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Fintech-Unternehmen : App in die Zukunft

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Grünpflanze inklusive:Blick in das Großraumbüros des jungen Frankfurter Finanzdienstleisters Vaamo. Bild: Max Kesberger

Das Bankenwesen ist im Umbruch, und Frankfurt könnte zum Zentrum neuer Finanzunternehmen werden. Doch viele Gründer klagen über die Stadtverwaltung.

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          Angefangen hat alles mit einer Forderung über 30.000 Euro und einem flüchtigen Schuldner. Es war vor ungefähr zehn Jahren, Timur Peters machte gerade ein Fernstudium in Wirtschaftsrecht. Zu der Zeit hielt Peters, der sich schon mit 19 Jahren erstmals als Unternehmer betätigt hatte, die Beteiligung an einem Importunternehmen. Günstig iPods aufkaufen und im nächsten Land teurer verkaufen, das schien ihm ein gutes Geschäft zu sein. Wäre es vielleicht auch gewesen. Doch die iPods kamen nicht durch den Zoll. Der Importeur setzte sich ins Ausland ab, zurück blieb Peters mit einer Forderung über 30.000 Euro, für die ihm niemand einen Cent geben wollte.

          Geld hat Peters dafür bis heute nicht bekommen, und doch könnte sich die scheinbar wertlose Forderung noch als ziemlich wertvoll herausstellen. Denn mit ihr beginnt die Firmengeschichte von Debitos. Peters’ Idee: Wie wäre es, wenn Forderungen ganz einfach im Internet gehandelt werden könnten, wenn es also eine Art Ebay für Forderungen gäbe? 2010 begann die Entwicklung einer solchen Plattform, 2014 wurden schon knapp 80 Transaktionen mit einem Volumen von 860 Millionen Euro über das junge Frankfurter Unternehmen mit Sitz an der Friedrich-Ebert-Anlage abgewickelt. Ein Lieferant des insolventen Windenergiebetreibers Prokon hat seine Forderung über Debitos versteigert, genauso wie ein Gläubiger im Kirch-Verfahren. Dieses Jahr will die Forderungsbörse mit zwölf Mitarbeitern zum ersten Mal schwarze Zahlen schreiben.

          London führend in Europa

          Debitos gehört zur Branche der jungen Finanztechnologie-Unternehmen, kurz Fintechs. Solche Firmen bieten Bankendienstleistungen an, nur ohne Banken. Sie ermöglichen es, über Apps und Online-Plattformen Geld anzulegen, Kredite zu vergleichen oder eben Forderungen zu versteigern. Sie haben keine Filialen und sind daher oft günstiger als Banken. Jünger und innovativer sind sie sowieso - und damit gerade so etwas wie das neue heiße Ding der Start-up-Welt.

          Investoren sind daher auf der Jagd nach den kleinen Technologiefirmen. Im vergangenen Jahr steckten sie laut einer Studie des Beratungsunternehmens Accenture weltweit 12,2 Milliarden Dollar in die junge Branche - dreimal mehr als 2013. Der Großteil des Geldes fließt in die Vereinigten Staaten, und was nach Europa geht, kommt meist Start-ups in der Finanzmetropole London zugute. Doch auch in Frankfurt tut sich etwas. Die Commerzbank betreibt seit März 2014 den Main Incubator, eine Art Brutkasten für junge Fintech-Unternehmen. Die Deutsche Bank bietet ihren Online-Kunden einen besonderen Überweisungsservice, entwickelt vom Münchner Start-up Gini. Am Unibator der Goethe-Universität sind mehrere Fintech-Unternehmen angedockt. Wenn der Titel Gründerhauptstadt schon nach Berlin geht, ist Frankfurt dann zumindest das Fintech-Zentrum Deutschlands?

          Alterwürdige Finanzinstitute und nerdige Fintechs

          „Ich würde jedem Fintech-Unternehmer klar empfehlen, in Frankfurt zu gründen“, sagt Yassin Hankir, inzwischen ausgestiegener Gründer des Anlageportals Vaamo, der zurzeit an einem neuen Startup bastelt. Vaamo zählt zu den wenigen Frankfurter Fintechs, die auch außerhalb der Szene etwas bekannter sind, weil das Unternehmen vor einigen Monaten die Stadt mit Plakaten zuklebte und Andreas Hackethal, Professor für Finanzen an der Goethe-Universität, daran beteiligt ist. Für Frankfurt sprächen die zentrale Lage in Deutschland und vor allem die Nähe zu den Banken, sagt Hankir.

          Die alterwürdigen Finanzinstitute und die nerdigen Fintechs - das klingt nach größtmöglichem Widerspruch und reichlich Konflikten: Angriff der Cyber-Banken und so. Doch tatsächlich ist das Verhältnis derzeit viel mehr von Kooperation als von Konfrontation geprägt. Viele Start-ups arbeiten mit Kreditinstituten zusammen, weil sie selbst keine Banklizenz haben. Die Jungen brauchen die Alten, zumindest noch. Auch weil die Banken etwas haben, was die Fintechs dringend suchen: Fachwissen und vor allem Kunden.

          Anzahl der Bankfilialen sinkt

          Der Vorteil der Start-ups hingegen ist, dass sie deutlich wendiger sind als ein Riesentanker wie die Deutsche Bank und Ideen nicht so lange von einer Hierarchieebene in die nächste gereicht werden, bis nichts mehr von ihnen übrig bleibt. Außerdem haben viele Finanzinstitute inzwischen gemerkt: Die Veränderung der Branche hat längst begonnen; die Revolution ist schon da. „Die Frage ist: Wird es die Etablierten richtig treffen oder können sie den Wandel mitgestalten?“, sagt Sebastian Schäfer, Leiter des Unibators, der Start-up-Brutstätte der Goethe-Universität.

