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Ärger um Unterkunft : Flüchtlinge bleiben am Alten Flugplatz

Naturverträglich: Auf Wunsch der Ortsbeiräte wird die Flüchtlingsunterkunft im Grüngürtel nicht geschlossen Bild: Etienne Lehnen

Eigentlich müsste die für nur drei Jahre genehmigte Unterkunft an der Grenze von Bonames und Kalbach im Dezember schließen. Jetzt soll sie aber für drei weitere Jahre betrieben werden.

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          Die ursprünglich auf drei Jahre befristete Flüchtlingsunterkunft am Alten Flugplatz an der Grenze von Kalbach und Bonames und auf einem Gelände, das Teil des Frankfurter Grüngürtels ist, soll weitere drei Jahre bleiben. Darauf haben sich die beiden zuständigen Ortsbeiräte zusammen mit Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) und Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Die Grünen) gestern verständigt. Anregt haben diesen Schritt die Ortsbeiräte, die bei der Stadt formal angefragt hatten, was denn aus den 336 Flüchtlingen – fast ausschließlich Familien mit Kindern, die in Kalbach, Bonames und am Riedberg zur Schule gehen – werden solle, wenn die Einrichtung Ende dieses Jahres schließe. In den Anfragen machten die Stadtteilpolitiker deutlich, dass sie für deren Verbleib seien. Die Liegenschaft am Alten Flugplatz habe sich bewährt, teilte etwa der Ortsbeirat, der auch für Bonames zuständig ist, dem Magistrat mit. Erwartete „negative Auswirkungen auf Flora und Fauna“ sowie die Vermutung, dass die Flüchtlinge dort isoliert lebten, „haben sich nicht bestätigt“.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Birkenfeld zeigte sich äußerst zufrieden über das Engagement der Ortsbeiräte. Sie zeigten, wie sehr sie im Interesse der Flüchtlinge mitdächten und deren Integration aktiv unterstützten. „Das ist nicht selbstverständlich“; vor allem sei es nach den massiven Protesten von vor zwei Jahren, als die Errichtung der Unterkunft ankündigt wurde, nicht zu erwarten gewesen. Damals waren Bürger aus den beiden Stadtteilen, aber auch Naturschützer und Freunde des Frankfurter Grüngürtels Sturm gelaufen, als die beiden Dezernentinnen Birkenfeld und Heilig wenige Tage nach der Kommunalwahl im März 2016 plötzlich ankündigten, auf einem Gelände, das nicht nur im Grüngürtel und damit im Landschaftsschutzgebiet liegt, sondern das auch ein beliebtes Ausflugziel ist, eine Unterkunft für Flüchtlinge bauen zu wollen. Eine Bürgerinitiative ging gerichtlich gegen das Vorhaben vor und erreichte sogar vorübergehend einen Baustopp. Bejubelt haben die Entscheidung seinerzeit nicht einmal die Flüchtlingsfamilien, die bis dahin in Wohnungen im Gallusviertel lebten. Sie hatten das Gefühl, an den Stadtrand verlegt zu werden.

          Gestern nun zeigten sich alle Anwesenden angetan von der von der Frankfurter Diakonie geleiteten Einrichtung und der engen Verbindung der Flüchtlingsfamilien mit den Anwohnern in Kalbach und Bonames. Heilig sprach von einer „superguten Zusammenarbeit“, die auch für die gemeinsame Naturschutzarbeit gelte. So seien etwa am Amphibienschutzkonzept Flüchtlinge beteiligt. „Wir glauben, dass die Einrichtung naturverträglich ist.“

          „Uns ist nichts Negatives bekannt“

          „Es ist klasse, was gemacht wird“, sagte ein Ortsbeiratsmitglied. „Uns ist nichts Negatives bekannt“, sagte die Kalbacher Ortsvorsteherin Carolin Friedrich (CDU), die Einrichtung laufe „geräuschlos“. Meist nehme man die 336 Menschen, von denen mehr als die Hälfte Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind, gar nicht wahr. Wenn die Betreiber der Einrichtung Aufrufe starteten, gebe es sehr viele Bürger, die mitmachten. „Wir sind alle froh, dass wir an dieser Stelle helfen können“, sagte Friedrich. Es sei gelungen, ein „Refugium zu schaffen“, in dem die Betreuung von Flüchtlingen und damit die Integration „anders läuft als andernorts“.

          Der CDU-Politiker Robert Lange, Ortsvorsteher von Bonames, erinnerte daran, dass die Situation im Frühjahr 2016 nicht nur in Bonames, sondern insgesamt in der Stadt nicht einfach gewesen sei. Wenige Monate nachdem der große Flüchtlingsstrom in Deutschland angekommen sei, habe niemand abschätzen können, wie viele Flüchtlinge noch kommen würden. Er habe sich damals für die Schaffung der Unterkunft am Alten Flugplatz eingesetzt, obwohl sich Bonames wegen der umstrittenen Änderungen am geplanten Neubaugebiet Am Eschbachtal und der nicht geklärten Verkehrsfrage in einer „beschissenen Situation“ befunden habe. Die Bonameser hätten dennoch die Unterbringung akzeptiert und stünden nun sogar für die Verlängerung ein, sagte Lange. Aus dem einstigen Leuchtturmprojekt für den Naturschutz sei nun ein weiteres für die Integration von Flüchtlingen geworden.

          Rechtzeitiges Engagement der Stadtteilpolitiker

          Für Birkenfeld kommt das Engagement der Stadtteilpolitiker genau zur richtigen Zeit. Das Sozialdezernat muss derzeit jede Woche zehn Flüchtlinge neu aufnehmen. Eigentlich müssten es sogar 15 Personen sein, doch das Regierungspräsidium Darmstadt gewährt der Stadt wegen der großen Belastung eine Art Stundung. Denn Birkenfelds zentrales Problem ist, dass wegen des angespannten Wohnungsmarkts zu wenige Flüchtlinge in reguläre Wohnungen umziehen. Auch die 2600 anerkannten Flüchtlinge und solche, die einen subsidiären Schutz genießen, leben noch in städtischen Einrichtungen, so dass sich die Zahl derer, die auf eine Unterbringung durch die Stadt angewiesen sind, auf insgesamt 4900 Personen beläuft.

          Birkenfeld erwartet, dass die Zahl bis zum Jahresende um 200 bis 250 Personen steigt, und hat deshalb bereits den sogenannten Labsaal in Bockenheim wieder als Unterkunft geöffnet. Zudem will sie zum 1.Juli auch die Sport- und Kulturhalle Unterliederbach wieder in Betrieb nehmen. Ein Grund für die steigende Zahl sind Familiennachzug und Geburten. Allein am Alten Flugplatz wurden im vergangenen Jahr 15 Kinder geboren. Insgesamt sind aus der Einrichtung am Alten Flugplatz seit Juni 2016, als die Einrichtung in Betrieb ging, 74 Personen in Wohnungen umgezogen. In 64 Fällen, so Diakoniechef Michael Frase, habe die evangelische Kirche geholfen. Und heute wollen alle, Betreiber, Bürger und Flüchtlinge, gemeinsam mit einem großen Fest das zweijährige Bestehen der Unterkunft feiern.

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