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Fernzüge halten nicht in Mainz : Im Zug der Zeit

Nächster Halt ist nicht Mainz: ICE am Bahnhof. Bild: dpa

Die Bahn fährt an Mainz vorbei, weil Fahrdienstleiter fehlen. Einige Züge fallen ganz aus, für andere gibt es einen Busersatzverkehr.

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          Fachkräftemangel war bisher ein Thema für Tagungen von Wirtschaftsverbänden. Oder für schwergewichtige Studien. Vielleicht auch für studentische Hausarbeiten. Doch solange die U-Bahn am Morgen noch so voll ist, solange der gemeine Arbeitnehmer noch mit so vielen anderen im Feierabendstau steht, wird am Fachkräftemangel wohl nicht wirklich etwas dran sein, mögen viele denken. Ein Thema für die ferne Zukunft, wenn überhaupt.

          Manfred Köhler
          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Doch da sollen die Skeptiker doch einmal die Mainzer fragen. Am Hauptbahnhof der Hauptstadt von Rheinland-Pfalz nämlich fahren jetzt Züge vorbei, die dort eigentlich halten sollen. Nicht etwa, weil dort die Bahnsteige saniert werden. Oder weil sowieso niemand aus- oder einsteigen will. Sondern weil es der Deutschen Bahn an Fachkräften fehlt. Und zwar im Stellwerk. Eine Reihe von Fernzügen fährt deshalb abends und morgens nicht wie üblich über die linksrheinische Strecke durch Mainz, sondern auf den rechtsrheinischen Gleisen an der Landeshauptstadt vorbei. Sie halten im Vorortbahnhof von Mainz-Bischofsheim oder erst am Frankfurter Flughafen. Andere Züge fallen ganz aus. Und weil es offenbar nur an Fahrdienstleitern fehlt, nicht aber an Omnibusfahrern, werden zum Beispiel Züge zwischen Alzey und Mainz durch Busse ersetzt.

          Belegschaft überaltert

          Die Deutsche Bahn begründet den Umstand, dass an Mainz in den Morgen- und Abendstunden eine Reihe von Zügen leider vorbeifahren muss, mit einem „unvorhergesehenen hohen Krankenstand während der Urlaubszeit“ in besagtem Stellwerk, der kurzfristig nicht auszugleichen sei. Doch glaubt man der Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaft EVG, ist alles noch schlimmer. Die Personaldecke sei generell so dünn, dass die Reisenden wohl mit weiteren Einschränkungen rechnen müssten. Ein Sprecher der Bundesnetzagentur sagte der Nachrichtenagentur Reuters sogar, das alles sei doch gar nicht neu. Andere Eisenbahnunternehmen hätten sich schon im vergangenen Jahr wegen ähnlicher Einschränkungen beschwert, es sei deshalb bereits ein Verfahren gegen die Deutsche Bahn eingeleitet worden.

          Der Staatskonzern gibt zu, dass seine Belegschaft überaltert ist. Vor allem die Tochtergesellschaft DBNetz leidet darunter. Auch frühere Bundeswehr-Angehörige und Mitarbeiter der einstigen Drogeriemarktkette Schlecker werden schon zu Fahrdienstleitern fortgebildet. Bei der Deutschen Bahn sagt man, es werde genug getan - worüber man in Mainz dieser Tage vielleicht anders denkt. Die Gewerkschaft freut sich, dass endlich einmal alle wahrnehmen, wie man bei dem Konzern mit dem Personal umgeht, und klagt, aus Kostengründen habe das Management zu lange nichts unternommen. Bei einer Million Überstunden sei es doch absehbar gewesen, dass es zu Ausfällen wegen Krankheit komme.

          Bei der Bahn hofft man, dass von Montag nächster Woche an alle Mitarbeiter wieder an Bord sind und deshalb auch alle Züge wieder in Mainz halten können, so wie es der Fahrplan vorsieht. In Wiesbaden aber, wo man sowieso gerne die Nase darüber rümpft, was in der Stadt am anderen Mainufer so geschieht, kann man sich derweil entspannt zurücklehnen. Die hessische Landeshauptstadt hat nämlich einen Kopfbahnhof. Und an dem führt tatsächlich kein Weg vorbei.

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