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Integration bei Samson : Mit Werkzeug-Memory und Mathe-Programm

Übungssache: Michaele Hayelom aus Eritrea hat von der Samson AG einen Fördervertrag erhalten und bereitet sich in der Lehrwerkstatt auf seine Ausbildung vor. Bild: Unternehmen

Mit einer gehörigen Portion Hartnäckigkeit hat der Großventile-Hersteller Samson ein Programm zur Ausbildung von Flüchtlingen aufgelegt. Die Migranten zeigen sich motiviert - und manche Mitarbeiter sehr einfallsreich.

          Der junge Mann mit der hohen Stirn und den schwarzen Locken schaut konzentriert auf ein kleines Metallstück. Das nicht ganz handtellergroße Teil klemmt zwischen den Backen des Schraubstocks, der in Hüfthöhe auf der Werkbank vor ihm steht. Seit einigen Minuten müht er sich ab, das Metallstück mit einer Eisensäge zu teilen. Plötzlich hält er inne, greift sich einen Pinsel und wischt feine graue Späne vom Schraubstock, bevor er die Säge abermals ansetzt. Der junge Mann heißt Michaele Hayelom, kommt aus Eritrea im Osten Afrikas und hat es als einer von acht Flüchtlingen in die Lehrwerkstatt von Samson geschafft.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Großventile-Hersteller aus dem Frankfurter Osten, der Fernwärmenetze ebenso ausstattet wie Chemiebetriebe, Brauereien und Raffinerien, hat gute Erfahrungen mit Eritreern gemacht. „Sie sind unglaublich genau“, sagt Matthias Ganz, der das Personalwesen des Unternehmens leitet und Hayelom zusieht. Auch die sieben anderen Neuzugänge haben sich in der Lehrwerkstatt gut eingeführt. „Hier ist keiner krank, keiner zu spät - und wenn einer zu einer Behörde muss, bringt er von sich aus eine Bescheinigung mit“, berichtet Ausbildungsleiterin Andrea Schmidt und hebt hervor: „Sie sind alle sehr motiviert.“

          Mit „Dreisprung“ zur Einstellung

          Sie - das sind vier Eritreer, zwei junge Männer aus Somalia, ein Kongolese und ein Syrer. Sie wohnen in Frankfurt, im Hochtaunus und im Main-Taunus-Kreis und sind über das Jobcenter, die gemeinnützige AG Joblinge oder das Bildungswerk Frankfurt zu Samson gekommen. Die Firma hat Förderverträge mit den acht Migranten, die asylberechtigt sind, abgeschlossen. Zuvor waren sie zur „Kompetenzfeststellung“, wie es im Amtsdeutsch heißt, im Betrieb. Sie haben also ein Praktikum gemacht. In dessen Verlauf fand die Firma heraus, was sie alles können. Derzeit machen sechs Afghanen ein Praktikum. Wenn es mit ihnen klappt, könnten sie in absehbarer Zeit eine Lehre bei der Samson AG antreten, hebt Personalleiter Ganz hervor.

          Mit seinem „kaskadenartigen Modell“, wie er den Dreisprung Praktikum-Fördervertrag-Ausbildung nennt, will das Unternehmen bis zu 30 Flüchtlinge einstellen. Diese Ausbildungsplätze bietet der nicht börsennotierte, auf der ganzen Welt vertretene Konzern zusätzlich an, um mögliche Eifersüchteleien und Neid unter einheimischen Bewerbern erst gar nicht aufkommen zu lassen. Die Lehrstellen gesellen sich zu den 50 hinzu, die Samson jedes Jahr ausschreibt, wie Ganz weiter erläutert. Mit seinem Programm zur beruflichen Integration von Flüchtlingen hat das Unternehmen im Vergleich zu vielen anderen Firmen klar die Nase vorn. Dies hat Samson nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit geschafft.

