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Favaretto in Kunsthalle Mainz : Ein Geschenk für diesen Tag

Lara Favaretto: Monumentary Monument - The Library, in „Just Knocked Our“ (2012) Bild: Matthew Septimus/Courtesy Lara Favaretto

Die Kunsthalle Mainz zeigt Lara Favaretto. In der Ausstellung „Need or no Need“ werden Standbilder zu Dialogen voller Spannung, denn für die Künstlerin steht der Prozess im Vordergrund.

          Es ist doch wirklich merkwürdig: Immerhin war diese Künstlerin in den vergangenen zehn, zwölf Jahren von der Biennale über die Manifesta bis zu den Skulptur. Projekten Münster bei so ziemlich jedem Großereignis der Gegenwartskunst vertreten. Und doch kennt man den Namen Lara Favaretto bislang in Deutschland kaum. Dabei wird, wer je eine ihrer Interventionen gesehen hat, die wenigsten ihrer Arbeiten wieder aus dem Sinn bekommen. Zum Beispiel ihr „Momentary Monument“ in Münster oder ihre Installation, die diverse den Medien entnommene Katastrophenbilder in einen gewaltigen Schrotthaufen übersetzte auf der Documenta 13.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und für „Need or no Need“, so der Titel der ersten Einzelausstellung im deutschsprachigen Raum überhaupt, die ihr nun die Mainzer Kunsthalle eingerichtet hat, gilt das allemal. Dabei nimmt sich die Kunst der 1973 geborenen Italienerin auch im Mainzer Zollhafen auf den ersten Blick vor allem reichlich spröde aus. Eine Handvoll Betonkuben im weiten, strahlend weißen ersten Saal, ein Bücherregal und ein wie aus Versehen abgestellter und dann vergessener Koffer im zweiten sowie, am Ende der Raumfolge, diverse Stahlplatten, die aussehen, als hätte Richard Serra sich ganz ordentlich verhoben: Das ist schon beinahe alles, was Favaretto hier in subtil entwickelten Dialogen voller Spannung inszeniert. Und doch dreht sich ihre Arbeit bei aller nicht zu übersehenden Präsenz im Raum entscheidend ums Verschwinden, um Schönheit, Vergehen und Verfall.

          Der Prozess im Fokus

          „Standbilder“ im Grunde, wie Kunsthallendirektorin Stefanie Böttcher formuliert, und das trifft es in der Tat ziemlich genau. Ob sie für „Snatching“ mit ihren Händen eine entschiedene Spur setzt im noch nicht ausgehärteten Beton, einen Marmorblock in Staub verwandeln und davon nichts sehen oder hören lässt als ein unentwegtes Hämmern, Klopfen, Bersten, Schlagen, oder ob sie Jahr für Jahr einen Koffer mit ihren eigenen Sachen packt – nur, um dann den Schlüssel wegzuwerfen: Stets geht es der Turiner Künstlerin um den Prozess. Und, vielleicht mehr als alles andere, um diesen einen, in einem Bild, in Sound und einer Geste verdichteten Augenblick im endlosen Kontinuum der Zeit. Kaum mehr.

          Doch wenn es gutgeht, erscheint ein jeder dieser raren Augenblicke wie reine Poesie. Im Grunde, sagt Lara Favaretto, versuche sie, mit jedem ihrer Werke dem Betrachter einen Tag zu schenken. Und ob man selbst nun einen Koffer mit dem eigenen Plunder packt, von dem man sich seit Jahren schon partout nicht trennen mag, wie die Künstlerin über Stunden einen Radiergummi an die Atelierwand wirft oder sich gleich hier vor Favarettos „Momentary Monument – The Library“ in eins der Bücher zu vertiefen sich entschließt, immer wieder geht das überraschend selbstverständlich auf. Dabei ist das meiste in diesem Regal bei genauerer Betrachtung eher mäßig originell, und muss man sich für Kaiser Friedrichs III. Tagebücher, für den „Klartext“ Jürgen Möllemanns oder Lilli Palmers „Dicke Lilli, gutes Kind“ nicht zwingend noch mal interessieren.

          Doch wenn sich zwischen den Seiten von Grass’ „Treffen in Telgte“ das Bild eines alten grauen Grizzlybären, in Nadine Gordimers „Anlass zu lieben“ eine Schlange und in den „Arbeitshilfen für die religiöse Erziehung im Vorschulalter“ das Foto eines kaum zu überschauenden Bücherhaufens findet, dann ist das immer wieder überraschend komisch. Und so nimmt man stöbernd Band um Band, mal neugierig, mal eher amüsiert zur Hand, schmökert hier und da ein wenig und beginnt doch bald, sich seine eigenen Geschichten zu erzählen, wie man sie hier wider besseres Wissen gespiegelt finden mag.

          Eins der Bücher darf jeder Besucher mit nach Hause nehmen. Auch das ist, wenn man so will, ein kostbarer, der Zeit abgetrotzter Augenblick, gleich welches Bild, gleich welche Sätze auch wir darin finden. Und er gehört uns ganz allein.

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