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Rede von Jürgen Habermas : Vortrag mit Fehlalarm

In den vorderen Reihen viele Ehrengäste: Jürgen Habermas, 90 Jahre alt, im Hörsaal der Goethe-Universität. Bild: Carlos Bafile

Manche waren von weither angereist, um den bedeutendsten lebenden deutschen Philosophen zu hören. Jürgen Habermas sprach vor 3000 Besuchern in der Goethe-Universität über Moral.

          2 Min.

          Und mitten in seinem Vortrag lärmen die Sirenen. Feueralarm. Alle müssen raus. Der Philosoph am Rednerpult ist so irritiert wie seine Zuhörer. Aber „aus rechtlichen Gründen“, sagt Universitätspräsidentin Birgitta Wolff, könne niemand im Hörsaalgebäude bleiben, auch wenn es sich sicherlich um einen Fehlalarm handle. Was sich später bestätigen wird. Eine ohrenbetäubende automatische Durchsage folgt der anderen, das schrille Auf und Ab der Warntöne wiederholt sich regelmäßig. Die Masse schiebt sich die Treppen hinab und ins Freie, wo sie bei hochsommerlicher Temperatur zusieht, wie die Feuerwehr anrückt, um alsbald wieder abzuziehen.

          Michael Hierholzer
          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Junge Männer mit Man Bun, die vereinzelt T-Shirts mit „Adorno“-Aufdruck tragen, junge Frauen in schwarzen Sommerkleidern, Herrschaften aus der Universität des dritten Lebensalters, Altmarxisten und Jungunternehmer, alle tummeln sich auf dem Gelände des Westend-Campus der Goethe-Universität, tauschen sich aus über die Verständlichkeit des soeben Gehörten und über die teils unschönen Szenen vorhin beim Einlass oder vielmehr: bei der Verhinderung des Einlasses in den schon lange vor Beginn der Veranstaltung überfüllten Raum. Nach gut 20 Minuten zieht die Karawane zurück in den Hörsaal1, wo Jürgen Habermas leibhaftig vor Studierenden und anderen Interessierten spricht, und in fünf weitere Hörsäle, in die das Ereignis wegen des gewaltigen Andrangs in Wort und Bild übertragen wird.

          Am Ende wurde Habermas persönlich

          Etwa 3000 Besucher waren gekommen, und es liegt nahe anzunehmen, dass die meisten nicht wegen des sperrigen Themas hier waren, sondern um die seltene Gelegenheit zu nutzen, den einzigen lebenden deutschen Philosophen von Weltrang zu erleben. Einen Tag zuvor war er 90 Jahre alt geworden. Und stand nun am Pult wie ehedem. Freute sich, zahlreiche Studentinnen und Studenten im Publikum zu erkennen, die einst bei ihm den herrschaftsfreien Diskurs geübt hatten. Entschuldigte sich, dass er nun wohl einige der Anwesenden enttäuschen werde, weil er zu einem akademischen Vortrag eingeladen worden sei.

          Überfüllt: Unter den Zuhörern waren auch viele jüngere Semester.
          Überfüllt: Unter den Zuhörern waren auch viele jüngere Semester. : Bild: Carlos Bafile

          Habermas sprach über „das Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit“, über Kant und Hegel und Marx, immer aber auch mit dem Blick auf die Gegenwart: Freiheit und Demokratie gehören zusammen, eine „illiberale Demokratie“ ist ein Unding, dies war eine von etlichen Schlussfolgerungen mit aktuellem Bezug, die er aus der Erörterung komplexer begrifflicher Zusammenhänge zog. An einer Stelle fiel besonders deutlich auf, was Habermas’ Denken grundiert, nämlich das unerschütterliche Festhalten an der Aufklärung und dem Ideal einer gelingenden Verständigung über das, was gut und richtig ist: Er würde, sagte er, dem als absurd geltenden Hegelschen Gedanken, in der Geschichte arbeite die Vernunft, gerne recht geben.

          Am Ende wurde Habermas persönlich. 1956, zwei Jahre nach der Promotion, habe er in Frankfurt „seinen Lehrer“ gefunden: „Adorno konnte nicht nicht denken.“ 1964 kam Habermas abermals an den Main, wo er den Horkheimer-Lehrstuhl übernahm. Die Jahre danach seien die intellektuell aufregendsten der alten Bundesrepublik gewesen. „Wir fühlten uns im Mittelpunkt des Geschehens. Und waren es doch nicht.“ Viele Lacher. 1983 kam er abermals zurück, die folgenden Jahre seien die „befriedigendsten meines akademischen Lebens“ gewesen, führte er aus. Habermas erinnerte an die „städtische Kultur, der diese Universität ihren Ursprung verdankt“, und sagte unter heftigem Beifall, eine Hochschule sei mehr als eine „vom Wissenschaftsrat evaluierte Institution“.

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