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Firmen für Kosten-Umverteilung : „EEG-Umlage verhindert Investitionen“

Beim Industriegasehersteller Messer, hier das Werk in Siegen, entfallen 70 Prozent der Herstellungskosten auf Energie, wie es heißt Bild: Messer

Hessische Unternehmen klagen über hohe Belastungen durch die sogenannte EEG-Umlage. Sie plädieren für einen gleitenden Einstieg in ihre Entlastung und die Umverteilung von Kosten.

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          Mit Kostendruck und dem Drücken von Kosten kennt Walter Niederstätter sich aus. Die Beschäftigten des von ihm geführten Wursthüllen- und Schwammtuchherstellers Kalle GmbH in Wiesbaden arbeiten ohne Lohnausgleich zweieinhalb Stunden in der Woche länger, als es in der Chemiebranche üblich ist. Die Wursthüllen-Druckerei hat Kalle dennoch 2012 aus wirtschaftlichen Gründen nach Osteuropa verlagert. Und der Kostendruck hält an, auch wegen der Strompreise. Angesichts dessen spricht Niederstätter als Mitglied einer Mittelständler-Delegation heute in Brüssel mit EU-Energiekommissar Günther Oettinger. Vorab haben schon die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) und Vertreter von fünf Firmen über Nachteile im internationalen Wettbewerb durch zu hohe Strompreise geklagt und Vorschläge zur Entlastung von Industriebetrieben unterbreitet.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die VhU und die Unternehmen stören sich vor allem an der sogenannten EEG-Umlage, mit der Stromverbraucher den Ausbau der erneuerbaren Energien unterstützen. Mit 5,3 Cent je Kilowattstunde macht die Umlage gut ein Drittel des Industriestrompreises aus, wie VhU-Hauptgeschäftsführer Volker Fasbender im Landtag sagte. Industriestrom koste in Hessen 14 Cent je Kilowattstunde und damit doppelt so viel wie in Nordamerika und Asien. „Für die exportorientierte Industrie ist das ein schwerer Nachteil im globalen Wettbewerb“, so Fasbender. Er verwies auf eine Umfrage unter 45 Firmen mit insgesamt 24 000 Mitarbeitern, die zwei Milliarden Kilowattstunden im Jahr benötigten. Das entspreche einem Fünftel des Industriestromverbrauchs.

          Angesichts dessen fordert die VhU zum einen, Firmen auch künftig von der EEG-Umlage zu entlasten. Derzeit müssen 91 Betriebe in Hessen die Umlage nicht zahlen; Voraussetzung dafür ist ein Anteil der Energiekosten von mindestens 14 Prozent an der Bruttowertschöpfung (Umsatz abzüglich Vorkosten) und ein Verbrauch von mehr als einer Gigawattstunde im Jahr. Zweitens tritt die VhU als Dachverband dafür ein, stromintensive Betriebe künftig gleitend zu entlasten, angefangen von einem Anteil von drei Prozent an der Bruttowertschöpfung. Laut Dirk Bühring vom Chemieunternehmen Clariant würde das einen von der Politik geschaffenen Nachteil im Wettbewerb mindern. Drittens sollten laut VhU die in Frankfurt verbreiteten Rechenzentren, bei denen Energie 40 Prozent der Bruttowertschöpfung ausmacht, und kleine Industriefirmen auch von der Umlage befreit werden.

          Dies liefe auf eine Umverteilung zu Lasten anderer Stromkunden hinaus, gestand Fasbender zu. Ein Vier-Personen-Haushalt müsste laut VhU 70 Euro zusätzlich im Jahr zahlen. Dies hält Peter Bartholomäus, Chef des Wiesbadener Industrieparkbetreibers Infraserv, aber für gerechtfertigt. Privatleuten sei wenig geholfen, wenn ihre Stromrechnung „zwar langsamer steigt, ihr Nachbar aber seinen Industriearbeitsplatz verliert“. In Gestalt von Kalle und SE Tylose hätten schon zwei der Firmen im Industriepark Kalle-Albert im Ausland neue Anlagen errichtet - auch um von günstigeren Energiekosten zu profitieren. Die Politik müsse „die schleichende Verlagerung von Industrieproduktion ins Ausland ernst nehmen“. Werner Stubenrauch vom Kunststoffbetrieb Weber in Dillenburg mahnte, manches Unternehmen werde durch die Umlage „über Nacht in die Verlustzone gedrängt“.

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