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Finanzminister Thomas Schäfer : Dröhnend und sensibel

Ministerpräsident Volker Bouffier und Finanzminister Thomas Schäfer Bild: dpa

Der hessische Finanzminister Thomas Schäfer war ein Mann für Strategie und festes Schuhwerk. Er galt als Kronprinz von Ministerpräsident Volker Bouffier. Jetzt ist er tot.

          2 Min.

          Er war ein Mann unter Strom. Auch wenn es nach außen hin oft anders aussah. Kaum ein Tag verging, am dem der offenbar durch einen Suizid am Samstagvormittag aus dem Leben geschiedene hessische Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) nicht die Medien auf sich aufmerksam machte. Der große Mann aus dem mittelhessischen Biedenkopf ließ Pressemitteilungen in Serie verschicken. Eine Kommune verließ den landeseigenen finanziellen Schutzschirm? Schäfer machte einen öffentlichen Termin daraus. Die Landesregierung organisierte eine Spenden- und Pflanzaktion für den Wald? Schäfer zog festes Schuhwerk und Arbeitshandschuhe an und griff zum Spaten – erst zwei Wochen ist das her, zu sehen auf der Internetseite seines Finanzministeriums. Auch die Sozialen Medien wusste Schäfer, geboren im Februar 1966, für sich zu nutzen. Auf seinem Twitter-Account inszenierte er sich als humorvoller Denker und Lenker der hessischen Finanzen.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wer Schäfer ein wenig besser kannte, merkte rasch, dass hinter dem zuweilen dröhnenden Auftritt ein sensibler Mensch steckte. Ein Mann, der aber auch um keinen Spruch verlegen war. Und ein Landespolitiker, der sich nicht scheute, die Starken zu attackieren. Als er vor ein paar Jahren den Kommunalen Finanzausgleich in Hessen reformierte, nahm er vor allem die reichen Städte und Gemeinden stärker in die Pflicht. Im wohlhabenden Frankfurt machte sich der Minister, der seit 2010 im Amt war, damit keine Freunde. Sogar Parteifreunde nannten die Reform einen „Raubzug“ auf Kosten der größten hessischen Kommune. Anderswo jedoch, vor allem auf dem Land, war Schäfer, der vor einiger Zeit sichtbar an Gewicht verloren hatte, ein überaus beliebter Politiker.

          In Wiesbaden galt Schäfer seit langem schon als Kronprinz von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). Wenn über dessen Nachfolge spekuliert wurde, fiel Schäfers Name stets zuerst. Nach und nach hatte sich der kluge Stratege in den Kommunen und im Landtag ein Netz aufgebaut, an dem kein Konkurrent so einfach mehr vorbeikam. Schäfer konnte ruppig sein, aber auch durchaus jovial.

          Vor wenigen Tagen erst sprach Schäfer im Landtag vor den Abgeordneten. Dort erläuterte er den Nachtragshaushalt, mit dem das Land Hessen seinen eigenen Schutzschirm in Zeiten von Corona spannen will. Er sprach davon, dass das Amt ihm „ein Vergnügen und eine Ehre“ sei.

          Am Samstagvormittag gegen 10.20 Uhr wurde an der ICE-Strecke bei Hochheim eine männliche Leiche gefunden. Erst spät am Abend veröffentlichen die Ermittler die Identität des Toten. Es war Thomas Schäfer. Er hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Der hessische Ministerpräsident Bouffier teilte wenig später mit: „Wir sind alle geschockt und können es kaum glauben, dass Thomas Schäfer so plötzlich und unerwartet zu Tode gekommen ist.“ Noch um 10.59 Uhr, 40 Minuten, nachdem die Leiche des Finanzministers gefunden worden war, versandte sein Ministerium eine Pressemitteilung. Schäfer fordert darin die EU-Kommission auf, in der Corona-Krise für die Wirtschaft nachzubessern. Als die Mail verschickt wurde, war der Minister schon tot.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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