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Teure Altersvorsorge : „Dann hat mir MLP so was vorgerechnet"

Vor allem junge Menschen müssen privat für das Alter vorsorgen, doch nicht jede Versicherung rechnet sich Bild: dpa

Eine gut verdienende Akademikerin kommt auf keinen grünen Zweig. Das hat damit zu tun, dass sie im Studium einen Finanzberater traf. Eine Fallstudie.

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          Wie genau sich das vor acht Jahren abspielte - Daniela H. kann sich nur vage erinnern. Es war die Zeit vor dem ersten Staatsexamen, die angehende Juristin war im Prüfungsstress. Samstags wurden Testklausuren geschrieben. Wer die Arbeiten auch korrigiert haben wollte, musste diese Leistung aus eigener Tasche zahlen, zehn Euro je Arbeit. Da kam das Angebot des Finanzdienstleisters MLP, die Kosten dafür zu übernehmen, gerade recht.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          MLP - nach der Deutschen Vermögensberatung und AWD die Nummer drei der eigenständigen Finanzvertriebe in Deutschland - ist dafür bekannt, über Gratisangebote an Universitäten frühzeitig Kontakt zu späteren Gutverdienern herzustellen. Daniela und viele ihrer Kommilitonen füllten die Adressfelder auf den Anträgen zur Kostenerstattung gerne aus. Es dauerte nicht lange, da bekam die Studentin einen Anruf von MLP mit dem Vorschlag für ein Beratungsgespräch. Daniela sagte zu und traf wenig später "einen spießigen Typen mit Siegelring", wie sie sich erinnert, "und der hat mir dann so was vorgerechnet".

          Schon im Studium an die Rente denken? MLP-Finanzberater nutzen auf dem Campus die Gunst der Stunde

          Vier Versicherungen auf einen Streich

          Der "Typ mit Siegelring" wurde fortan Danielas persönlicher MLP-Berater, und vermutlich hat er noch am Abend nach dem ersten Treffen die Sektkorken knallen lassen. Es gelang dem Berater nämlich, Daniela hintereinander gleich mehrere Versicherungen für die Altersvorsorge zu verkaufen: Eine klassische Rentenversicherung, eine fondsgebundene Lebensversicherung und eine Rürup-Rente, gekoppelt mit Berufsunfähigkeit. Als sich abzeichnete, dass Daniela nicht als Anwältin, also Freiberuflerin, arbeiten würde, schob er später auch noch einen fondsgebundenen Riester-Vertrag nach.

          Für alle vier Versicherungen wurde eine Dynamik vereinbart, so dass aus anfänglich harmlosen 40 Euro am Ende unter dem Strich eine monatliche Summe von 510 Euro für die private Altersvorsorge stand - zusätzlich zu den zirka 520 Euro, die die 33 Jahre alte Frau als Freiwilligversicherte in die gesetzliche Rentenversicherung ohnehin schon einzahlt.

          Dann müssen die Verbraucherschützer ran

          Als die Versicherung im Frühjahr 2011 eine neuerliche Erhöhung der Beiträge ankündigt, platzt Daniela der Kragen. Die Juristin, die als Personalchefin arbeitet, beschließt, endlich Ordnung in die "Akte MLP" zu bringen, wie sie sagt. Auf Anraten einer Freundin wendet sie sich an Brigitte Mayer von der Verbraucherzentrale Hessen. Mayer ist darauf spezialisiert, Versicherungsverträge auseinanderzupflücken. Den frühesten Termin gibt es erst in sechs Wochen. Vorab gibt ihr die Verbraucherzentrale Musterschreiben an die Hand, unter anderem auch, um in Erfahrung zu bringen, wie viel eingezahlt wurde und was die Versicherungen wert sind. Es dauert mehrere Wochen und es braucht mehrere hartnäckige Anrufe, bis alle Anschreiben beantwortet sind. Der Termin bei der Verbraucherzentrale muss zweimal verschoben werden.

          Die Versicherungsexpertin stellt beim ersten Gespräch wie so oft fest: "Sie hätten uns besser vorher gefragt." Den Schaden könne man jetzt nur noch sanieren, aber nicht mehr reparieren. In gut zwei Stunden geht die Beraterin (siehe auch untenstehendes Interview ) mit Daniela die einzelnen Verträge durch. Sie stellt dabei komplizierte Renditeberechnungen in Excel-Tabellen an.

          Analyse ernüchternd

          Das Ergebnis ist ernüchternd: Die abgeschlossene Rentenversicherung hat hohe Anlaufkosten, rechnet sich erst vom 90. Lebensjahr an und ist nichts anderes als ein "trockener Sparvertrag", aber als Rentenversicherung uninteressant. Die fondsgebundene Lebensversicherung ist "heller Irrsinn". Abgesichert ist der Todesfall bis zum 100. Geburtstag, das heißt auch dann noch bekäme eine dafür bestimmte Person das Geld. "Das verursacht astronomische Kosten." Rund 15 Prozent, wie Mayer berechnet. 7500 Euro verschwänden im "Glaspalast der Versicherung", 2400 Euro davon habe Daniela schon gezahlt. Die Rürup-Rente hat "grausige Konditionen" und kommt erst mit dem 101. Lebensjahr "in die Nähe der Rentierlichkeit". Immerhin bekommt die daran gekoppelte Berufsunfähigkeitsversicherung gute Noten. Nicht aber die Riester-Rente. Auch die hat "irre Kosten".

