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Kritik an der Energiewende : „Die ganze Entwicklung kippt“

Stellt sich einer unbequemen Haltung: Filmemacher Jörg Rehmann im hessischen Odenwald Bild: Wonge Bergmann

Jörg Rehmann hat einen kritischen Film über die Energiewende gedreht. Nun erlebt er auch persönlich eine „gespaltene Gesellschaft“ – Zustimmung hier, anonyme Drohungen dort.

          Der Filmemacher Jörg Rehmann hat eine längere Reise hinter sich, die ihn biographisch zurück in die Lebens- und Gefühlswelt von Ruth Rehmann geführt hat. Diese 1922 geborene Frau war eine in seinem Elternhaus wegen ihres unabhängigen Lebens und Denkens etwas misstrauisch beäugte Frau: eine Schriftstellerin, die bei Hanser oder dtv Romane mit Titeln wie „Illusionen“ oder „Der Mann auf der Kanzel: Fragen an meinen Vater“ veröffentlichte, die zu den Gründungsmitgliedern der Grünen zählte, die jeden Morgen Violine spielte, anschließend im kalten Bach badete und gegen eine „Technisierung der Natur“ im Chiemgau kämpfte.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Zu dieser fernen „Großkusine“ – Tochter des Bruders seines Großvaters – hatte Jörg Rehmann lange keinen Kontakt. Inzwischen zählt er die Begegnungen mit ihr zu den Schlüsselerlebnissen seines Lebens. Diese Art von Déjà-vu erfährt er besonders, seit sein Film „End of Landschaft“ in den Kinos angelaufen ist: „Ich bin über den Film genau dort gelandet, wo sie einst war. Was ihre Romanfiguren spiegeln, erlebe ich persönlich nach in Form einer Energiewende, die sich als ideologische Konstruktion erweist mit allen daraus resultierenden Folgen.“ Rehmann weiß inzwischen sogar, wie es sich anfühlt, misstrauisch beäugt zu werden. Seit „End of Landschaft“ Anfang Oktober in die Kinos kam, hat es 40 Aufführungen gegeben, und in seinem Mail-Briefkasten befinden sich weitere 600 Anfragen – von Kinos in Dänemark ebenso wie von kleinen Häusern auf dem Land oder großen wie Kinopolis. Aber gleichzeitig gab es Kinobetreiber, die sagten, der Film sei ihnen „zu heiß“. Und es gibt inzwischen anonyme Drohungen gegen ihn und jene Kinos, die das 105 Minuten lange „Roadmovie“ durch das Energiewendeland Deutschland dennoch zeigen wollen. „Das geschieht ausgerechnet da, wo die Windkraft forciert ausgebaut wird, also in Nordosthessen, in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.“

          Kein wilder Aktivist

          Der 61 Jahre alte Rehmann ist kein wilder Aktivist der Windkraftgegner, sondern ein vielseitig begabter und kulturell ambitionierter Mensch. Aufgewachsen in Wiesbaden, begann er zunächst eine Ausbildung als Fotograf, die er aber abbrach. Es folgte eine Ausbildung zum Krankenpfleger mit anschließendem Staatsexamen in Medizintechnik und darauf einige Jahre als Kardiotechniker im Krankenhaus, der die Herz-Lungen-Maschine bei chirurgischen Eingriffen bediente. Das war einträglich, aber „stressig“ und „nicht mein Leben“, sagt Rehmann, weshalb er anfing, Privatunterricht im Klavier- und Orgelspielen zu nehmen und sich in langen Schichten auf die Aufnahmeprüfung an der Wiesbadener Musikakademie vorzubereiten. Die bestand er – zu seiner eigenen „Verdatterung“ – auf Anhieb.

          Nun begann sein „zweites, wahres Leben“. Während der Studienzeit verdiente er sein Geld als freier Kulturjournalist in der Landeshauptstadt. Nach dem Abschluss an der Akademie folgte der Wechsel in den Hunsrück, wo er ein altes Bauernhaus renovierte und zehn Jahre lang als Kirchenmusiker und freier Journalist arbeitete, etwa für Sendungen des Südwestfunks mit musikpädagogischem Schwerpunkt. Und erste Filme entstanden auch, zum Beispiel für die ZDF-Serie „37 Grad“.

          Eine Reise durch alle Bundesländer

          Was folgte, war ein tiefer Einschnitt. Rehmann wurde schwer krank, saß im Rollstuhl und dachte daran, sich ein Pflegeheim zu suchen. Mehr als ein Jahr dauerte die Genesung, nach der er das Angebot annahm, als Musiklehrer an eine Realschule zu wechseln, wo er bei den Schülern mit einem selbstgebastelten „multimedialen Unterrichtswagen“ für Aufsehen sorgte. 2017 beendete er sein Lehrerdasein und stieg in das Filmprojekt „Energiewendeland Deutschland“ ein. Auslöser war ein Auftrag über die Situation im Odenwald.

          Seine Reise führte ihn dann durch alle Bundesländer, wo er einfache Menschen traf wie einen ostfriesischen Bauern, der sein Pachtland für den Bau von Windkraftanlagen verlor, Kurdirektoren an der Ostsee, die die Umsetzung der Energiewende an alte DDR-Zeiten erinnerte, oder kritische Wissenschaftler wie den Ökonomen Hans Werner Sinn oder den Stadtforscher Jürgen Hasse. Aus dem 14 Festplatten umfassenden Material hat Rehmann einen Film komponiert, der harte Fakten, dokumentarische Aufnahmen und landschaftlich berührende Bilder, persönliche Schicksale und politische Statements stimmig und spannend zusammenführt – wie die Kombination aus Wirtschaftskrimi und romantischem Reisefilm. Die Aussage seiner Dokumentation ist aber unzweideutig und lautet auf einen einfachen Nenner gebracht: Die Energiewende hat ihren Preis – und über den sollte man verhandeln.

          Begegnung mit einer „gespaltenen Gesellschaft“

          Nun ist er mit den Konsequenzen konfrontiert. Die sind ähnlich wie das, was er während seiner Deutschland-Reise erlebte. Da begegnete er einer „gespaltenen Gesellschaft“. Was ihn besonders irritiert habe, sei die oft anzutreffende „diskussionslose Haltung“. Die erinnerte ihn an das Leben seiner Großkusine: „Es gibt wie damals festgefahrene Illusionen. Das hat sich für mich als der große Dreh- und Angelpunkt bei den Filmaufnahmen herausgestellt.“ Rehmann, der immer wieder an Podiumsdiskussionen teilnimmt, hat inzwischen den Eindruck gewonnen, „dass die ganze Entwicklung kippt“.

          Vor allem Thinktanks wie zum Beispiel das Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Technologie fingen an, ihre Haltung zum forcierten Windkraftausbau zu ändern. „So, wie die Wende angefangen hat, werden wir sie nicht zu Ende bringen.“ Davon ist er überzeugt. Die Debatte über den richtigen Weg sei also keineswegs beendet. Deshalb werde er an dem Thema weiterarbeiten. Als Nächstes möchte er ein Buch nachschieben. Dass er auch in diesem Fall womöglich mit harten Reaktionen zu rechnen hat, stört ihn nicht: „Davon lasse ich mich nicht beeindrucken. Ich bemühe mich stets um die Maßstäbe einer guten Dokumentation. Und aus schwierigen Auseinandersetzungen bin ich bisher immer gestärkt hervorgegangen.“ Eine Haltung, mit der Rehmann vermutlich sehr seiner Großkusine ähnelt.

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