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Finanz-Start-ups : Der Fintech-Traum droht zu zerplatzen

Fixpunkt: Das Tech Quartier ist ein Hoffnungsträger, um internationale Start-ups nach Frankfurt zu holen. Bild: Wolfgang Eilmes

Frankfurt will die Hauptstadt für Finanz-Start-ups sein. Doch gelingt der Bankenstadt dieser Wandel? Derzeit spricht einiges dagegen.

          Die Ambitionen sind groß, die Zahlen jedoch ernüchternd. Ausgerechnet am Finanzplatz Frankfurt kommen die Hoffnungsträger einer ganzen Branche nicht richtig in die Gänge. Der Kunstbegriff Fintechs wurde für Start-ups geschaffen, denen nichts Geringeres zugetraut wurde, als die Geldbranche zu verändern und zugleich die Finanzszene der Stadt mit ihren mehr als 60.000 Beschäftigten mit Hilfe neuer Geschäftsmodelle und Technologien in die Zukunft zu führen. Doch mittlerweile scheint die Euphorie verflogen. Denn die nackten Zahlen sprechen dafür, dass der kühne Traum von der Fintech-Hauptstadt zu zerplatzen droht.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          So sind in den vergangenen zwei Jahren in der Bankenmetropole einer Untersuchung der Commerzbank-Tochter Comdirect zufolge nur 17 Fintechs entstanden, während sich im gleichen Zeitraum in Berlin 39 junge Firmen auf den Weg machten, mit neuen Ideen den großen Instituten Marktanteile abzunehmen oder sie gleich vom Spielfeld zu verdrängen.

          Für Frankfurt birgt diese Erkenntnis eine große Gefahr, denn: Wenn im Zuge der Digitalisierung etablierte Banken Arbeitsplätze abbauen, diese aber an einen anderen Ort in Form von Fintechs neu entstehen, kann das dem Beschäftigungsmotor der Region, der die Finanzbranche zweifellos ist, erheblichen Schaden zufügen. Insgesamt sitzen in Berlin nun 249 Fintechs, in Frankfurt 95. Erstmals fällt die Stadt am Main in dieser Kategorie sogar auch noch hinter die bayerische Landeshauptstadt zurück: In München hat Comdirect 100 junge Finanz-Unternehmen gezählt.

          Nicht einmal mit am Tisch sitzen

          Noch drastischer als die Zahl der reinen Gründungen ist die Höhe des Kapitals, das den aufstrebenden Firmen in der Rhein-Main-Region zukommt. Demnach sind in den vergangenen zwei Jahren Investitionen in Höhe von 854 Millionen an Fintechs aus der Hauptstadt geflossen, auch Finanz-Unternehmer aus Hamburg (236 Millionen) und München (174 Millionen) erhielten ein ordentliches Stück vom Kuchen privater Investoren. Und Frankfurt? Scheint mit 36 Millionen Euro Kapital nicht einmal mit am Tisch zu sitzen.

          Wie bedenklich die Tatsache ist, dass finanzkräftige Geldgeber offenbar einen Bogen um die Finanz-Start-ups aus der Region machen, belegt eine andere Studie, die von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC erarbeitet wurde. Die dortigen Berater haben herausgefunden, welch große Rolle Finanzspritzen von Kapitalgebern für das Überleben der Fintechs spielen. Von 230 Finanz-Start-ups nämlich, die seit 2011 deutschlandweit gescheitert sind, hatte nur jedes zehnte zuvor Geld von einem Finanzinvestor erhalten. Was im Umkehrschluss bedeutet: Jene, die externe Mittel erhalten haben, hatten bessere Chancen zu überleben als Gründungen, die mit eigenem Geld auskommen mussten. Das nötige Kleingeld spielt also eine wesentliche Rolle, um im international umkämpften Fintech-Markt zu überleben. Schließlich geht es häufig darum, im Ringen um Kunden schnell zu sein, möglichst viel in Marketing zu investieren und das Produkt in Deutschland, aber auch in anderen Ländern bekannt zu machen. Wer diese Budgets nicht hat, muss der finanzkräftigeren Konkurrenz nicht immer, aber häufig das Feld überlassen.

          Viele Gründer von Fintechs aus Frankfurt bestätigen, dass der Zugang zu privatem Kapital in Frankfurt besser werden müsse. Zudem berichten Experten, dass die Frage, ob es private Investoren in einer Großstadt gibt, durchaus ein wichtiges Kriterium für die Entscheidung junger Unternehmen sei, sich in einer Stadt anzusiedeln – oder eben nicht. Dass in den vergangenen Jahren kaum Wagniskapital in die Fintechs der Bankenmetropole geflossen ist, spricht gegen Frankfurt.

          „Frankfurt ist ein schwieriges Pflaster für Fintechs“

          So musste das Frankfurter Unternehmen Fintura, einst Betreiber einer Vergleichsplattform für Unternehmensfinanzierungen, im vergangenen Jahr wegen Kapitalmangels den Betrieb einstellen. Das Finanz-Start-up war hoch gehandelt und sogar 2016 von der Deutschen Börse ausgewählt worden, als eines von vier Start-ups in den damals neuen Fintech-Hub des Konzerns im Frankfurter Nordend zu ziehen. Doch am Ende teilten die Gründer Gernot Overbeck und Thomas Becher mit, es sei nicht gelungen, einen Venture-Capital-Investor für die Weiterentwicklung der Firma zu finden.

          Ein anderer Gründer, der namentlich nicht genannt werden will, musste ebenfalls im vergangenen Jahr seinen Fintech-Traum begraben. Die Mieten zu teuer, der Wettbewerb um Nachwuchskräfte zu groß, das Kapital kaum vorhanden: „Frankfurt ist ein schwieriges Pflaster für Fintechs“, sagt er.

          Zwar gibt es durchaus Unternehmen, die es zu beträchtlichem Erfolg gebracht haben, sie heißen Ginmon, Evana, Clark, Creditshelf und Giroxx. Und auch im Gründerzentrum Tech Quartier wird gute Arbeit geleistet, um Frankfurt als Stadt der Fintechs zu platzieren. Doch die ganz großen Erfolgsgeschichten werden an anderer Stelle geschrieben. Das Münchner Unternehmen Wirecard, das zwar schon vor 20 Jahren gegründet wurde, dennoch aber aufgrund seines Geschäftsmodells als Fintech gilt, hat im vergangenen Jahr die altehrwürdige Commerzbank aus dem Dax verdrängt. Und das Fintech N26 gilt mit einer Unternehmensbewertung von 3,5 Milliarden Euro als wertvollstes Start-up des Landes. Sein Sitz: Berlin.

          Die aktuellen Zahlen müssen für den Finanz- und Gründerstandort Frankfurt ein Warnsignal sein. Spätestens mit der Initiierung eines Masterplans für junge Betriebe hat die Region, getrieben unter anderem von der hessischen Landesregierung, die Messlatte selbst sehr hoch gelegt. Schließlich soll die Umsetzung des Vorhabens die Region zu einem der bedeutendsten Zentren für Start-ups weltweit machen. Bis 2022 sollen in der Stadt 1000 Start-ups ihr Zuhause haben, die Hälfte davon sollen Fintechs sein.

          Das ist zweifellos eine gute Idee. Doch ob sich die Zahl der derzeit weniger als 100 Fintechs innerhalb von drei Jahren wirklich verfünffachen lässt, scheint angesichts der Zahlen vor allem eines zu sein: ziemlich zweifelhaft.

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