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Firmenarchive : Das Gedächtnis der Unternehmen

Gutes Gedächtnis: Die Deutsche Bank unterhält ein gut geführtes Archiv. Damit gehört sie zu einem kleinen Kreis von etwa einem Dutzend Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet. Bild: dpa

Auch Unternehmen haben eine Vergangenheit. Doch nur wenige pflegen sie wie die Deutsche Bank und Fraport in einem Archiv. Die anderen kann die Geschichte leicht unversehens einholen.

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          So hatte man sich das Unternehmensjubiläum bei Kühne und Nagel sicherlich nicht vorgestellt. 125 Jahre alt wird die weltweit tätige Spedition in diesem Jahr, und das soll groß gefeiert werden. Doch ein Beitrag in den „Tagesthemen“ der ARD über das Unternehmen befasste sich in der vergangenen Woche nicht mit den Leistungen der Spediteure in den zurückliegenden Jahrzehnten, sondern nur mit einem einzigen Aspekt: dass Kühne und Nagel im Nationalsozialismus die Habseligkeiten deportierter Juden transportiert hat. Schon vorher hatte das Unternehmen zerknirscht in einer Pressemitteilung diese Verstrickung in das Jahrhundertverbrechen zugeben müssen. Schlimmer konnte der Auftakt ins Jubiläumsjahr des Traditionsunternehmens, das seinen Deutschland-Sitz in Hamburg hat, eigentlich nicht ausfallen.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          So ungeplant können Unternehmen von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt werden, wenn sie sich ihr nicht selbst stellen. Andere sind anders vorgegangen: Die Großbanken in Frankfurt, auch die in der Commerzbank aufgegangene Dresdner Bank, haben ihre Geschichte im Nationalsozialismus spät, dafür aber in vorbildhafter Weise von unabhängigen Wissenschaftlern aufarbeiten lassen. Vier dicke Bände misst allein das Werk eines Teams von Historikern, die sich mit der unrühmlichen Rolle der Dresdner Bank vor 1945 befasst haben, deren Management sich noch mehr dem Regime ausgeliefert hatte als das anderer Häuser. Doch die 2006 erschienenen Wälzer hätten nicht geschrieben werden können, wäre es bei dem Kreditinstitut nicht gute Tradition gewesen, ein Unternehmensarchiv zu unterhalten, an der Moselstraße im Frankfurter Bankenviertel.

          Nur wenige Firmen mit guten Archiven

          Die Commerzbank hat es in denselben Räumen fortgeführt und auch ihr eigenes Archiv dorthin verlegt; bis heute werden dort Historiker empfangen, die sich mit der Geschichte eines der beiden Häuser oder einem der vielen anderen Kreditinstitute befassen wollen, die irgendwann von diesen Großbanken übernommen wurden. Nicht weniger als 14 Kilometer messen die Regale, in denen die Akten aufbewahrt werden. Zu den Archivalien zählt sogar ein blau-grünes Tandem. Als 2001 die Allianz (blaue Hausfarbe) die Dresdner Bank (grün) übernommen hatte, wollten die beiden Vorstandsvorsitzenden darauf eine Runde drehen. Sie hatten dann aber doch Angst, vor den Pressefotografen zu stürzen.

          Die Commerzbank zählt mit ihrem vorbildlich geführten Archiv zu einem kleinen Kreis von etwa einem Dutzend Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet, die ihre eigene Vergangenheit in solch aufwendiger Form bewahren. In Frankfurt gehören noch die Deutsche Bank und Fraport dazu, in Hanau ist es Evonik, in Darmstadt Merck. Zu den Mitgliedern der Vereinigung deutscher Wirtschaftsarchivare, die sich in der nächsten Woche in Frankfurt treffen, zählen aus diesem Ballungsraum außerdem die Bankhäuser Hauck&Aufhäuser und Metzler, sodann Clariant in Sulzbach und die R-und-V-Versicherung in Wiesbaden. Auch die Frankfurter Messe unterhält seit einigen Jahren ein historisches Archiv.

          Sinn für Vergangenheit kaum entwickelt

          Unternehmen, die Unterlagen nicht selbst aufbewahren wollen, können sie dem Hessischen Wirtschaftsarchiv in Darmstadt übergeben, das von den Industrie- und Handelskammern sowie der Handwerkskammer Frankfurt/Rhein-Main getragen wird. Dort lagern etwa die Akten der früheren Metallgesellschaft. Auch im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte werden Archivalien von Unternehmen gesammelt. So lassen sich dort zum Beispiel Papiere des einstigen Baukonzerns Philipp Holzmann einsehen. Die Akten der Hoechst AG werden vom Nachfolgeunternehmen Sanofi verwahrt. Allerdings sei die Zugangslage in anderen Archiven deutlich besser, wie Historiker sagen, die dort Unterlagen eingesehen haben. Immerhin müssen die Wissenschaftler dafür nicht weit fahren, anders als im Falle von Wella: Die Papiere dieses Betriebs wurden nach der Übernahme durch Procter&Gamble an dessen Konzernsitz nach Cincinnati gebracht.

          In den meisten Unternehmen ist der Sinn für die eigene Vergangenheit kaum entwickelt. Ein Fehler, wie der Frankfurter Historiker Werner Plumpe meint. Denn Stärken und Schwächen eines Unternehmens könne man nur begreifen, wenn man auch seine Geschichte kenne. „Unternehmensleitungen entscheiden besser, wenn sie im Horizont des Historischen denken“, sagt der Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, der sich selbst immer wieder mit dem Bergbau und der Chemie befasst hat.

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