihn selbst, den Soldaten, der gelobt hat, Deutschland treu zu dienen, haben die vielen Kontakte zu den Flüchtlingen verändert. „Ich habe mich in den letzten Tagen immer wieder gefragt, was wäre mit mir passiert, wenn mein Vater nicht nach Deutschland gekommen wäre. Mir zeigen die Gespräche, wie gut es uns doch hier geht.“ Mit Plaudereien am Zaun will er es deshalb nicht belassen, sondern demnächst privat den Landsleuten aus Syrien etwas Deutsch beibringen, vielleicht ein- bis zweimal die Woche nach Dienstschluss.

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