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Flatrate-Versuch des RMV : Irrweg 365-Euro-Ticket

Für Pendler machen städtische Flatrate-Tickets keinen Sinn. Bild: dapd

Nach der Einführung des 365-Euro-Tickets für Senioren, hoffen viele auf ein ähnliches Angebot für ganz Hessen. Der symbolträchtige Preis birgt jedoch viele Probleme.

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          Die hessische Koalition von CDU und Grünen möchte ein Bürgerticket schaffen. Was das sein soll, weiß noch niemand so richtig. Viele hoffen auf ein 365-Euro-Jahresticket für ganz Hessen, wie es das Land am 1. Januar unter der Bezeichnung Seniorenticket für Fahrgäste über 65 Jahre eingeführt hat. Das Angebot kommt gut an, innerhalb von zwei Monaten wurden schon 40.000 Tickets verkauft.

          Nun bewirbt sich die ganze Region für einen der zehn Modellversuche für Flatrate-Tickets, für den der Bund Geld zur Verfügung stellt. Dass hier der Ballungsraum gemeinsam antritt, erscheint sinnvoll, denn ein Flatrate-Ticket nur für eine Stadt ist Unsinn, weil dann die Pendler davon ausgeschlossen wären. Was nützt zum Beispiel ein 365-Euro-Ticket in Frankfurt jemandem aus Kronberg oder Nidderau, der jeden Tag nach Frankfurt zur Arbeit fährt? Eine wirkliche klimaschützende Wirkung erzielt eine Flatrate nur, wenn sie Pendler dazu animiert, vom Auto auf die Bahn umzusteigen.

          Ohnehin wäre es ein Fehler, ein 365-Euro-Ticket einzuführen. Es lässt sich zwar gut mit dem Slogan werben „Für ein Euro am Tag in ganz Hessen unterwegs“. Aber die Städte oder Länder, die sich auf eine solche Flatrate-Lösung einlassen, wären auf lange Sicht auf die 365 Euro festgelegt. Doch im wahren Leben wird regelmäßig alles teurer: der Zugführer, der Strom für die Bahn, die Instandhaltung.

          Symbolträchtiger Preis birgt andernorts Probleme

          In Wien, das mit seinem 365-Euro-Ticket vielerorts als Vorbild gilt, steht man vor dem Problem, dass die Kosten gestiegen sind, man aber nicht von den symbolträchtigen 365 Euro wegkommt. So würde es auch dem Land Hessen mit seinem 365 Euro teuren Schüler- und Seniorenticket ergehen. Notwendige Preisanpassungen sind dem Publikum kaum zu vermitteln. Bleibt der Preis aber immer gleich hoch, steigt der Subventionsbedarf. Land und Kommunen werden immer höhere Summen zuschießen müssen. Besser wäre deshalb zum Beispiel ein 400-Euro-Jahresticket, aus dem irgendwann ein 410- oder 420-Euro-Ticket werden kann.

          Was den vom Bund finanzierten Modellversuch betrifft: Die Region sollte sich auf eine Flatrate nur einlassen, wenn die Finanzierung auch nach dem Versuch dauerhaft gesichert ist.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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