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FDP gewinnt Mitglieder : Bodenhaftung statt Größenwahn

„So breit aufgestellt wie selten zuvor“: Thorsten Lieb, Chef der Frankfurter FDP Bild: Lukas Kreibig

Die FDP-Mitgliederzahlen steigen überall zwischen Kassel und dem Odenwald: In Frankfurt liegt die Partei sogar auf Rekordkurs.

          Von Euphorie zu sprechen wäre zu viel. Aber Hoffnung und Zuversicht beflügeln die Liberalen zurzeit durchaus. Das gilt auch für den FDP-Kreisverband in Frankfurt. Dessen Mitglieder trafen sich am Montagabend in einer Gaststätte im Stadtteil Nieder-Eschbach. Geplauder an allen Tischen. Viele sind zum Scherzen aufgelegt. Ein Mann berichtet mit Staunen von der Landtagswahl neulich in Nordrhein-Westfalen: „Wir waren überall stark, selbst in Oberhausen“, sagt er. Und der frühere Parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Hans-Joachim Otto, begrüßt eine Dame mit Küsschen. Sie ist erst vor wenigen Wochen eingetreten. Otto will wissen: „Was ist eigentlich mit deinem Mann? Den nehmen wir auch noch.“

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nach den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, die mit 11,5 und 12,6 Prozent hervorragend verliefen, sind die Liberalen im Aufwind. Etwa 4700 neue Mitglieder hat die Partei in ganz Deutschland in den ersten Monaten des Jahres aufgenommen – und kommt nun auf zirka 57 000. Später am Abend geht in Frankfurt ein Raunen durch die Reihen, als der Kreisvorsitzende Thorsten Lieb mitteilt, die hiesigen Liberalen zählten nun 772 Mitglieder – zehn Prozent mehr als im Dezember. Und auch die Rekordmarke von gut 800 Mitgliedern aus dem Jahr 2009 ist auf einmal in Reichweite. Viele Neue wollen jenseits populistischer Parteien eine kritische Stimme gegen die große Koalition im Bund unterstützen. Zumindest bislang ist der FDP-Aufschwung stärker von Demut begleitet als von Größenwahn.

          „Ja Wahnsinn“

          Zu einem guten Ergebnis bei der Bundestagswahl am 24. September beitragen will die hessische FDP. Als deren Generalsekretärin Bettina Stark-Watzinger aus Bad Soden als Hauptrednerin den schlichten Saal betritt, sagt sie: „Ja Wahnsinn. Ist ein bisschen größer als bei uns.“ Knapp 80 Parteimitglieder sind an diesem warmen Maiabend gekommen, viele sind als Neumitglieder zum ersten Mal dabei. Stark-Watzinger, 49 Jahre alt und seit 2015 im Amt, sucht nach einem Sitzplatz. Schließlich findet sie einen ganz vorne.

          In ihrer Rede hebt sie dann drei Aspekte hervor. Die FDP trete für einen sicheren Rechtsstaat ein, für ein Aufstiegsversprechen durch Bildung und für die Soziale Marktwirtschaft. Das klingt so simpel wie überzeugend. Und wenn die Partei ihren nach wie vor vielversprechenden Kern auf einen Satz konzentrieren wollte, könnte er so lauten wie dieser hier von Stark-Watzinger. Sie sagt: „Wir wollen, dass jeder durch eigene Leistung in diesem Staat leben kann.“

          Kein Verständnis hat die Generalsekretärin dafür, dass sowohl CDU als auch SPD, die als große Koalition auf Bundesebene „in einen Dornröschenschlaf gefallen“ seien, die Bürger trotz der Mehreinnahmen durch Steuern kaum entlasten wollten. „Das zeigt keinen Respekt vor der Leistung der Menschen in unserem Land“, findet Stark-Watzinger. Sollte ihre Partei bald wieder ein Rolle spielen, werde sich die FDP dafür einsetzen, dass der Solidaritätszuschlag auslaufe und kleine und mittlere Einkommen nicht überproportional viel von einer Lohnerhöhung an den Fiskus abgeben müssten.

          Den größten Applaus bekommt Stark-Watzinger, als sie die „mehr als 250 000 Bundesregelungen“ geißelt, die das Leben der Bürger von früh bis spät immer stärker sanktionierten. „Ich will auch mal unvernünftig sein“, ruft die Politikerin in den Saal – bleibt dann allerdings die Antwort schuldig, was konkret sie momentan daran hindern sollte.

          „So breit aufgestellt wie selten“

          Der Frankfurter Parteichef Lieb fasst sich kurz. Er sieht die FDP „so breit aufgestellt wie selten in der Geschichte“. Auf den Bundestagswahlkampf freue er sich. Dann kritisiert er „diese träge, ambitionslose Politik in dieser Stadt und in diesem Land“. Lieb, ein Anwalt, nennt es zum Beispiel ein Armutszeugnis, dass „die selbsternannte Internethauptstadt Frankfurt es nicht schafft, flächendeckend einen 50-Mbit-Anschluss anzubieten“.

          Auch die FDP-Fraktionsvorsitzende im Römer, Annette Rinn, attackiert die Stadtregierung. Dass es die steuerstärkste Großstadt der Republik nicht fertigbringe, einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen, sei absurd. Entweder agiere die schwarz-rot-grüne Koalition im Rathaus „in höchstem Maße dilettantisch“ oder betreibe „massive Volksverdummung“.

          Das sind neue, offensive Töne aus der FDP, die vor einigen Jahren noch derart am Boden lag, dass ihre Existenz in Frage stand. Davon ist nichts mehr zu spüren. Trotzdem gibt es einen, der mahnt. Es ist Hans-Joachim Otto. Der war dabei, als die FDP 2013 aus dem Parlament in Berlin flog. Er fordert: „Wir müssen jetzt auf dem Boden bleiben und dürfen nicht abheben. Und wir sind auch noch nicht wieder im Bundestag.“

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