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Florian Neuschwander : Der Rennverrückte

  • -Aktualisiert am

Ob kurz oder lang: Florian Neuschwander mag alle Distanzen. Am Sonntag wird es beim Marathon eine lange sein. Bild: Marcus Kaufhold

Florian Neuschwander ist Distanzen von 800 Metern bis 100 Kilometer gelaufen. Auch beim Frankfurt Marathon ist er dabei. Inzwischen muss er schon ein wenig suchen, um noch eine neue Herausforderung zu finden.

          Plötzlich zwickt das Knie. Und kratzt der Hals. Pseudoschmerzen nennt Florian Neuschwander das. Denn eigentlich fehlt ihm nichts. Aber so ist es immer: Spätestens zwei Wochen bevor der nächste große Lauf ansteht, zickt sein Körper rum, ärgert ihn. Dann fällt es Neuschwander manchmal besonders schwer, sich um 6 Uhr aus der Bettdecke zu schälen und eine halbe Stunde später, noch in der morgendlichen Dunkelheit, auf die Straße zu quälen. In seinen krebsroten Lieblingsschuhen läuft er dann trotzdem dem Sonnenaufgang entgegen, weil der Termin für den Frankfurt Marathon unbarmherzig näher rückt und weil Neuschwander das alles auch braucht, um nicht unausstehlich zu werden, wie er sagt: das Laufen, das Adrenalin - und ein bisschen auch die Qual.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Wobei man sich ihn gar nicht so recht unausgeglichen vorstellen kann, so entspannt, wie Neuschwander fast immer wirkt. Egal, ob er am Start des ersten Frankfurter Urbanian Runs, einem Hindernislauf über zehn Kilometer, steht oder er davon erzählt, was er sich für das nächste Jahr so alles vorgenommen hat: ein paar gute Sprints auf der 800-Meter-Distanz, eine neue persönliche Bestzeit im Marathon, vielleicht sogar einen Spitzenplatz bei der deutschen Meisterschaft, und, ach ja, ein paar Wochen Urlaub sollen es auch noch sein. Natürlich verbunden mit dem ein oder anderen Lauf. Vielleicht mal wieder ein Ultra Trail über Stock und Stein, in der Disziplin, in der er schon Weltmeisterschafszweiter ist, oder ein Straßenlauf in Südafrika. Auch 100 Kilometer am Stück ist er schon gelaufen und hat dafür weniger als acht Stunden gebraucht. Eigentlich eine aberwitzige Distanz. Aber Neuschwander hatte eine Wette verloren und war deswegen von Trier, wo er damals wohnte, in seine 100 Kilometer entfernte Heimatstadt Neunkirchen gelaufen.

          Auf Anhieb ziemlich gut

          Neuschwander muss inzwischen schon ein bisschen suchen, um noch große läuferische Herausforderungen für sich zu finden, denn er ist ein Rennverrückter. Er mag die kurzen Distanzen und die langen. Er rennt über Asphalt und auf Waldboden. Und das alles gleichsam erstaunlich schnell.

          Vielleicht liegt das an der Geschichte, wie Neuschwander zum Laufen kam. Mit sechs Jahren fing er ganz unschuldig mit Tennis an. Das machte ihn im Sprinten schnell. Aber so richtig austoben konnte er sich beim Tennis nicht, der Schläger flog ziemlich oft gegen das Netz. Als er 16 war, stand in seiner Heimat im Saarland einen sieben Kilometer langen Waldlauf an. Kurz vor dem Start fehlten noch ein paar Teilnehmer, und ein befreundeter Förster fragte den Jugendlichen, ob er nicht spontan mitlaufen wolle - in Jeans und Turnschuhen. Neuschwander war schon damals optisch mehr der Skater- als der Läufertyp. Er machte trotzdem mit und war auf Anhieb ziemlich gut. Dann meldete er sich für einen kurzen Stadtlauf an, den er komplett ohne Training, wie er sagt, gewann. Das Laufvirus kribbelte ab jetzt in ihm. Zwei Jahre später holte er den Saarlandrekord und wurde Zweiter bei den deutschen Meisterschaften über zehn Kilometer auf der Straße und im Halbmarathon.

          Läuft 140 Kilometer pro Woche

          Dafür gab es ein paar Schulterklopfer und den ein oder anderen Pokal, aber auf die legt Neuschwander keinen großen Wert. In seinem WG-Zimmer im Frankfurter Stadtteil Nied stehen deswegen auch nur ein paar Trophäen von den Siegen, die ihm besonders viel bedeuten. Die wirklich wichtigen Dinge, nämlich seine Zeiten, hat er ohnehin im Kopf: 800 Meter in 1:56 Minuten, Halbmarathon in 66:20 Minuten und Marathon in zwei Stunden und 20 Minuten. Die Zeit will er am nächsten Sonntag unterbieten, wenn er beim Frankfurt Marathon an den Start geht. Wie in den vergangenen Jahren wird hier wieder die Weltspitze mitlaufen, Läufer, die sich aus der Armut gerannt haben und im Gegensatz zu jenen, die sich wie Neuschwander als „Hobbyläufer“ bezeichnen. Aber immerhin wird er neben ihnen starten können, denn Neuschwanders Chef, der Geschäftsführer des Frankfurter Laufshops, hat ihm einen Startplatz im Eliteblock verschafft.

          Überhaupt unterstützt er die Laufkarriere seines Mitarbeiters, wo er kann. Der Einzelhandelskaufmann arbeitet nur drei Tage in der Woche und oft erst ab mittags, um morgens trainieren zu können. Auf 140 Kilometer kommt er im Schnitt in einer Woche. So entdeckt er mit großen Schritten die Stadt, in die er erst vor drei Monaten gezogen und die auch aus läuferischer Sicht für ihn noch spannend ist. Im Moment schaut er nur auf den Frankfurt Marathon. Aber auch danach muss es ja weitergehen. Vielleicht wieder ein Lauf in seine Heimatstadt Neunkirchen? Die liegt von Frankfurt aus auch nur 150 Kilometer entfernt.

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