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Videobotschaft an die Bürger : Urbi et orbi aus Flörsheim

Aber Blisch hat noch mehr Themen. Die Kamera auf dem Dreifuß-Stativ hat keinen Teleprompter. Aber Corinna Allendorff hat mit Filzstift auf ein DIN-A4-Blatt die Stichwörter geschrieben, die sie sich gemeinsam überlegt haben. Das Papier klebt unten an der Kamera und flattert in der Brise. Als nächster Punkt steht da die Stadtentwicklung. Blisch wirbt dafür, dass noch mehr Bürger die online abrufbaren Fragebögen ausfüllen, um daran mitzuwirken. Außerdem teilt er mit, dass die Öffnungszeiten der Stadtverwaltung wieder so sind wie vor der Corona-Krise – mit Ausnahme des Sozial- und Wohnungsamts.

Fehlerfreie Aufnahme

„Was auch wieder komplett offen hat, das ist der Wertstoffhof im Stadtteil Wicker“ – für alle, „die noch nicht genug aufgeräumt haben“. Wer im Keller Lacke oder Farben findet: „Auch das Schadstoffmobil fährt wieder zu den ganz normalen Zeiten Flörsheim an, und Sie können die Sachen abgeben.“ Dann fragt Blisch sich und die Bürger, halb nachdenklich, halb rhetorisch: „Und – was habe ich jetzt vergessen?“ Und gibt selbst die Antwort: „Eigentlich nix, außer, Ihnen noch ein schönes Wochenende zu wünschen und eine schöne erste Ferienwoche. Tschüs!“

Die Kamera ist aus. Blisch hat in einem Rutsch gesprochen, sich nicht verhaspelt. Manchmal musste Wörner hinterher eine Kleinigkeit schneiden, manchmal hat Blisch auch schon neu angesetzt, wie er erzählt. Diesmal nicht. Trotzdem fragt er: „Was stimmt nicht?“ – „Hatten Sie was gesagt zur Ferienbetreuung?“ – „Nee.“ Aber darüber sind die Eltern ohnehin informiert, sie haben Briefe bekommen. Also bleibt das Video, wie es ist. Wörner packt das Equipment zusammen.

Er wird noch die Untertitel für die Youtube-Version erfassen und das Video wenig später online stellen. Auf der Internetseite der Stadt erscheint „Blisch am Freitag“ ohne Untertitel. Oben in der Ecke ist das Stadtwappen mit dem bis 1868 auf dem Main verkehrenden Flörsheimer Marktschiff zu sehen.

Blisch ist promovierter Historiker; bis er 2018 als Bürgermeister kandidierte, war er im Stadtmuseum Wiesbaden für die Sammlung Nassauischer Altertümer zuständig. Die Idee für die Videos, wie sie auch sein Hofheimer Bürgermeister-Kollege und Parteifreund Christian Vogt macht, hat Blisch wiederum von einem Wiesbadener übernommen: dem ehemaligen Oberbürgermeister Sven Gerich von der SPD. „Originalität ist mangelnde Quellenkenntnis“, sagt Blisch, der vor einem guten Jahr mit den Videos begonnen hat. Ein Mikro wurde angeschafft, dann ging es los. Anfangs wuchsen die Zugriffszahlen schnell, inzwischen haben sie sich eingependelt. „Das ist ja nicht wie bei Popstars, wo immer noch ein Fan dazukommt.“ Blisch selbst schaut sich die Filme mit seiner „besseren Hälfte“ an, zu Hause auf dem Tablet. „Am Anfang hat er die ,Ähs‘ gezählt.“ Muss er nicht mehr. Jetzt frage sein Partner nur noch manchmal: „Hast du dein Urbi et orbi schon fertig?“ An diesem Freitag dauert es drei Minuten und 12 Sekunden.

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