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Fluglärm : Feldmann will neuen „Konsens“ für Flughafen

  • -Aktualisiert am

Immer wieder montags: Demonstration gegen Fluglärm im Frankfurter Flughafen-Terminal Bild: dpa

Während der Frankfurter Oberbürgermeister im Kaisersaal Fluglärmgegner empfängt, treffen sich deren Mitstreiter zur 139. Demo im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens.

          Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hält an seiner Forderung fest, das Nachtflugverbot müsse in Frankfurt um zwei Stunden auf die Zeit zwischen 22 und 6 Uhr erweitert werden. Das bekräftigte das Stadtoberhaupt am Montagabend vor etwa 400 Fluglärmgegnern, die er in den Kaisersaal des Römers eingeladen hatte, um Mitglieder seines Expertengremiums Fluglärm die Lage einschätzen zu lassen.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Oberbürgermeister, der für die Stadt, den zweitgrößten Anteilseigner, im Aufsichtsrat des Flughafenbetreibers Fraport sitzt, äußerte sich abermals skeptisch, ob der Bau eines dritten Terminals nötig sei, zumal Gutachter der Landesregierung den Bedarf in Frage gestellt hätten. Er bot dem Land als größtem Fraport-Aktionär einen „Konsens“ an. Dazu müsse allerdings auch eine Obergrenze für die Belastung der Region durch Fluglärm gehören. Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) will seine Vorstellungen dazu im nächsten Jahr präsentieren.

          Ausbaukritisches Publikum

          Während der Oberbürgermeister von der ausgestreckten Hand und der Suche nach Gemeinsamkeiten sprach, schlugen die anderen Redner zum Teil unter großem Beifall des überwiegend ausbaukritischen Publikums scharfe Töne an. Der Hirnforscher Wolf Singer, der im Frankfurter Süden wohnt und seit Inbetriebnahme der Landebahn Nordwest zu den vehementesten Kritikern des Flughafenausbaus zählt, warf den hessischen Grünen vor, mit ihrer in Regierungsverantwortung gewandelten Haltung zum Flughafen zur Politikverdrossenheit beigetragen zu haben. Er spekulierte darüber, das wahre Motiv für den Bau einer vierten Bahn am Flughafen sei entgegen aller Beteuerungen nicht gewesen, die Wirtschaftskraft der Region des Landes zu stärken und Arbeitsplätze zu schaffen. Es sei vielmehr darum gegangen, die Zahl der Passagiere am Frankfurter Flughafen und damit den Profit in den dortigen Geschäften zu erhöhen. Singer forderte, innezuhalten und neu nachzudenken, statt phantasielos weiterzuplanen.

          Der Mainzer Kardiologe Thomas Münzel stellte die rhetorisch-zynische Frage, ob Fraport entscheiden dürfe, dass es in der Region zu mehr Herzinfarkten und Schlaganfällen komme. Er bezog sich damit auf Schlüsse, die er nach Studien an der Mainzer Uniklinik gezogen hat. Lärm, insbesondere Fluglärm, sei demnach ebenso wie Rauchen, Cholesterin und Diabetes als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einzustufen. Diesen könnten aber nur Politiker „behandeln“, indem sie die Menschen mit Hilfe von Gesetzen besser vor diesen Belastungen schützten.

          Ursula Fechter, die Sprecherin der Bürgerinitiative Sachsenhausen, forderte die Zuhörer auf, in ihrem Protest gegen den Ausbau nicht nachzulassen. Auch bei der Kernkraft und dem Rauchverbot habe sich langer Atem schließlich ausgezahlt. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass der Widerstand der Bürger den Bau der Nordwestlandebahn um einige Jahre verzögert habe. Außerdem habe man das Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr vor Gericht erstritten. Das sei nicht ausreichend, aber ein wichtiger erster Schritt.

          Zur gleichen Zeit hatten sich am Montagabend auch wieder etwa 400 Fluglärmgegner zur inzwischen 139. Montagsdemonstration am Flughafen versammelt. „Wir kämpfen weiter“, konnte man auf den Plakaten der Demonstranten in der Abflughalle von Terminal 1 lesen. Die Stimmung der gestern dort versammelten Demonstranten ist ungebrochen kämpferisch. Dieser Druck sei weiterhin notwendig, sagte Thomas Scheffler, Sprecher des Bündnisses der Bürgerinitiativen. Er ist sich sicher: „Ohne die massiven Proteste wäre bis heute nichts passiert.“ Dass das Verkehrsministerium Lärmpausen erprobe, bezeichnete er als Erfolg. Die praktischen Folgen seien jedoch „Augenwischerei“: „Der Lärm wird nur hin und her geschoben“, so Scheffler. Die wechselseitige Nutzung führt nach seiner Meinung nur dazu, dass sich der Flugverkehr andernorts verdoppele. „Das ist kein Modell für Frankfurt.“

          „Wir haben immer Lärm“, äußerte auch Wolfgang Reichel, umweltpolitischer Sprecher der CDU in Rheinland-Pfalz. Er befürchte, dass der Bau eines dritten Terminals nur der Startschuss für einen weiteren Ausbau sei und damit „eine noch größere Verlärmung von Mainz und Rheinhessen“ zur Folge hätte. Ein großes Problem sieht er in der Uneinigkeit der Parteien. Auch in Rheinland-Pfalz habe es zunächst einstimmige Beschlüsse für den Ausbau des Flughafens gegeben. „Mittlerweile hat sich das geändert.“ Heute seien sich die Fraktionen in seinem Bundesland darüber einig, dass es so nicht weitergehen könne. Dafür sei viel Überzeugungsarbeit notwendig gewesen.

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