https://www.faz.net/-gzg-9u475

Zukunft eines Handwerks : Abnehmende Blumenlust

  • -Aktualisiert am

Blumenkind: Floristin Lena Gutenstein hat eine besondere Leidenschaft für ihren Beruf. Bild: Marina Pepaj

Immer weniger junge Leute machen eine Ausbildung als Florist. Wochenendarbeit, Stress vor Feiertagen und geringe Bezahlung schrecken viele ab.

          3 Min.

          Der Duft nach Tannengrün und die edle Farbenpracht roter und weißer Amaryllis sowie pastellfarbener gewachster Rosen prägen derzeit Blumenläden: Kunstvolle Gestecke aus Zapfen und Zweigen, Adventskränze und festliche Blumensträuße lösen die etwas weniger bunten Gebinde für den Friedhof ab, die von Allerheiligen bis Totensonntag Saison haben. Die Adventszeit ist neben Valentins- und Muttertag wohl die heftigste Stresszeit im Blumenhandel, aber auch die Zeit der höchsten Umsätze.

          Doch die Sachsenhäuser Traditionsgärtnerei Schmidt hat gerade jetzt den Blumenverkauf eingestellt. Grund dafür sind nach Auskunft von Robert Schmidt zum einen die hohen Energiekosten für die Gewächshäuser und das geänderte Kaufverhalten vieler Kunden. „Blumen werden heute oft beim Discounter oder vom Wohnwagen am Straßenrand gekauft, da kann ich preislich nicht mehr mithalten“, sagt Schmidt. Zum anderen fehle es zunehmend an floristischem Fachpersonal, zwei seiner Angestellten wollten nur noch halbtags arbeiten, jemand Neues finde er aber nicht mehr.

          Seine 82 Jahre alte Mutter stand bisher immer noch auf dem Wochenmarkt. Sie werde auch in Zukunft noch „einige Spezialkunden“ in den Gewächshäusern bedienen. Sonst aber konzentriert sich das seit 60 Jahren bestehende Unternehmen in der Nähe des Friedhofs nun nur noch auf die Grabpflege.

          Die auch für den Hochtaunus und den Main-Taunus-Kreis zuständige IHK Frankfurt bestätigt den Mangel an floristischem Nachwuchs. Im Kammerbezirk haben im vergangenen Jahr nur 13 junge Leute eine Ausbildung als Floristin oder Florist begonnen, sechs Jahre zuvor waren es noch fast doppelt so viele. In ganz Hessen wollten 75 Frauen und Männer 2018 Floristen werden, 2012 waren es noch 115. Das liege an der zurückgehenden Bereitschaft Jugendlicher, nach der Schule in die Lehre zu gehen, erläutert eine IHK-Sprecherin. Die duale Berufsausbildung erfahre wegen der hohen Quote an Abiturienten eine starke Konkurrenz von Universitäten. „Unsere Mitgliedsunternehmen würden aber gerne mehr Floristinnen und Floristen ausbilden“, sagt Frank Ziemer, für Aus- und Weiterbildung zuständiger stellvertretender Geschäftsführer der IHK. Mit Aktionen wie der praktischen Prüfung der Lehrlinge im Hessenpark in diesem Jahr versuche die Kammer, „die Attraktivität der Ausbildung nach außen zu tragen“. Die Besucher konnten die bei der Prüfung hergestellten Werkstücke in einer Ausstellung betrachten, weitere Lehrlinge fertigten Gestecke und Sträuße vor den Augen der Gäste. „Ziel dabei ist es, den Besuchern die Wertschätzung und Achtung für den Berufsstand Florist näherzubringen.“

          Traum von einem eigenen Geschäft

          Lena Gutenstein meint: „Man muss diesen Beruf schon wirklich lieben, sonst macht man ihn nicht lange.“ Die junge Frau hat im Sommer ihre Lehre im Blumenhaus Görlich-Dorsch in Sachsenhausen abgeschlossen. Es besteht seit 1945 und liegt nur wenige Schritte von der Gärtnerei Schmidt entfernt. Gutensteins Traum sind die Meisterprüfung und ein eigener Blumenladen. Doch dafür muss sie drei weitere Jahre arbeiten. Das macht sie bei Bauer Blumen in Bad Homburg-Gonzenheim.

