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Gedenken an Hanau : Alles, was euch passiert

Kämpferisch in der Paulskirche und im Literaturhaus: Die Frankfurter Kulturpolitikerin Mirrianne Mahn Bild: Lucas Bäuml

Dem rassistischen Terroranschlag von Hanau etwas entgegensetzen: Das soll das Frankfurter Festival „Wir sind hier“. Zur Eröffnung geht es um den Boykott der Frankfurter Buchmesse und antirassistische Früherziehung.

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          Als sie nach Berlin gezogen war, fand sie plötzlich rote Hakenkreuze an der Wohnungstür. Und im Treppenhaus begegnete ihr der Hausmeister, der sie abwusch, immer wieder, und dann Eimer in der Hand trug, in denen rotes Wasser schwappte. Jetzt ist sie Mitglied der Jury des Deutschen Buchpreises. Wie könne man ausgegrenzt sein, wenn man in sie berufen worden sei, fragte Selma Wels im Literaturhaus Frankfurt, für das sie das Programm des Festivals „Wir sind hier“ mit zusammengestellt hat. Zum zweiten Mal. Und abermals zum Gedenken an die Opfer des Anschlags von Hanau an diesem Samstag vor zwei Jahren.

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Noch als Gründerin und Leiterin des Binooki-Verlags, mit dem sie zehn Jahre lang türkische Literatur ins Deutsche übersetzte, habe sie das Gefühl gehabt, im Literaturbetrieb an unsichtbare Wände zu stoßen: „Man bleibt eine Außenseiterin.“

          Ihr türkischer Vorname komme aus dem Arabischen, berichtete Wels. Seit bei ihrer Hochzeit ihr jetziger Nachname hinzugekommen sei, dächten viele, es handele sich um den von Selma Lagerlöf.

          Dass Chancengerechtigkeit mit Namen, Herkunft, Hautfarbe und Religion verbunden sei, habe sie schon an der Grundschule in Pforzheim gelernt. Darum, dass sie auch an Böswilligkeit, Unerfahrenheit und Achtlosigkeit scheitert, ging es oft an diesem Eröffnungsabend, der mehr als tausend digitale Zuschauer hatte, von Braunschweig bis Konstanz und Leipzig bis Köln. Ebenso wie darum, dass sich das dringend ändern muss. „Wie wir heute sprechen, werden wir morgen leben können“, sagte Literaturhausleiter Hauke Hückstädt zur Begrüßung.

          Sie habe nach dem Attentat von Hanau beschlossen, in die Parteipolitik zu gehen, sagte die Frankfurter Kulturpolitikerin Mirrianne Mahn (Die Grünen): „Vor drei Jahren hätte ich noch jedem den Vogel gezeigt.“ Jetzt ist sie Stadtverordnete, sitzt dem Kulturausschuss des Stadtparlaments vor und wurde im Oktober 2021 bekannt, als sie die Überreichung des Friedenspreises in der Paulskirche mit der Mahnung an die Buchmesse unterbrach, ihr Verhältnis zur Präsenz von Rechtsaußen-Verlagen zu klären.

          Habe der Auftritt etwas gebracht, fragte Dunja Hayali, die den Abend moderierte. Oder der Buchmessenboykott der Autorin Jasmina Kuhnke, mit dem alles begann? „Ich verstehe nach der Intervention in der Paulskirche, warum man da nicht hingeht“, antwortete Mahn. Sie sei zuvor gegen den Boykott der Bücherschau gewesen. Die Bedrohungserfahrungen, die sie nach ihrem Einspruch beim Friedenspreis gemacht habe, hätten das verändert.

          Buchmesse ohne rechte Verlage, bitte

          Und noch etwas komme hinzu: „Die Buchmesse dient als Vernetzungstreffen.“ Wolle man wirklich einem Verlag die Möglichkeit zur Vernetzung bieten, in dessen Büchern Dinge stünden, die Mahn an Äußerungen des Attentäters von Hanau erinnerten? Wolle man so etwas neben das „Blaue Sofa“ stellen? „Wenn das so ist, dann will ich, dass man das sagt. Aber dann die Klappe hält am nächsten 19. Februar.“ Und keine Kränze niederlegt oder sich in der Paulskirche produziert.

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