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Fischer auf dem Main : Manchmal bleibt die Reuse leer

  • -Aktualisiert am

Fische auf dem Trockenen: Olaf Adam bringt zwei Zander aus dem Fang an Land. Bild: Jana Mai

Seit 600 Jahren gilt für die Fischerei zwischen Seligenstadt und Frankfurt Erbrecht. Olaf Adam ist einer der letzten noch aktiven Fischer. Davon leben kann er aber nicht.

          Hanau. Olaf Adam steigt die Treppenstufen herab, die zum Main führen. An einem Steg liegen zwei längliche Boote aus Metall. Der 52 Jahre alte Bruchköbeler steigt in eines davon, macht die Leinen los und startet den Motor. „Als ich drei Jahre alt war, bin ich mit meinem Vater das erste Mal zum Fischen rausgefahren“, erinnert sich Adam, während er das Boot flussabwärts steuert. Heute ist er einer der letzten Fischer auf dem Main.

          Fast jeden Tag fährt er mit seinem Boot heraus und schaut nach, was er in seinen Reusen gefangen hat. Für Adam ist die Fischerei nur ein Zubrot; Berufsfischer gibt es auf dem Main nicht mehr. „Davon kann man nicht leben, das lohnt sich einfach nicht“, sagt der Zweiundfünfzigjährige. Sein Geld verdient er als selbständiger Versicherungskaufmann.

          „Der hat sicher 60 Kilo“

          Der Motor brummt. Mit acht Kilometern in der Stunde fährt Adam auf dem Main entlang. Am Ufer erstreckt sich das Kraftwerk Staudinger zwischen Großauheim und Großkrotzenburg. Adam schaltet den Motor aus. „Hier liegen meine Reusen“, sagt er. Auf der Wasseroberfläche ist nichts zu sehen. Nur ein Metallstab am Ufer verrät, wo Adams Doppel-Reuse auf dem Grund des Mains ruht.

          Auf dem Weg zu seinen Reusen: Fischer Olaf Adam (im Hintergrund ist das Kraftwerk Staudinger zwischen Großauheim und Großkrotzenburg)

          Adam greift zu einem Seil, an dem ein Haken befestigt ist. Er holt aus, wirft das Seil ins Wasser und zieht es langsam zurück. „Normalerweise bleibt die Reuse an dem Haken hängen“, sagt er. Und tatsächlich: Etwas verhakt sich, und der Fischer muss fester ziehen. Alle zwei Tage muss er die 16 Meter langen Schläuche, die längs im Main liegen aus dem Wasser heben und nachsehen, was sich darin verfangen hat. Zum Vorschein kommt ein Netz, das von Metallringen schlauchförmig offen gehalten wird - eine Reuse, mit der er vor allem Aale und Welse fängt. Das Netz zuckt, als Adam es aus dem Wasser zieht. „Es ist jedes Mal spannend, nachzusehen, was in der Reuse ist“, sagt der Fischer. Dieses Mal wird er von etwas Großem überrascht: Ein riesiger Wels hat sich im Netz verfangen. Adam hievt den Fisch auf das Boot. „Der hat sicher 60 Kilo“, schätzt er.

          Hechte, Zander und Alande

          Er greift zu einem Messer und schneidet das Netz der Reuse kaputt, um den Fisch zu befreien. Der zwei Meter lange Wels schlängelt sich hin und her, bringt das Boot zum Schwanken. Mit beiden Händen schiebt Adam den Fisch über den Rand des Bootes, der Wels platscht in den Main. „Welse, die größer als einen Meter sind, sind ungenießbar“, erklärt der Fischer. In diesem Jahr hat er schon 20 Tiere gefangen. „Das war der Größte“, sagt er und zieht die nächste Reuse auf das Boot.

          Manchmal fischt Adam auch mit einem Stellgarn, also einem Netz, das im Wasser verankert ist. Damit fängt er Rotaugen, Barsche, Karpfen, Hechte, Zander und Alande. „Im Main gibt es 28 verschiedene Fischarten“, berichtet Adam. „An der Vielfalt mangelt es nicht – aber an der Menge.“ In den vergangenen Jahren habe diese extrem abgenommen. Weil zum Beispiel Kiesbänke im Main weggebaggert wurden, haben die Fische nur noch wenige Möglichkeiten, ihren Laich abzulegen.