          Was tun mit solchen Verträgen? Kündigen, beitragsfrei stellen, weiterlaufen lassen? Daniela hat vor allem ein Ziel: Sie will von den hohen monatlichen Belastungen herunter. Am Ende stellt sie die Rentenversicherung beitragsfrei, da eine Kündigung nicht möglich ist. Der Rückkaufswert, das ist der aktuelle Wert des Vertrags, beträgt 5400 Euro (minus Verwaltungskosten). Bereits eingezahlt hat Daniela 8500 Euro. Bei der fondsgebundenen Lebensversicherung macht eine Beitragsfreistellung laut Mayer keinen Sinn, weil in diesem Fall die laufenden Kosten des Vertrags drücken. Alternativ könnte Daniela die Fondsanteile nehmen und auf ein kostengünstiges Depot übertragen in der Hoffnung, dass der Fondspreis steigt. "Aber darum muss man sich kümmern." Daniela winkt ab. Sie kündigt gegen Geld und bekommt 3350 Euro, 6420 hat sie bereits eingezahlt.

          6200 Euro Verlust

          Bei Rürup ist das Problem: Anders als Riester- sind Rürup-Verträge nicht kündbar, sie können nur beitragsfrei gestellt werden. MLP lehnt ab, die Berufsunfähigkeitsversicherung davon abzukoppeln. Da ein neuer Vertrag mit ähnlich guten Konditionen für den Fall der Berufsunfähigkeit sehr viel teurer würde, behält Daniela den Vertrag. Den teuren Riester-Vertrag dagegen stellt sie beitragsfrei, um sich ein besseres Angebot zu suchen.

          Unterm Strich steht am Ende ein Verlust von 6200 Euro. Inzwischen hat Daniela Post von MLP bekommen: darin ein neuer Vorschlag für ein Versicherungspaket. Auf einen Rückruf ihres MLP-Beraters wartet sie bis heute. Der "Typ mit dem Siegelring" habe ein einziges Mal versucht, sie auf dem Handy zu erreichen. Eine Nachricht hat er nicht hinterlassen.

          "Wir brauchen mehr Finanzbildung"

          Brigitte Mayer, Fachfrau für Fragen zur Altersvorsorge bei der Verbraucherzentrale Hessen, plädiert im Gespräch mit Petra Kirchhoff für eine bessere Vorbereitung auf das Versichertenleben.

          Ist Daniela H. ein Einzelfall?

          Nein. Das ist unser Beratungsalltag.

          Wie bewerten Sie den Fall?

          Als durchaus normal. Andere Verbraucher haben deutlich höhere Verluste hinnehmen müssen. Oft wird bei Vertragsschluss die Form der Altersvorsorge nicht verstanden. Es handelt sich immer um eine sehr langfristige Investition, die auch bei Arbeitslosigkeit oder in der Elternzeit bezahlt werden muss.

          Wie gehen die Finanzberater vor?

          Nun, die Berater von vielen Finanzvertrieben wie zum Beispiel MLP sind außerordentlich geschickt im Vertrieb. Außerdem werden hier speziell Hochschulabsolventen in der Prüfung oder kurz nach der Prüfung abgeholt, die weder die Lebenserfahrung noch aktuell das Wissen und die Zeit haben, sich mit diesen komplexen Verträgen auseinanderzusetzen. 

          Wann mucken die Versicherten auf?

          Das ist meistens dann der Fall, wenn es anfängt, wird wirtschaftlich eng zu werden. Also wenn eine Immobilie erworben werden soll, wenn Kinder kommen, oder wenn durch die Vereinbarung von hohen dynamischen Preisanpassungen in den Verträgen die monatliche Belastung sehr hoch geworden ist.

          Wo liegen die Grundfehler?

          Es wird zu wenig bedacht, dass Biographien heutzutage bunt sind. Die Altersvorsorge ist ein Prozess, der den eigenen Lebensverhältnissen immer wieder angepasst werden muss. Als Single brauche ich keine Lebensversicherung mit Todesfallabsicherung. Viele Verbraucher haben heute auch nicht mehr die Möglichkeit langfristig gleichmäßig zu sparen. Das muss mit berücksichtigt werden.

          Brauchen wir mehr Finanzbildung?

          Unbedingt. Vor allem in der Berufsausbildung wird das Thema wichtig. In der Schule muss der Grundstock für die Zinsrechnung und andere Grundrechenarten gelegt werden.

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