          Mit Memory zum besseren Deutsch

          Die Flüchtlinge bereiten sich in der Lehrwerkstatt auf die Ausbildung vor. Drei wollen Zerspanungsmechaniker lernen, das hieß früher Dreher. Drei andere haben Industriemechaniker gewählt, und die zwei übrigen möchten Fachlagerist werden. Ihre Förderverträge laufen über sechs Monate, dann beginnt die Lehre. Bis Herbst schickt sie die Firma in verschiedene Abteilungen, wie Schmidt sagt. Dort sollen sie nicht zuletzt die Lehrlinge kennenlernen. Hellgraue T-Shirts mit dunkelgrau-roten Streifen an Hals und Ärmel sowie Samson-Logo links auf der Brust tragen sie schon jetzt, einen Zugangsausweis sowieso.

          Wer sich etwa mit Hayelom unterhält, merkt umgehend: Die Nachwuchskräfte sprechen schon ziemlich gut Deutsch. Sollte es mit der Verständigung doch einmal hapern, steht im Zweifelsfall ein Mitarbeiter aus der Stammbelegschaft als Dolmetscher bereit - schließlich ist Samson nicht nur geschäftlich international. Damit die Flüchtlinge auch Fachbegriffe rasch lernen, hat sich eine Studentin ein besonders Memory-Spiel ausgedacht. Zu diesem Zweck hat sie allerlei Werkzeuge und Maschinen fotografiert und die Bilder beschriftet. Das Merkspiel fängt bei Mutter und Schraubenzieher an und bezieht auch CNC-Maschinen ein. Und ein Lehrling hat sich eigens ein Mathematik-Programm ausgedacht, das von der Grundschule bis zur Berufsschule reicht, wie Personalleiter Ganz berichtet.

          40 Mitarbeiter als Mentoren

          So lobt Karl-Heinz Huth, Chef der Frankfurter Arbeitsagentur, die Initiative von Samson nachdrücklich: „Ich wünschte, wir hätten 1000 solcher Beispiele.“ Pluspunkte seien die Lehrwerkstatt und die engagierte Belegschaft - zumal gut 40 Mitarbeiter als Mentoren die Flüchtlinge begleiten wollen. Und das nicht nur während der Arbeit.

          Michaele Hayelom geht es, wie er sagt, gut bei Samson. Er klopft mit der Feile auf das Metallstück, das er mittlerweile glättet, dann fügt er lächelnd hinzu: „Und die Arbeit macht Spaß.“

          Längst nicht jedes Unternehmen ist in der Flüchtlingshilfe so weit wie Samson

          Der Frankfurter Großventilehersteller nimmt in der unternehmerischen Flüchtlingshilfe in Rhein-Main eine Vorbildfunktion ein. Die Frankfurter haben sich schon im vergangenen Sommer darum bemüht, jungen Flüchtlingen möglichst rasch Praktika und Lehrstellen anbieten zu können. „Sie waren damit die Ersten“, sagt eine Sprecherin der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit. Seinerzeit bekam das Unternehmen aber von der Arbeitsagentur zu hören, an die vorgeschlagene betriebliche Integration sei vor August oder September 2016 nicht zu denken. Dass es nun ein halbes Jahr vorher geklappt hat, spricht für Samson und begeistert auch die Arbeitsagentur (siehe Text oben). In der Zwischenzeit haben auch kleinere Betriebe wie Schlapp-Möbel aus Neu-Anspach und große Mittelständler wie der Autozulieferer Norma in Maintal schon Flüchtlinge als Praktikanten beschäftigt. Mit Evonik hat gerade auch ein großer Vertreter der deutschen Chemiebranche in Hanau und Darmstadt damit begonnen; sechs Flüchtlinge nehmen dort an einem Programm zur Berufsorientierung teil. Merck in Darmstadt will zehn Migranten in einen bis zu zwölf Monate langen berufsvorbereitenden Kurs aufnehmen, ist aber noch nicht so weit. Opel hat im Herbst 20 zusätzliche Lehrstellen für Flüchtlinge zum September 2016 angekündigt, derzeit wählt der Autobauer mit dem Jobcenter die Kandidaten aus.

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