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Energiewende : Fernwärmeversorgung ist gesichert

Reservist: Im Sommer wird der mit Kohle befeuerte Block 5 des Kraftwerks Staudinger heruntergefahren - und fällt für die Wärmeversorgung aus. Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Hanauer Stadtwerke wollen unabhängig von Staudinger werden, weil das Kraftwerk nicht mehr kontinuierlich laufen wird. Der Betreiber Uniper will es zum „Energiewende-Standort“ umbauen.

          Noch steigen die wolkengleichen Dampfschwaden aus dem riesigen Kühlturm von Staudinger gen Himmel. Doch in ein paar Wochen soll damit Schluss sein. Drei Monate lang, von Juni bis August, wird die Betreiberfirmer Uniper des Kohle- und Gaskraftwerks am Mainufer bei Großkrotzenburg den letzten Kohleblock 5 vom Netz nehmen. Das hatte sie schon im vergangenen Jahr angekündigt, inzwischen erteilten die Bundesnetzagentur und der Netzbetreiber Tennet laut Kraftwerksleiter Matthias Hube die erforderliche Genehmigung für diesen Sommer.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Wie es in den nächsten Jahren während der warmen Jahreszeit aussieht, ist noch nicht entschieden. Uniper hatte im Herbst bekanntgemacht, Block 5 auch in den Jahren 2019 und 2020 vorübergehend ruhen zu lassen, um in den nicht rentablen Monaten Vorhaltungskosten sowie Ausgaben für Wartung und Personal einzusparen. Weiter einsatzbereit bleibt der mit Gas betriebene Block 4 des Kraftwerks. Ihn würde das Unternehmen gerne dauerhaft abschalten, weil sein Vorhalten dem Unternehmen mehr Kosten denn Einnahmen bringt. Die Bundesnetzagentur will ihn aber weiter als Reserve zur Versorgungsstabilität nutzen. Die veralteten Blöcke eins bis drei wurden schon in den Jahren 2012 und 2013 abgeschaltet. Sie sollten eigentlich durch den modernen Block 6 ersetzt werden, das umstrittene Milliardenprojekt zerschlug sich aber im Zuge der Energiewende.

          Staudinger als besonderer Versorgungsknoten in Rhein-Main

          Staudinger sei weiterhin einer der leistungsstärksten Kraftwerksstandorte von Uniper und das größte konventionelle Kraftwerk in Hessen, heißt es im neuesten Werbeflyer von Staudinger. Mit den beiden Blöcken vier und fünf sei es ein Garant für Netzstabilität und Versorgungssicherheit. Trotz der Einschränkungen im Sommer soll Staudinger nach den Worten von Hube ein bedeutender Versorgungsknoten bleiben. Das gilt nicht zuletzt für die Belieferung der Nachbarschaft in Hanau und Großkrotzenburg mit Fernwärme. Rund 19 000 private und gewerbliche Abnehmer werden über Staudinger mit Wärme versorgt. Nach den Angaben der Kraftwerksbetreiber spart das gegenüber getrennter Energieerzeugung jährlich 21 000 Tonnen Kohlendioxid ein. Doch wie wird das im Sommer aussehen? Beunruhigung bei einigen Kunden lösten die Fernsehberichterstattungen der vergangenen Tage aus, die vor einer Gefährdung der Fernwärmeversorgung bei der Stillegung von Kohlekraftwerken warnten. Doch weder bei Staudinger noch bei den Stadtwerken in Hanau oder den Gemeindewerken Großkrotzenburg läuten derzeit die Alarmglocken, was den nächsten Sommer angeht.

          Das könnte auch daran liegen, dass es die Situation eines Ausfalls der Stromproduktion bei Staudinger schon einmal gegeben hat. Nach der schweren Explosion des Kesselhauses von Block 5 stand dort im Jahr 2014 die Energieproduktion acht Monate lang still. Anders als die bevorstehende geplante Auszeit kam das seinerzeit völlig unerwartet, und es waren davon auch kalte Monate betroffen. Der Unterschied zwischen Sommer und Winter ist nach den Worten von Hanaus Stadtwerkeleiter Steffen Maiwald gravierend. Der Bedarf an Fernwärme steige in der kalten Jahreszeit um das Zehnfache an. Dennoch habe in den Monaten des Stillstands kein Fernwärmekunde frieren oder kalt duschen müssen.

          Maiwald: Hanau braucht mehr Unabhängigkeit bei der Wärmeversorgung

          Die Fernwärme stammte in dieser Zeit teilweise aus Hilfskesseln von Staudinger, die auch in diesem Sommer herangezogen werden sollen. Ihre Nutzung ist allerdings weniger umweltfreundlich als die Kraft-Wärme-Kopplung. Ein Großteil der Fernwärme wurde in der Ausfallzeit in den drei kleineren Heizkraftwerken der Stadt mit 14 Heizkesseln erzeugt. Sowohl Hanau als auch Großkrotzenburg haben mit dem Energieversorger einen Fernwärmeliefervertrag bis zum Jahr 2024. Stadtwerkeleiter Maiwald lässt durchblicken, dass die Fernwärme von Staudinger danach für Hanau nicht mehr unbedingt die Lösung sein wird. Der plötzliche Ausfall im Jahr 2014 habe deutlich gemacht, dass die Stadt mehr Unabhängigkeit bei der Wärmeversorgung brauche. Es gebe einen bunten Strauß an Möglichkeiten, das zu bewerkstelligen. Daran, die besten Wege zu finden, werde derzeit gearbeitet.

          Eine Vertragsverlängerung mit Staudinger schließt der Stadtwerkeleiter allerdings nicht aus. Aber dann müsse sich in dem Verhältnis zwischen Stadt und Kraftwerk einiges verbessern, vor allem in der Kommunikation. Maiwald nimmt es beispielsweise übel, dass die Stadtwerke zuerst durch die Presse von den geplanten Sommer-Auszeiten erfahren hätten. Außerdem nervten die häufigen kurzfristigen Abschaltungen der Fernwärmeversorgung von Staudinger. Das Hochfahren der eigenen Anlagen sei umständlich und aufwendig. Die anstehenden Preiserhöhungen bei der Fernwärme hingen damit aber nicht zusammen. Sie richteten sich unter anderem am Kohlepreis aus.

          Kraftwerksleiter Hube ist unterdessen optimistisch, dass es gelingen wird, gemeinsam mit den Stadtwerken Hanau und den Gemeindewerken Großkrotzenburg den Kunden eine sichere, kostengünstige, umweltfreundliche und zukunftssichere Versorgung mit Strom und Fernwärme anbieten zu können, auch unabhängig von Block 5. Staudinger stehe vor einer weitreichenden Neuausrichtung vom Kohlekraftwerk zu einem innovativen Energiewende-Standort. Wie der gestaltet werden soll, werde in den nächsten Monaten bekanntgemacht. Gleiches gilt für die Vermarktungsstrategien für die Freiflächen auf dem Kraftwerksgelände. Die Idee Hubes, dort große Tomatengewächshäuser zu bauen, hat sich nach seinen Worten zwar nicht verwirklichen lassen, aber es gebe weitere Ideen.

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