https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/filmfestival-go-east-vereint-geschichte-und-gegenwart-16759557.html

Filmfestival Go East : Brüchige Erinnerung, brutale Bilder

Odyssee durch das Schlechteste im Menschengeschlecht: Peter Kotlár als namenloser kindlicher Held in „The Painted Bird“ von Václav Marhoul. Bild: Go East

Wie Europa geworden ist: Das Filmfestival Go East widmet sich online der grausamen Geschichte und der zerrissenen Gegenwart Europas – und erinnert an den 8. Mai 1945.

          3 Min.

          Auge um Auge, Zahn um Zahn, erklärt der stalinistische Heckenschütze Mitka dem Kleinen. Hinrichtungen aus dem Hinterhalt sind noch das Harmloseste, was der namenlose kleine Junge mit den großen Augen erlebt und erleidet. Bei den Filmfestspielen Venedig, wo der Film Premiere hatte, sind nicht wenige aus dem Saal gelaufen. Und es wäre wohl besser, einen Film wie „The Painted Bird“ von Václav Marhoul nicht allein anzusehen. Massaker und Vergewaltigungen und vor allem, immer wieder, eine aus primitivem Fremdenhass, unreflektierter Frömmelei, jahrhundertelang eingeübtem Sklaventum, Gier und Sexualität gespeiste gnadenlose Verachtung des Menschseins erlebt das kleine Menschenkind. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs durchstreift es eine Art fiktives Osteuropa, gesprochen wird ein künstliches Panslawisch.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Nun sitzen die meisten Zuschauer, die das 20. Wiesbadener Festival Go East des mittel- und osteuropäischen Films in seinem Jubiläumsjahr vorerst nur online und on demand erleben können, vermutlich meist allein oder zu zweit vor dem heimischen Bildschirm. Weglaufen geht da zwar etwas umstandsloser – aber besser, man hat die Gelegenheit, zu diskutieren über das, was der tschechische Regisseur, Autor, Produzent und Schauspieler Václav Marhoul da zeigt.

          Obwohl das Festival sich dazu entschieden hat, die Wettbewerbsfilme beim Exground-Filmfest im November zu zeigen und jetzt nur handverlesene Filmreihen als Festival on demand anzubieten, gibt es auch dazu Gelegenheit – im kostenlosen Online-Rahmenprogramm des Festivals. Am 10. Mai um 11.30 Uhr wird es über Zoom eine Online-Masterclass mit Marhoul geben, in der er erläutern wird, wie und wieso er sieben Jahre lang, mit einem Staraufgebot unter anderem mit Udo Kier und Harvey Keitel, an dem Projekt gearbeitet hat, das auf dem gleichnamigen Roman („Der bemalte Vogel“) von Jerzy Kosiński beruht. Es sind ein stilisierter Krieg und ein stilisiertes Grauen, das Marhoul in „The Painted Bird“ zeigt, in Bildern wie Gemälden, aufgenommen von Kameramann Vladimír Smutný in Schwarzweiß, auf 35 Millimeter, was auch im heimischen digitalen Kino eine erstaunliche Wirkung entfaltet.

          „The Painted Bird“ ist von heute an einer der beiden Filme, mit denen Go East on demand an das Kriegsende vor 75 Jahren erinnert. „Marek Edelman . . . and there was Love in the Ghetto“ beruht auf Gesprächsaufnahmen mit Edelman (1919–2009), jüdischer Widerstandskämpfer im Warschauer Getto, einer der letzten Überlebenden, der sich hochbetagt erinnert. Eine Frage hat ihn immer umgetrieben: die Liebe im Getto. Er erzählt von Dola, die einen Deutschen liebte und erschossen wurde, von Frau Tenenbaum, die sich umbrachte, weil sie ihre Tochter retten wollte, von „großer Liebe, geboren aus Einsamkeit“. Bisweilen erinnert er sich nicht mehr an einen Namen, aber an Szenen, so scharf und schrecklich, dass Jolanta Dylewska sie gar nicht in die von ihr verantworteten Spielszenen umsetzen muss. Sie hat zusammen mit Altmeister Andrzej Wajda gedreht, das Buch stammt von Agnieszka Holland.

          Der Mix aus Dokumentar- und Spielszenen ist ein Genre, das viele der diesjährigen Beiträge von Go East auszeichnet, auch „Uppercase Print“ von Radu Jude, dem die Reihe „Porträt“ gewidmet ist. Er erinnert an ein – tatsächliches – Opfer des Ceauşescu-Regimes und fragt nach den Mechanismen von Regimes und Ausgrenzung. Jude kann man am 10. Mai um 16.30 Uhr zu einem Werkstattgespräch auf Zoom treffen. Wie eine Diktatur funktioniert und was sie sprengen könnte, hat auch der ukrainische Regisseur Oleg Sentsov, der früher zu Gast bei Go East gewesen ist und der jahrelang in russischer Haft saß, in seinem jüngsten Film „Numbers“ erforscht, Regie hat er noch aus dem Gefängnis heraus geführt. Fast Theateratmosphäre atmet dieser Film, surreal und schlicht, das ganze Gegenteil von „The Painted Bird“.

          Flache Drastik in großen Bildern hat man Marhoul vorgeworfen, der das Schlimmste des Menschen nach außen kehrt. Man kann ihm aber nicht absprechen, dass seine Bilder Fragen auslösen: Wie prägen Unterdrückung und Unmenschlichkeit über Generationen? Was richten fehlende Bildung, unreflektierte Religiosität und Aberglaube aus, wo könnte jener „innere Kern“ liegen, von dem Anna Seghers in „Das siebte Kreuz“ schreibt? Die Linien der Erinnerung an den 8. Mai 1945 führen direkt in unsere europäische Gegenwart.

          GO EAST on demand sowie die kostenlosen Online-Angebote des Festivals sind bis 11. Mai zu sehen, am Wochenende finden mehrere Regie-Gespräche statt.

          Weitere Themen

          Voller Überraschungen

          Heute in Rhein-Main : Voller Überraschungen

          Eine ungeplante Städtepartnerschaft und eine Tafel, die sich nicht benutzen lassen will: Peter Feldmann ist in Höchstform. Außerdem wird der neue Impfstoff ausgegeben. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Reinheit ist Illusion

          Kulturelle Aneignung : Reinheit ist Illusion

          Wenn über „kulturelle Aneignung“ diskutiert wird, muss auf die Empörung nicht lange gewartet werden. Im Frankfurter Klub Zoom wollte man es anders machen: Musiker Shantel lud zur Debatte.

          Topmeldungen

          Bundeskanzler Olaf Scholz

          Ukraine-Krieg : Scholz: „Putin reiht Fehler an Fehler“

          Der Bundeskanzler will das Ergebnis der Scheinreferenden in der Ukraine nicht akzeptieren. Er spricht von einem „Akt der Verzweiflung“ und kritisiert Russlands Vorgehen als „panische Reaktion“ auf Misserfolge.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.