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Festival „Liebe@Darmstadt“ : Wunderschönste Nebensache

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Hinterfragt Stereotypen: das Festival „Liebe@Darmstadt“ in der Centralstation Darmstadt. Bild: Centralstation Darmstadt

In Darmstadt beginnt das Festival „Liebe@Darmstadt“. Neben Partys, Lesungen, Theater und Tanz wollen die Veranstalter die dunklen Seiten der Sexualität beleuchten – auch Tabuthemen wie Missbrauch oder Polyamorie sind Teil der Agenda.

          Von Mitte März bis in den Dezember hinein dreht sich in Darmstadt alles um Sex. Ein Festival widmet sich der schönsten Nebensache der Welt, das anglisierte Motto: „Liebe@Darmstadt“. Doch keine Angst. Weder bemüht sich die Stadt derzeit um einen Titel wie „Sexiest city alive“, noch fallen ihre Bewohner im internationalen Vergleich als besonders sexsüchtig oder vermehrungsfreudig aus dem Rahmen. Vielmehr sind der anstehende 20. Geburtstag der Centralstation sowie der 50. Geburtstag des Darmstädter Ablegers von Pro Familia den Macherinnen im Hintergrund Anlass genug, sich mit rund 30 Kooperationspartnern aus der ganzen Stadt zusammenzutun und sich etwas zu trauen, was es vielleicht bis dato noch nirgendwo gab. Nämlich: sich der menschlichen Sexualität ganze neun Monate lang – und damit die Dauer einer Schwangerschaft lang – auf unterschiedliche Weise zu nähern. So wird es Lesungen, Theaterstücke, Musik, Tanz und Kunst geben, aber auch wissenschaftliche Vorträge.

          „Wir wollen die hellen und dunklen Seiten der Sexualität beleuchten und dabei auch auf Tabuthemen wie Missbrauch, Polyamorie oder begleitete Elternschaft von Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung eingehen“, erklärt Corinna Perleberg von Pro Familia. Die menschliche Sexualität, einschließlich Paar- und Sexualberatung, gehört ohnehin zum Kerngeschäft der Organisation, die in Darmstadt seit einem halben Jahrhundert die Fahne für sexuelle Selbstbestimmung und Eigenverantwortung hochhält und in dieser Zeit schon rund 150.000 Menschen begleitet hat.

          „Da sind nur so die Funken geflogen“

          Die Centralstation wiederum, einst als erstes Darmstädter Elektrizitätswerk erbaut und seit 1999 kultureller Mittelpunkt der Innenstadt, ist schon routiniert darin, zusammen mit anderen Akteuren beeindruckende Festivals auf die Beine zu stellen – das Kinderliteraturfestival „Huch, ein Buch!“ ist dabei nur eines von mehreren Beispielen. Im Fall der Kooperation mit Pro Familia ist jedoch „aus einer Affäre eine echte Liebe entstanden“, verrät Eva Arnold von der Centralstation. „Als feststand, dass wir unsere Geburtstage zusammen feiern und das Thema Sex in den Mittelpunkt stellen wollen, kamen immer mehr Leute auf uns zu, die mitmachen wollten. Da sind nur so die Funken geflogen“, erzählt Arnold.

          Eröffnet wird die Veranstaltungsreihe am Mittwoch in der Centralstation. Einen „Festivalauftakt, der durchs Schlüsselloch lugt“, versprechen die Organisatorinnen. Es gibt Slam-Poetry mit viel Erotik, Swing und Bellydance, bei der „Sexzigminutendisco“ steht neben DJ Nouki auch der Darmstädter Oberbürgermeister Jochen Partsch hinter den Plattentellern.

          Für jeden Geschmack

          Lustvoll und leidenschaftlich geht es danach weiter – etwa im Programmkino Rex. Dort wird am 31. März mit einem Double-Feature die erfolgreiche amerikanische Fernsehserie „Sex and the City“ gewürdigt. Im Staatstheater läuft am 5. April die Revue „Let’s Burlesque“, Comic-Zeichner Ralf König will sich bei seiner Lesung am 9. April in der Centralstation mit den Wechseljahren eines schwulen Pärchens beschäftigen. Im Mai winken dann ein Frühlingsspaziergang auf dem Waldkunstpfad sowie eine üppige Veranstaltungsdichte. Neben einem „Wissenschaftstag“ zur Geschichte der Sexualität wird es Workshops zu „Cyberlove“ und „Sex mit Robotern“, aber auch zu „Achtsamkeit in der Paarbeziehung“ geben. Außerdem werden Comedy-Star Martina Brandl („Schon wieder was mit Sex“, am 10. Mai) und die Schriftstellerin Anne Gesthuysen („Mädelsabend“, 29. Mai) erwartet.

          Aber auch abseits bekannter Namen klingt das Programm vielversprechend. Sei es ein Popkonzert des gebürtigen Kanadiers Sam Vance-Law, ein Kurzfilm-Abend von Studierenden der Hochschule Darmstadt, ein Auftritt des internationalen Quintetts Tango Emoción oder ein Flirtkurs: Für jeden Geschmack dürfte etwas dabei sein.

          „Liebe@Darmstadt“ feiert die Liebe, den Sex und die Vielfalt – und Darmstadt zeigt, dass auch eine „Beamtenstadt“ durchaus weltmännisch und experimentierfreudig sein kann. Sogar beim Thema Sex.

          Festival „Liebe@Darmstadt“

          Das Programm läuft vom 20. März bis zum 19. Dezember an diversen Veranstaltungsorten in Darmstadt. Nähere Informationen unter www.centralstation-darmstadt.de.

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