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„Frankfurt liest ein Buch“ : Schrecken und Schöffen

Zwei Wochen „Westend“: Martin Mosebach vor der Christuskirche auf dem Beethovenplatz Bild: Helmut Fricke

In der Deutschen Nationalbibliothek eröffnen prominente Vorleser das Festival „Frankfurt liest ein Buch“. Sie lesen aus dem Roman „Westend“, der nach 27 Jahren wieder Leben eingehaucht bekommt.

          Formvollendet die Anrede: „Meine verehrten Damen, meine Herren.“ So macht man das. Einfach, aber mit einer kleinen Differenzierung, die Aufmerksamkeit anzeigt und Höflichkeit bezeugt. Geschliffen anschließend auch die kleine Rede, mit der Martin Mosebach sich für die Bewährung bedankt, die das Festival „Frankfurt liest ein Buch“ seinem 1992 erschienenen Roman „Westend“ gewährt. Leser und Kritik hatten es damals gemeinschaftlich vernachlässigt und sodann in aller Stille verscharrt. In diesem Augenblick aber ist es Mosebach, der sich wie ein Verbrecher fühlt, nachdem er den 27 Jahre alten Misserfolg zum ersten Mal wiedergelesen hat.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die acht neben ihm auf der Bühne aufgereihten Vorleser kommen ihm vor wie ein Schöffengericht, das ihm Beweise seines Fehlverhaltens vorhält. Was er sich dabei gedacht habe? Er sei nicht der erste Verbrecher, der sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern könne, was ihn ein Vierteljahrhundert zuvor zur Tat getrieben habe. Zu einem Buch, das sein damaliger Verlag Hoffmann und Campe mehrfach verschieben musste, weil dem Autor, sobald er ein Kapitel abgeschlossen hatte, klar wurde, dass da noch allerlei fehlte.

          Den Schrecken vergessen

          Ein Buch unendlicher Kraftproben mit dem Verleger, der auf dem Titel „Westend“ beharrte, während der Autor mit Zähnen und Klauen Konkurrenztitel verteidigte, an die er sich heute nicht mehr erinnert: „Bis die ohnehin angespannte Stimmung nicht mehr zu retten war.“ Er habe Zeit gebraucht, um den Schrecken von „Westend“ zu vergessen. Biete man ihm aber die Wahl zwischen großem Erfolg und anschließendem Vergessen sowie völligem Misserfolg und einer Wiederentdeckung in großem Zeitabstand, sei es keine Frage, wie er sich entscheide: „Ich würde das zweite Modell wählen.“

          Wie schön, dass an einem solchen Abend auch dem Schöffengericht der Schreck in den Gliedern sitzt. Da seit einiger Zeit auch das Land Hessen das Festival unterstützt, spricht Eric Seng, Leiter der Kulturabteilung im Wiesbadener Ministerium für Wissenschaft und Kunst, in seinem Grußwort mit genussvoller Ausführlichkeit davon, wie schlecht vor ein paar Jahren im Frankfurter Literaturhaus Javier Marías aus seinen Werken vorgelesen und wie gut es gleich neben ihm Christian Brückner erledigt habe. Beim Vergleich mit dem deutschen Super-Sprecher kann den zur Eröffnung angeheuerten Laien-Vorlesern eigentlich nur die Stimme im Hals steckenbleiben. Aber sie schlagen sich alle wacker, von der Dressurreiterin Ann Kathrin Linsenhoff über Prinz Asfa-Wossen Asserate und Palmengarten-Direktorin Katja Heubach bis zu Anne Bohnenkamp-Renken, der Leiterin des Frankfurter Goethe-Hauses. Mit lässlichen Versprechern, aber oft schönen Bögen, bester Aussprache und liebevoll herausgearbeiteten Details.

          „Ein Dauerbrenner“

          Als Letzte liest Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, in deren Frankfurter Haus das von der Bundesregierung vor drei Jahren mit einem hochdotierten Preis für kulturelle Bildung ausgezeichnete Lesefest seit 2010 alljährlich eröffnet wird. „Ein Dauerbrenner“, sagt ihre Kollegin Ute Schwens zur Begrüßung. „Eine Erfolgsgeschichte“, fügt Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) hinzu: „Die Auswahl der Bücher ist schlichtweg grandios.“

          Zum zehnten Mal findet das Festival in diesem Jahr statt und will sich auch weiterhin ausschließlich auf Romane verlassen, die in Frankfurt spielen. Valentin Sengers „Kaiserhofstraße 12“ und Silvia Tennenbaums „Straßen von gestern“ führten 2010 und 2012 zurück in das nationalsozialistische Deutschland, ebenso einige Jahre später Dieter David Seuthes „Frankfurt verboten“ (2016), Mirjam Presslers „Grüße und Küsse an alle – Die Geschichte der Familie von Anne Frank“ (2015) und im vorigen Jahr „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers, das bisher wichtigste Werk des Lesefests. „Ginster“ von Siegfried Kracauer machte die Leser 2013 mit dem Frankfurt des Ersten Weltkriegs bekannt, „Benjamin und seine Väter“ von Herbert Heckmann 2017 mit dem der Weimarer Republik. Wilhelm Genazinos „Abschaffel“ und Eckhard Henscheids „Vollidioten“ führten 2011 und 2014 in die siebziger Jahre, mal komisch und noch immer ein wenig revolutionär, mal angestellt und abgeschlafft. „Westend“ vollzieht nun den Lückenschluss. Es füllt die Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Studentenrevolte, erzählt vom Wiederaufbau und Umbau einer ganzen Stadt, eines Viertels, diverser Häuser, Lebensmodelle, Wohnungseinrichtungen und Familien.

          Rund 115.000 Besucher haben die Veranstalter in den bisherigen Festivaljahren gezählt. Rund 1000 Veranstaltungen hat es gegeben, genau 4859 Seiten wurden gelesen, in denen die knapp 900 von „Westend“ noch gar nicht enthalten sind. Bis heute wird das vom Frankfurter Verleger Klaus Schöffling initiierte Festival von einem eigens gegründeten Verein organisiert. Mosebachs Roman stand schon lange auf der Liste der Titel, deren jeweils neuen der Verein den zahlreichen eigenständigen Veranstaltern des Lesefests im Herbst vorstellt, damit sie bis zum folgenden Frühjahr Ideen für Lesungen, Gespräche und Spaziergänge entwickeln. Lange aber lagen die Rechte an „Westend“ bei dtv, wo man sich wegen des einzigen Titels eines sonst bei Rowohlt veröffentlichenden Autors finanziell nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen wollte.

          Nun hat Rowohlt zuzüglich zu den rund 30.000 Euro, die jeder am Festival teilnehmende Verlag veranschlagen muss, auch noch Geld für die Rechte an „Westend“ ausgegeben, um das Buch neu herausbringen zu können. Der eigens angereiste neue Verleger Florian Illies lud die vielen als Festival-Fans bereitstehenden Frankfurter Schöffen ein, ihr Urteil zu fällen. Er wisse ja nicht, was sich die Gäste des Abends für die Nacht vorgenommen hätten, rate aber zur Lektüre von „Westend“ und sei sich sicher – aus „Frankfurt liest ein Buch“ werde „Frankfurt liebt ein Buch“.

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