          Die Zahl der Sparkassenfilialen in Hessen ist in den vergangenen zehn Jahren von knapp 1400 auf gut 1100 zurückgegangen. In den nächsten zehn Jahren wird jede dritte Bankfiliale in Deutschland schließen, schätzt Commerzbank-Chef Martin Blessing. Die Zukunft ist online und die Frage nicht mehr, ob Fintechs das Bankwesen verändern, sondern nur noch, wie sie es tun.

          Frankfurt bietet zu wenig

          Aus dieser Erkenntnis heraus ist auch der Main Incubator der Commerzbank entstanden. Er finanziert junge Fintechs, zum Beispiel das Frankfurter Unternehmen Traxpay, einmal im Monat findet die Veranstaltungsreihe „Between the Towers“ statt, um Gründer, Banker und Investoren zu vernetzen. Im Gegenzug erhofft sich die Commerzbank Beteiligungen an aussichtsreichen Start-ups, deren Produkte die Kunden der Bank nutzen können. Klar, auch die eigenen Mitarbeiter der Commerzbank tüfteln an neuen Apps, doch die kleinen Technologiefirmen sind oft schneller oder haben neue Ideen. „Es ist nicht so, dass wir uns zurücklehnen und zu den Start-ups sagen: ,Seid mal kreativ‘. Aber Gründer brennen für die eigene Sache und arbeiten Tag und Nacht dafür“, sagt Christian Hoppe, der drei Tage die Woche im Turm der Commerzbank arbeitet und zwei Tage in seiner Funktion als Mitgründer des Main Incubators tätig ist. Hoppes Anspruch ist es, Frankfurt als „Herz des Fintech-Ökosystems in Kontinentaleuropa“ zu etablieren.

          Obwohl die meisten Fintech-Gründer aus der Region ihr Unternehmen wieder hier aufbauen würden, sagen auch viele: Von der Stadt kommt zu wenig. Debitos-Gründer Timur Peters brauchte Monate, um bei der Bafin zu klären, ob seine Geschäftsidee den Regulierungsvorschriften entspricht. Es sei enorm schwierig, bezahlbare Büroräume zu finden, beklagt Gernot Overbeck, Gründer des Portals Fintura. Oliver Vins, einer der Vaamo-Gründer, erzählt, dass ihm einmal ein Vertreter Londons Unterstützung versprach, falls er mit Vaamo nach England umziehe. Das Angebot machte ihm der Herr auf einer Konferenz in - Frankfurt. Von der Stadt am Main hingegen komme rein gar nichts. Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies an der Goethe-Universität, meinte in der vergangenen Woche gar in einem Beitrag für diese Zeitung, Frankfurt drohe mangels Unterstützung den Anschluss an die Digitalisierung des Bankwesens zu verpassen.

          Goethe-Uni richtet Fintech-Lab ein

          Tatsächlich gebe es kein spezielles Programm für junge Fintech-Unternehmen, heißt es bei der Wirtschaftsförderung. Sie könnten aber die Angebote nutzen, die allen Start-ups offenstünden: Mentoren-Programme zum Beispiel und das Mieten günstiger Büros im Gründerzentrum. Zudem untersuche man derzeit, welche Fintechs es in der Region überhaupt gebe, um sie dann gezielter fördern zu können. Aber es sei eben alles ein Prozess.

          Pure Entschlossenheit klingt anders, uns so bleibt es wohl weiterhin den Banken und Universitäten in der Region überlassen, Fintech-Unternehmer zu unterstützen und zu vernetzen. An der Goethe-Universität möchte man dieses Jahr ein Fintech-Lab einrichten. Auch den Machern des Kreditvergleichsportals Fintura war die Nähe zur Universität wichtig. Als sie ihr Unternehmen gründeten, war Frankfurt als Standort im Gespräch. Doch sie entschieden sich für Darmstadt, weil einige Werkstudenten der Technischen Universität für das Unternehmen arbeiten und Büroräume schneller und günstiger zu finden waren als am Main.

          Sieben von zehn Start-ups scheitern

          Doch wie bei vielen anderen Fintech-Start-ups auch sind die beiden Gründer des Kreditportals Fintura keine Studenten im zweiten Semester, sondern ehemalige Banker und Berater. Gründer Thomas Becher kündigte nach 15 Jahren bei der Deutschen Bank, um Fintura aufzubauen. Mit der Sehnsucht, selbst ein Unternehmen zu gründen, sei er dort nicht allein gewesen, sagt er. Immer strengere Regulierungen, die Skandale der vergangenen Jahre - Becher hat einige Banker getroffen, die sich überlegten, auszusteigen und selbst etwas aufzubauen. Man könnte doch mal hier, sollte doch mal dort: Das habe er oft gehört, aber oft sei es eben auch beim Konjunktiv geblieben. „Das sind schon sehr warme Betten, aus denen man steigt“, sagt Becher.

          Mit hohen Gehältern können Start-ups nicht um die Mitarbeiter der Banken werben. Viele Fintechs suchen aber dringend Personal, vor allem Entwickler sind begehrt, und sie lassen sich auch nicht alle mit Kickertischen und Club Mate ködern. Was lockt, ist die Aussicht, Teil des nächsten großen Dings zu sein. „Es ist wie in anderen Branchen auch, die einen Umbruch erlebt haben: Sieben von zehn Start-ups fahren gegen die Wand, bei zwei bekommst du dein Geld zurück, und eines wird das neue Google“, sagt Debitos-Geschäftsführer Hajo Engelke.

          Ungefähr 30 Fintechs gibt es zurzeit im Rhein-Main-Gebiet. Dreimal Google in der Region, das wäre doch was.

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