          „Der gehört ins Aquarium“

          Der Fischer trägt ein T-Shirt, auf dem „Fischerzunft Steinheim“ steht. Adam ist Mitglied dieser Zunft. Nur deshalb darf er auf dem Flussabschnitt zwischen Frankfurt und Seligenstadt fischen. In der Steinheimer Zunft ist das Fischereirecht seit 600 Jahren ein Erbrecht. Bis vor 25 Jahren durften sogar nur erstgeborene Söhne fischen gehen. Dann hat die Zunft die Satzung geändert. Nur noch drei der mehr als 40 Mitglieder fangen Fisch aus dem Main: Olaf Adam, Michael Adam und Olaf Adams Bruder Heinz-Uwe Adam. Dass alle den gleichen Namen tragen, liegt nicht daran, dass sie verwandt sind, sondern an dem Erbrecht der Zunft.

          Fischer Olaf Adam: „Es ist jedes Mal spannend, nachzusehen, was in der Reuse ist“

          Neben dem Wels, Aalen und verschiedenen Arten von Grundeln hat sich an diesem Tag auch ein Sonnenbarsch in der Reuse verfangen. „Der hat im Main eigentlich gar nichts zu suchen, der gehört ins Aquarium“, sagt Adam, bevor er den Fisch zurück ins Wasser wirft. An seinen Kiemen hebt er einen Zander aus dem Netz und legt ihn auf den Boden des Bootes. Die Kiemen des Fisches fächern sich auf. Zwei Mal schlägt Adam mit einem Fischtöter aus Holz auf den Kopf des Zanders. Dann greift er zu seinem Messer und sticht ihm ins Herz.

          Verkauf auf Wochenmarkt in Bruchköbel

          Sein Vater hat Adam mit elf Jahren als Lehrling in der Zunft angemeldet. „Damals war mein Vater der Einzige der Fischerzunft, der fischen gegangen ist“, erinnert sich Adam. Mit 15 Jahren hatte er Gesellenprüfung, mit 18 Meisterprüfung. Seitdem geht er montags, mittwochs, freitags und samstags fischen.

          Die Fische, die Adam fängt, verkauft seine Frau Susanne auf dem Wochenmarkt in Bruchköbel. Ihr Mann räuchert die Fische selbst, filetiert sie und macht auch Frikadellen. Trotz einer großen Nachfrage ist es für die Adams keine Option, Restaurants zu beliefern oder weitere Marktstände zu eröffnen: „Ich kann keine Garantie dafür geben, dass ich immer etwas fange.“

          Aal-Saison endet am 1. Oktober

          Nach 20 Minuten sind die Reusen geleert. Normalerweise lässt Adam die Netze danach wieder auf den Grund des Mains gleiten. Doch jetzt nimmt er sie mit ans Ufer. „Heute war das letzte Mal für dieses Jahr“, sagt der Fischer. Die Aal-Saison endet am 1. Oktober. Erst im April fährt Adam mit seinem Boot wieder auf den Main, um Aale, Welse und Zander zu fangen. Neben der Schonzeit muss der Fischer auch Schonmaße einhalten: Ist zum Beispiel ein Aal kleiner als 50 Zentimeter, muss er ihn zurück ins Wasser werfen.

          Mit jeweils einem Zander in der Hand steigt der Fischer am Steg aus seinem Boot. Hunde bellen, als er das Grundstück der Fischerzunft betritt, das direkt am Main liegt. Adams Frau sitzt am Gartentisch neben einem Wohnwagen. Feuerstellen, Lampions und eine Küche unter freiem Himmel zeigen: Die Adams verbringen jede freie Minute dort, wo früher ein Militärgelände der Nato war. „Ich habe das Glück, dass meine Frau mitzieht“, sagt Adam. Mit der Fischerei will er vor allem eines: die Tradition der Fischerzunft aufrechterhalten. Deshalb hofft er, dass sein 27 Jahre alter Sohn das fortführt.

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