          Aus eigener Anschauung weiß sie: Die Lage ist beim floristischen Nachwuchs noch dramatischer, als es die nackten Zahlen der IHK wiedergeben: Dort sind nur die neu abgeschlossenen Lehrverträge erfasst. „In meinem Jahrgang haben zwar 23 Leute die Ausbildung begonnen, aber nur 13 haben auch die Prüfung gemacht.“ Im Jahrgang davor waren es nur sechs. Einigen sei von den Betrieben sogar schon in der Probezeit gekündigt worden, andere haben von selbst das Handtuch geworfen. Die Hälfte ihrer Mitschülerinnen an der Philipp-Holzmann-Berufsschule habe bei Blume 2000 gelernt. Die Kette ist der größte Ausbilder von Floristen in ganz Deutschland.

          Bunte Weihnachten: Ein bestelltes Gesteck für einen Kunden.

          „Man muss als Floristin den ganzen Tag stehen, oft auch am Wochenende arbeiten und manchmal auch schon um 5 Uhr im Großmarkt sein“, berichtet sie aus ihrem Alltag. Zudem reicht das Gehalt kaum aus, um im Rhein-Main-Gebiet die Miete für eine eigene Wohnung zu bezahlen. Rund 1700 Euro brutto verdient Gutenstein als Berufsanfängerin.

          Begeisterung für den Beruf

          Trotzdem zeigt sie sich begeistert von ihrem Beruf. Sie bringt auch alles mit, was man dafür braucht: Kontaktfreude, Kreativität, Farbgefühl und Lust an Gestaltung. Ein bisschen Kopfrechnen ist ebenfalls nötig, denn Blumen, die zu einem Strauß gebunden werden, haben meist unterschiedliche Einzelpreise, die schnell zu addieren sind. „Ich liebe an dem Job, dass er so vielfältig ist und jeden Tag neue Herausforderungen stellt.“ Häufig müsse sie auch große Veranstaltungen mit Blumen dekorieren, wie Hochzeiten oder Unternehmensfeiern.

          Der schönste Moment für eine Floristin? „Wenn ein Kunde in den Laden kommt und einfach einen besonders schönen Strauß will, egal was er kostet.“ Dann kann sie ihrer Blumenlust freien Lauf lassen. Für das Wochenende vor dem ersten Advent haben sie und ihre Kolleginnen bereits seit dem Sommer vorbereitet: Tausende Zapfen, Aniskapseln oder auch Muscheln auf Kränze gedrahtet und geklebt, die mit Zweigen und Blumen, Schleifen und Kugeln bestückt werden.

          Katja Bergmann hat vor etwa 30 Jahren Floristin gelernt, blieb aber keine 15 Jahre in dem geliebten Beruf. Als sie Kinder bekam, konnte sie häufige Feiertags- und Wochenenddienste kaum noch mit den Bedürfnissen ihrer Familie verbinden. Manchmal blute ihr noch sprichwörtlich das Herz, dass sie den Beruf aufgegeben hat. Nun arbeitet sie in einer Kita als Betreuerin. Auch ein Beruf mit wenig Einkommen und großen Nachwuchssorgen. „Doch heute bin ich immer pünktlich daheim und muss am Wochenende nie mehr arbeiten.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Gartenzwerg steht mit einer Deutschland-Flagge an einer Hauswand.

          Diskriminierung : Zu türkisch für die Nachbarn

          Eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt: Jeder dritte Wohnungssuchende mit Migrationshintergrund hat schon einmal Diskriminierung erlebt. Das Recht macht dieser Form der Aversion ein Stück weit Platz.
          Dorota und Philipp Kisker bieten eine Videosprechstunde für Patienten an.

          Telemedizin : Video-Chat mit dem Gynäkologen

          Die Frankfurter Dorota und Philipp Kisker haben Deutschlands erste telemedizinische Gynäkologie-Praxis eröffnet. Patienten müssen den virtuellen Arztbesuch aus eigener Tasche bezahlen. Das Modell funktioniert trotzdem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.