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Gegen den Trend : Beschäftigung am Finanzplatz wächst leicht

Ein Flaggschiff der Frankfurter Bankenbranche: Die Deutsche Bank will tausende Stellen abbauen. Bild: EPA

Frankfurt widersetzt sich dem bundesweitem Stellenabbau in der Finanzbranche. Und auch in den nächsten Jahren könnte die Beschäftigung am Finanzplatz von einem Brexit-Effekt profitieren.

          Die vergangenen Wochen haben bei Beobachtern und Beschäftigten am Finanzplatz wenig Zuversicht hinterlassen: Mit der Deutschen Bank kündigte ein Flaggschiff der Frankfurter Bankenbranche an, weltweit rund 18.000 Stellen streichen zu wollen; und auch in der Commerzbank läuft derzeit ein Stellenabbau, bei dem es um rund 7000 Arbeitsplätze geht. Doch diese Entwicklung ist kein Beleg dafür, dass immer weniger Menschen in der Finanzbranche in der Mainmetropole arbeiten. Im Gegenteil: In Frankfurt ist die Zahl der Beschäftigten bei Banken und anderen Finanzdienstleistern in den vergangenen zehn Jahren von rund 64.000 auf gut 66.000 Stellen und damit um 2,8 Prozent gestiegen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, in der die Jahre 2008 und 2018 miteinander verglichen wurden.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Während bundesweit immer weniger Menschen bei Finanzhäusern arbeiteten, gehöre Frankfurt zu den Gewinnern des Strukturwandels in der Branche, sagt Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, zu der das Forschungsinstitut gehört.

          Dem Trend entgegen gestemmt

          Finanzunternehmen stehen seit einigen Jahren unter Druck. Erstens sinken aufgrund der anhaltend niedrigen Zinsen die Erträge, zweitens steigen wegen neuer Auflagen von Regulierungsbehörden die Kosten. Und drittens verändert sich durch die Digitalisierung das Kundenverhalten, wonach Bankgeschäfte immer häufiger am Computer oder am Smartphone erledigt werden. Für Frankfurt sind diese Entwicklungen von besonderer Relevanz, schließlich hängt hier mehr als jeder zehnte Arbeitsplatz von der Finanzbranche ab.

          Doch bislang hat sich der Finanzplatz dem bundesweiten Trend, dass immer weniger Menschen bei Banken arbeiten, erfolgreich entgegen gestemmt. Das hat vor allem mit der Digitalisierung zu tun, wie Martin erklärt. Wenn das Bankgeschäft digitaler wird, werden zwar einerseits Stellen in Filialen abgebaut, aber vor allem in den IT-Abteilungen der Häuser neue geschaffen – und diese Abteilungen liegen in der Regel in den Zentralen der Unternehmen, die meistens in Frankfurt zu finden sind.

          Akademischer Abschluss statt klassische Banklehre

          Die Zahlen der Studie belegen diese Einschätzung. So ist in Deutschland zwischen den Jahren 2000 und 2015 fast jede dritte Bankfiliale geschlossen worden, in Frankfurt ging die Zahl der Geschäftsstellen diesem Trend folgend von 403 auf 288 und damit um 29 Prozent zurück. Dagegen zeigt die Untersuchung auch, dass die Kreditinstitute immer häufiger auf Mitarbeiter mit akademischem Abschluss anstatt mit klassischer Banklehre setzen. Das deute darauf hin, dass in den Unternehmen immer häufiger spezialisierte Experten, vor allem aus der IT, benötigt würden anstatt ausgebildeter Fachkräfte, und diese IT-Experten säßen eben häufiger in der Zentrale anstatt in Filialen. Dennoch sei damit zu rechnen, dass es für Frankfurt immer schwerer werde, sich dem Bundestrend zum Stellenabbau in der für die Stadt so wichtigen Finanzbranche zu entziehen. Untersuchungen zeigen, dass bei Finanzdienstleistern drei von fünf Arbeitsplätzen von der Digitalisierung bedroht sind, also theoretisch automatisiert werden könnten.

          Allerdings gibt es Grund zur Annahme, dass auch in den nächsten Jahren die Beschäftigung am Finanzplatz zumindest stabil bleiben dürfte. Das hat vor allem mit dem Beschluss der britischen Bevölkerung zu tun, die Europäische Union verlassen zu wollen. So geht die Chefvolkswirtin der hessischen Landesbank Helaba, Gertrud Traud, in ihrer jüngsten Finanzplatzstudie aus dem Herbst 2018 davon aus, dass Frankfurt in den Jahren 2019 und 2020 von einem Brexit-Effekt profitieren, die Zahl der Arbeitsplätze bei Banken also steigen werde, und zwar gegenüber 2017 um fast 1800 Mitarbeiter.

          Die Helaba rechnet zwar auch damit, dass es in den nächsten Jahren bei vielen Geldhäusern in Frankfurt zu Stellenstreichungen kommen wird. Doch weil vor allem ausländische Institute wegen des Brexits Experten etwa für Regulierung und IT suchten und deutsche Banken Mitarbeiter aus der britischen Hauptstadt London zurück nach Frankfurt beorderten, sei in der Stadt von einem Aufbau der Beschäftigtenzahlen in der Branche auszugehen. Sollte es tatsächlich zum Brexit kommen, könne dieser mittelfristig sogar noch deutlicher ausfallen, heißt es in der Helaba-Studie.

          Dennoch hat der angekündigte Stellenabbau der Deutschen Bank zuletzt auch vielen Beschäftigten am Finanzplatz Sorgen bereitet. Frank Martin ist sicher, dass sich die Bankbranche weiter verändern wird: „Der Finanzplatz muss sich in den nächsten Jahren anstrengen.“ Deshalb empfiehlt er, im Zuge des Brexit weiter um internationale Banken zu werben und digitale Finanz-Start-ups, kurz Fintechs, zu fördern. „Es lohnt sich für Frankfurt ganz sicher, auf diese beiden Felder zu setzen.“

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