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Flohmarkt : Kaum Trödel am Schaumainkai

  • -Aktualisiert am

Frankfurter Allerlei: Michael Oetker kennt zu jedem Stück die Geschichte. Bild: Lisowski, Philip

Nur wenige Besucher kommen zum Flohmarkt am Mainufer. Das liegt am schlechten Wetter, aber auch an den vielen Profi-Händlern. Echten Trödel findet man kaum.

          3 Min.

          Um acht Uhr morgens regnet es, und so wird es fast den ganzen Tag weiter gehen. Am Schaumainkai bauen die Händler ihre Stände auf. Dass heute kein großes Geschäft zu machen ist, das wissen sie jetzt schon. Es ist Samstag, 7. Januar, der erste Flohmarkt im neuen Jahr wird in einer Stunde öffnen. Samir Sherzad ist jedes Mal da; er sei auf dem Flohmarkt praktisch aufgewachsen, sagt er. Seit er elf Jahre alt war, kommt er zum Schaumainkai, damals noch mit seinem Vater, heute, zehn Jahre später, hat er seinen eigenen Stand.

          Töpfe verkauft der junge Türke, in allen Größen, ausschließlich Neuware. Günstiger als im Katalog, betont er. Wer einmal einen Topf bei ihm gekauft habe, der komme auch wieder. Eine richtige Stammkundschaft sei das inzwischen, 20 bis 30 Leute, aber von denen lässt sich heute keiner blicken. Heute ist Sherzad froh, wenn er überhaupt die Standmiete von 28 Euro hereinholt. „Seit der Flohmarkt hier nur noch alle 14 Tage stattfindet, läuft es überhaupt nicht mehr“, sagt er. 2008 war das, als die schwarz-grüne Koalition den Flohmarkt umorganisierte: Ein zweiter Standort, Lindleystraße im Ostend, wurde eröffnet, seither findet der Flohmarkt im Wechsel statt. Die Qualität der angebotenen Waren sollte sich verbessern, der Markt sollte wieder als „hochwertiger Trödel- und Antikmarkt“ wahrgenommen werden.

          Davon ist an diesem Samstag nicht viel zu sehen. Die etwa 80 Händler verkaufen überwiegend Plunder: altes Geschirr, achtlos in Kisten zusammengeworfen, rostiges Werkzeug, abgefahrene Winterreifen. In einer Kiste liegen 14 Bände von „Kindlers Literaturlexikon“, vom Regen durchweicht. Antik sind heute allenfalls die Computer, die an so vielen Ständen angeboten werden. Gelbgraue Gehäuse, oft mit fehlender Seitenwand. Die Prozessoren und Festplatten haben schon bessere Tage gesehen, überhaupt ist fraglich, wer noch einen Computer mit Pentium 2 -Prozessor von 1999 kaufen soll. Jedes moderne Smartphone ist heute schneller. Trotzdem verlangt der Händler 80 Euro für das alte Ding.

          Eine Stunde nach Eröffnung packen die ersten schon zusammen

          Die Händler haben ihre Stände, so gut es geht, gegen den Regen geschützt. Blaue Bauplanen haben sie an den Ständen befestigt, eilig an den Bäumen festgeknüpft. Oft liegt weiße Plastikfolie über der Auslage, Wasserpfützen haben sich darauf gesammelt. Der Flohmarkt am Schaumainkai wirkt heute eher wie ein polnischer Grenzmarkt. Ungefähr 50 Prozent Profis würden kommen, hatte ein Sprecher der stadteigenen Managementgesellschaft für Hafen und Markt angekündigt, „die andere Hälfte sind Privatleute.“ Von ihnen ist heute nicht viel zu sehen.

          Um 10 Uhr schon, eine Stunde nach der Eröffnung, packen die ersten zusammen. Zwei Jungen, 10 und 12 Jahre alt, hatten ihr Kinderzimmer ausgemistet und ausrangierte Computerspiele, eine große Puzzelschachtel und ein Playmobil-Feuerwehrauto auf einer Decke ausgebreitet. Jetzt kommt ihr Vater und holt sie aus der Kälte. Verkauft haben sie nichts, nicht einmal ein paar Mickey-Maus-Hefte. Hier wollen sie nicht noch ein mal herkommen, ihr Glück das nächste mal wo- anders suchen. Auch ein alter Mann in braunem Mantel, die Wollmütze vom Regen durchweicht, will nicht mehr. Die alten Uhren und die Kamera, die er auf einem winzigen Klapptisch ausgestellt hat, packt er ein. Er sei zu alt für dieses Wetter, sagt er, Leute seien auch kaum da.

          Auf jeden Fall günstig

          Das beste Geschäft machen heute die Kaffeestände. Einen Euro kostet der Becher, nicht unbedingt etwas für Genießer, aber wenigstens heiß. Durchnässt und verfroren stehen die versprengten Besucher unter den Plastikzelten, auch der eine oder andere Händler ist gekommen, um sich aufzuwärmen. Grillfleisch gibt es einen Stand weiter, hier erwartet man aber keinen großen Umsatz. Auf dem wagenradgroßen, mit Silberpapier umwickelten Grill werden drei einsame Schweinesteaks von vier Grillmeistern betreut.

          Julia Repko kommt regelmäßig auf den Flohmarkt. Heute hat die 19 Jahre alte Schülerin ein paar Wollpullover gekauft, an einem der vielen Klamottenstände. Dort liegt die Kleidung in Bergen aufgetürmt, nicht besonders einladend sei das, dafür aber günstig. Der jungen Frau gefällt der Flohmarkt am Ostbahnhof besser. Hier am Schaumainkai gebe es zu viele Stände, an denen nur Neuware angeboten werde: „Das nervt einfach nur.“ Ein Flohmarkt, das sei doch etwas zum Stöbern und Entdecken, aber das gebe es hier kaum. Außerdem seien, bis auf die Klamotten, die Sachen viel zu teuer.

          Dass es nicht alles hier für einen Euro gebe, das sei doch klar, meint Michael Oerter. Er verkauft an seinem Stand fast ausschließlich altes Hotel-Silber, Becher und Schalen, Besteck und Kaffeekannen. Unter der Woche steht der 48 Jahre alte Koch am Herd, am Wochenende auf dem Flohmarkt. Immer wieder seien Leute geschockt, wenn er seine Preise nennt. Ein 40 Zentimeter großes Trinkhorn mit fein gearbeiteter Silberhalterung hat er im Angebot, 450 Euro soll es kosten. Den Preis findet er fair, „aber ich lass‘ mich vielleicht auch noch um 50 Euro runterhandeln, sonst verkaufe ich heute gar nichts“. Wem das zu teuer sei, der könne ja auch noch eines seiner silbernen Kaffeekännchen kaufen. Zu jedem Stück kennt er die Geschichte, etwa 90 Jahre alt sei das Kännchen, aus dem längst abgebrannten Hotel am Zoo in Berlin. Schön schwer sei es, wegen des Chrom-Kerns: „Kennen Sie das noch? Draußen nur Kännchen? Durch den Metallkern bleibt der Kaffee auch noch für die zweite Tasse warm“, weiß er. Diese Erklärung begeistert auch die englische Touristin, die jetzt am Stand steht. Überhaupt sei alles an diesem Stand „really pretty, beautiful“, sagt sie. Aber eigentlich hat sie sich einen Flohmarkt anders vorgestellt, mehr wie einen Basar, mehr Privatleute. Sie bedankt sich bei Michael Oerter, für die Erklärung zum Kännchen, überhaupt habe er einen tollen Stand. Dann geht sie - ohne etwas gekauft zu haben.

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