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Finnland auf der Buchmesse : Die klare, wahre, unverfälschte Natur

Hinter den runden Formen verbergen sich literarische Spezialitäten: Blick in den Pavillon des Buchmessen-Ehrengastes Finnland. Bild: Röth, Frank

Bläulich schimmerndes Licht durchzieht den Pavillon der Finnen auf der Buchmesse. Wer sich traut, kann dort seine Gehirnströme in Gedichte verwandeln lassen.

          3 Min.

          Leicht irritierend ist der Zweiwort-, Zweipunkt-Slogan des diesjährigen EhrengastAuftritts schon. „Finnland. Cool.“ Das ist kein richtiges Englisch, aber auch nicht wirklich Deutsch. Es sei denn, „cool“ wird mittlerweile als eingemeindetes, hochsprachlich verwendbares Fremdwort betrachtet, dann aber bedeutet es so viel wie „lässig“. Oder „geil“ halt. Was gewiss mit dem Land in Europas Norden verbunden werden muss und soll. Schon beim ersten Blick in den finnischen Pavillon, das Herz der Präsentation auf der Buchmesse, meint man allerdings, den Sinn des Gastland-Mottos anders fassen zu müssen. In der ursprünglichen englischen Bedeutung des Begriffs nämlich, der bei der Übernahme der Vokabel ins Deutsche verlorengegangen ist. Kühl, wenn nicht unterkühlt ist nämlich der erste Eindruck, und ein insgesamt erfrischendes optisches Erlebnis bleibt das Halleninnere auch dann, wenn sich der Besucher länger dort aufhält. Der Boden glänzt schneeweiß, ein bläuliches Licht durchschimmert den gewaltigen Raum.

          Michael Hierholzer
          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Große Panoramen, auf deren Außen- wie Innenseiten zumeist blasse Projektionen zu sehen sind, bestimmen das Ambiente. Ein bisschen sieht das wie überdimensionale Lampenschirme aus. Die runden, zylindrischen Flächen hängen in unterschiedlicher Höhe von der Decke. Entworfen wurde der Pavillon dieses Mal nicht von bekannten Gestaltern oder Ausstellungsarchitekten, sondern von drei Studenten des Masterstudiengangs Raum- und Möbeldesign der Aalto-Universität Helsinki, die am Dienstag, etwas schüchtern, aber voller Stolz in ihrem Werk standen.

          Gedichte lesen und Gehirnströme messen

          Die sechs Rotunden offenbaren zum Teil Überraschendes. So verbirgt sich hinter einer eine Bühne, auf der es in den kommenden Tagen diverse Veranstaltungen geben wird. Eine andere bietet die Möglichkeit zu einer dichterischen Erfahrung der ganz besonderen Art. „Brains on Art“ ist ein wissenschaftlich-künstlerisches Projekt, das Jukka Toivanen, einer der Initiatoren, dem eintretenden Messebesucher erklärt. Ein futuristisch anmutendes Gerät wird ihm auf den Kopf gesetzt, es misst die Gehirnströme, statt eines Elektroenzephalogramms erhält der Proband jedoch ein Gedicht, das der Aktivität seiner grauen Zellen und womöglich seinem Charakter entspricht.

          Der Ausdruck ähnelt einem Kassenzettel. „Eine Stimme schnellte hoch“, steht etwa darauf, „glasschwirrend ein zusammengefasst zu dauerndem Durchdringen, Bestätigung zu von mir selbst Geschautem“. Und so weiter. Der Germanist erkennt hier unschwer mehrere gewagte Metaphern, dann aber auch wieder erstaunlich korrekte grammatische Fügungen. Das Material, aus dem hier individuelle Verse geschmiedet werden, stamme aus literarischen Internet-Textsammlungen, erläutert Jukka Toivanen. Das Gerät sei im Handel erhältlich.

          Finnland ist Natur, unverfälscht und klar

          Die pure Natur, die natürliche Schönheit, die unberührte Landschaft, das Klare, Wahre, Unverfälschte: so wollen wir uns Finnland gerne vorstellen, und so stellt es sich in diesem Pavillon auch dar. Auf selbstverständlich weißen Designer-Sitzmöbeln zwischen Stuhl und Sessel lässt sich nieder, wer dem Tröpfeln und Rauschen des finnischen Wassers lauschen und ihm beim Tropfen, Fließen und Blasenbilden zuschauen möchte. Das Nass brodelt und schäumt in seliger Reinheit, und dann und wann schwimmen in Slowmotion Wasservögel dahin, oder ein Kind badet sich fröhlich im, wie wir annehmen, kühlen Element.

          In einer anderen Installation liegen Papier und Bleistifte bereit, um Verse und Sätze der finnischen Literatur, so scheint es jedenfalls, abzupausen, die eingegraben sind in Steine, die sich zu einer Fläche fügen. An anderer Stelle im Saal verlässt die Präsentation das allzu Blasse, Pastellfarbene, Bläulich-Leuchtende. Es ist die dem Kinderbuch gewidmete Abteilung mit Häuschen und Figuren, die sich freilich dem Uneingeweihten nicht so recht erschließen. Eine andere schwebende Rundform korrespondiert mit einer Sitzbank von gleicher Kreishaftigkeit, eine Einladung zum Verweilen und Stöbern in den rundum verteilten Büchern finnischer Autoren.

          Ein Café gibt es auch in diesem Pavillon, wer allerdings Bier oder Wodka bevorzugt, geht besser hinaus und sucht die „Suomi Bar“ auf, die mit derlei in Finnland beliebten Getränken aufwartet. Überhaupt ist der diesjährige Ehrengast überall auf der Buchmesse präsent. 60 zumeist weibliche Autoren beleben das Geschehen, etwa 130 Neuübersetzungen finnischer Werke ins Deutsche werden auf der Bücherschau vorgestellt. Die meisten davon sind sicherlich cool, vielleicht aber sind auch ein paar kühle dabei.

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