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Filmemacher Claus Withopf : Wie eine Fliege an der Wand

Vorfreude: Dokumentarfilmer Claus Withopf vor dem Plakat für seinen ersten Kinofilm. Bild: Wonge Bergmann

Zehn Jahre lang hat der Frankfurter Filmemacher Claus Withopf an seiner Dokumentation über die Musikerin Anne Clark gearbeitet. Jetzt kommt der Film ins Kino.

          3 Min.

          Claus Withopf sitzt an einem Holztisch im Café des Kinos „Mal Seh’n“ im Frankfurter Nordend. Vor ihm steht eine Tasse Milchkaffee, über ihm hängt ein riesiges Plakat. Ein Mikrofon ist dort zu sehen, ein heller Lichtkegel, viel Schwarz. Und der Schriftzug: Anne Clark – I’ll Walk Out Into Tomorrow. Es ist der Titel des Dokumentarfilms, an dem der Frankfurter Filmemacher mehr als zehn Jahre gearbeitet hat, für den er lange kämpfen musste, sein Kinodebüt. „Es gab viele Momente, in denen ich gedacht habe, dass es niemals klappen wird, diesen Film ins Kino zu bringen“, sagt Withopf. Er gestikuliert viel, während er spricht, er trägt das Haar kurz und den Bart lang, zum feinen Hemd eine Kapuzenjacke.

          Alexander Jürgs

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zwölf Jahre war er alt, als er 1985 zum ersten Mal ein Stück der britischen Musikerin hörte. In der Fernsehsendung „Formel Eins“ lief das Video von „Our Darkness“, bis heute einer der bekanntesten Songs von Anne Clark. Withopf war fasziniert von diesem Stück, von den harten Synthesizer-Beats, von der Düsternis, von der herausgesungenen Wut. Und er war begeistert von dieser Figur, die die Sängerin verkörperte, von ihrem rebellischen Gestus, von den wild abstehenden Haaren, dem provozierenden Outfit. Es waren die Thatcher-Jahre, Anne Clark und andere Musiker der New-Wave-Bewegung sangen gegen den herrschenden Konservativismus in Großbritannien an.

          „Es war von Anfang an mein großer Traum“

          Withopf vertiefte sich in die Musik, mit Hilfe eines Wörterbuchs übersetzte er sich die Texte. „Ich habe versucht zu ergründen, um was es in diesen Songs geht“, erinnert er sich. Bald besuchte er ein erstes Konzert der Sängerin, dann das zweite, dann das dritte. Withopf blieb auch Fan von Anne Clark, als er sein Studium an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) begann, wo er erste Kurzspielfilme drehte. Nach dem Abschluss dort brachte ihn ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) nach New York, Withopf verlegte seinen Fokus auf den Dokumentarfilm. Zurück in Deutschland suchte er nach einem Thema für die erste lange Dokumentation, die er drehen wollte – und landete bei der Sängerin, die er so bewunderte. „Der Film sollte von etwas handeln, das mir nahe geht“, sagt Withopf. Und: „Es war von Anfang an mein großer Traum, dass dieser Film im Kino läuft.“

          Als sein Plan stand, eine Reportage über Clark zu drehen, schrieb Withopf seine Ideen auf, brannte eine DVD mit seinen bisherigen Kurzfilmen und fuhr nach Brüssel, wo die Sängerin ein Konzert gab. Er wusste, dass Anne Clark sich normalerweise nach den Auftritten unters Publikum mischt und mit ihren Fans redet, doch ausgerechnet diesmal ließ sie sich nicht blicken. Er bekniete ihren Tourmanager, konnte dann doch kurz mit der Künstlerin sprechen, ihr sein Paket übergeben. „Sie war schon damals begeistert von der Idee“, sagt er. „Ich glaube, sie war geschmeichelt.“

          Gefilmt ohne großes Equipment

          Etwa drei Monate später meldete Clark sich bei ihm. Sie würde in Leipzig Stücke für ein neues Album aufnehmen, er könne vorbeikommen und sie dabei filmen. Withopf reiste mit kleinem Team an. „Wie die Fliege an der Wand“ habe er sich verhalten, unauffällig. Gefilmt wurde ohne großes Equipment. Bald begleitete er die Künstlerin auch auf ihren Tourneen. „Wir haben schnell dazugehört“, sagt er. Und dass es ihm wichtig wahr, den Film „mit ihr gemeinsam“ zu machen: „Ich wollte sie an meiner Seite haben.“

          Am Montag nun ist es so weit: Dann feiert Withopfs Film im Kino „Mal Seh’n“ Premiere. Und am Donnerstag darauf startet der Film dann bundesweit mit 40 Kopien – für einen Independent-Film ist das eine beachtliche Anzahl. „Anne Clark – I’ll Walk Out Into Tomorrow“ ist keine typische Musikdokumentation geworden, keine schwärmerische Huldigung. Der Film lebt davon, dass Clark darin ehrlich über ihre Probleme spricht, über Streitigkeiten mit ihrer Plattenfirma, über Momente der Perspektivlosigkeit, über das problematische Verhältnis zur Mutter, die Gewalt in der Familie. Es gibt eine Szene, in der sie sich fragt, ob sie das, was sie Withopf erzählt, wirklich alles der Öffentlichkeit preisgeben soll. Der Regisseur hat ihr früh eine Rohfassung seiner Dokumentation gezeigt – Clark wollte nicht, dass er etwas ändert.

          „So ist Vertrauen entstanden“

          Dass es mehr als zehn Jahre gedauert hat, bis der Film fertig wurde, hat auch damit zu tun, dass es schwierig war, ihn zu finanzieren. Withopf hat sein Projekt vielen Fernsehsendern präsentiert. Häufig zeigten sie auch Interesse, sprangen dann aber doch wieder ab. Schließlich sagte die Hessische Filmförderung (die heute als HessenFilm und Medien firmiert) zu, ihn zu unterstützen. Weil sich weitere Sponsoren fanden, konnte Withopf sich auch aufwendigere Drehs leisten. Und er besuchte mit der Künstlerin die Orte im Londoner Stadtteil Croydon, in dem sie aufgewachsen ist. Heute sagt er, dass es gut war, dass sich das Projekt so lange gezogen hat: „So ist Vertrautheit, ist Vertrauen entstanden.“ Sein Verhältnis zu der Sängerin bezeichnet er als Freundschaft. Clark will nun auch mit Besuchen von Kino-Previews mithelfen, den Film bekannter zu machen. „Wir werden uns bestimmt auch danach nicht aus den Augen verlieren“, ist sich Withopf sicher.

          Sein Geld verdient der Filmemacher als Dozent an der Hochschule, an der er selbst auch studiert hat. Withopf leitet seit zehn Jahren das „Video Lab“ der Offenbacher HfG. Er gibt dort Einführungen in die Filmtechnik, betreut Drehs der Studenten, steht als Ansprechpartner zur Verfügung. „Für mich ist diese Kombination aus freier Arbeit und Lehre ideal“, sagt er. Das einzige Problem: Durch die regelmäßige Tätigkeit an der Hochschule fehlt oft die Zeit für eigene Projekte. Ein nächster Film ist trotzdem schon in Planung. Wieder will Withopf eine Frau porträtieren, die ihn fasziniert: die New Yorker Performance-Künstlerin und Sängerin Laurie Anderson. „Diesmal soll es aber nicht wieder zehn Jahre dauern“, sagt er.

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