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Fastnacht : Die ideale Sitzung dauert vier Stunden

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Die Gelegenheit, die Konkurrenz aus Köln vorzuführen, hat sich der Sitzungspräsident des Mainzer Carneval-Vereins (MCV), Rainer Laub, am Samstag abend nicht nehmen lassen: Bevor es bei der Prunkfremdensitzung ...

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          Die Gelegenheit, die Konkurrenz aus Köln vorzuführen, hat sich der Sitzungspräsident des Mainzer Carneval-Vereins (MCV), Rainer Laub, am Samstag abend nicht nehmen lassen: Bevor es bei der Prunkfremdensitzung in der Rheingoldhalle mit der "Fassenacht" so richtig losging, ließ Laub die etwa 2000 Besucher zunächst einmal die Fußballer des FSV Mainz 05 mit dreifach donnerndem Helau hochleben. Der von den Spielern des selbsternannten Karnevalsvereins zwei Stunden zuvor errungene 4:2-Heimsieg gegen Köln habe gezeigt, daß die Nachbarn aus der rheinabwärts gelegenen Domstadt "auch im Fußball" nicht mit Mainz mithalten könnten. Fußball und Fastnacht - das sind, mit Ausnahme des "Haussenders" ZDF, derzeit wohl die beiden bundesweit populärsten Mainzer Werbeträger.

          Von der andernorts unbekannten "fünften Jahreszeit", den mit närrischen Hausfrauennachmittagen, Kindermaskenbällen und Kostümsitzungen erfüllten Wochen zwischen Neujahr und Aschermittwoch profitieren viele in der Stadt: Taxifahrer und Friseure, Gastronomiebetriebe und Hotels, die zu Fastnacht mit speziellen Komplettangeboten locken, aber auch Kaufhäuser, so sie denn eine eigene Kostümabteilung haben, Juweliere, die Vereinsorden anfertigen, und Stimmungsmusiker, die zum Tanz aufspielen. Alles in allem soll das Volksfest in Mainz für schätzungsweise 20 bis 25 Millionen Euro Umsatz sorgen - der größte Teil wird von den rund 700 000 Besuchern bei der Straßenfastnacht, also an den "vier tollen Tagen" rund um Rosenmontag, ausgegeben.

          Grundlage für diese Annahme ist eine Untersuchung des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der Fachhochschule Mainz, die zwar schon fast zehn Jahre alt ist, deren wesentliche Aussagen nach Ansicht von Jürgen Schmidt von der Touristik Centrale Mainz dennoch unverändert Gültigkeit haben, "wenn man die übliche Teuerungsrate hineinrechnet".

          Am Wochenende begann die heiße Phase der Kampagne: Der MCV tagte in der aufwendig geschmückten Rheingoldhalle, die mit Hilfe von zehn Lastwagenladungen Styroporschnitzereien, handbemalter Holzstellwände und vierfarbbunter Stoffe in eine festliche "Narrhalla" verwandelt worden war. Insgesamt bieten mehr als 50 Vereine und Korporationen in und um Mainz bis Ende Februar weit mehr als 200 närrische Veranstaltungen an; allein 80 davon finden in den sieben vom Congress Centrum Mainz verwalteten Hallen und Bürgerhäusern statt.

          Die Eintrittspreise liegen zwischen drei Euro für ein Kindermaskenfest und mehr als 30 Euro für einen der vorderen Plätze bei einer Prunksitzung; ob mit oder ohne Tanz. Gerade Sitzungen können für weniger Geübte zur echten Belastungsprobe werden - denn bis zu sechs Stunden organisierter Frohsinn sind keine Seltenheit. Und das, obwohl selbst bei den ausrichtenden Vereinen von einer Schmerzgrenze "so gegen Mitternacht" gesprochen wird. "Die ideale Sitzung dauert vier Stunden", meint auch der Vize-Präsident des Mainzer Carneval-Clubs, Gerd Ludwig, der von anhaltend gutem Zuspruch bei den MCC-Veranstaltungen zu berichten weiß. Dann nämlich bliebe den Besuchern noch etwas Zeit, um sich anschließend im Foyer zu unterhalten oder zu schwofen.

          Wohl an die 60 Euro dürfte jeder Sitzungsbesucher in der Rheingoldhalle ausgeben: neben der Eintrittskarte, Garderobe, Speisen und Getränke, schätzt Mario Rupflin vom Hilton Mainz, das mit bis zu 80 Personen für die Bewirtung der Gäste im Saal, während der Pause und bei der "Nachsitzung" zuständig ist. Die günstigste Flasche Wein koste 9,90 Euro, Wasser sei für 7,50 Euro zu haben. Dabei werde heutzutage deutlich weniger Alkohol getrunken, was seiner Meinung nach sowohl mit der Angst vorm Führerscheinentzug als auch mit der schwierigen Wirtschaftslage zu tun hat.

          Einen ordentlichen Gewinn wirft die Fastnacht zweifellos für jene "Wander-Redner" ab, mit denen in Mainz offiziell zwar niemand etwas zu tun haben möchte, die es allerdings gerade den kleineren Vereinen überhaupt ermöglichen, ein vorzeigbares Programm auf die Beine zu stellen. Wer sich nicht scheut, mit seinem Vortrag an einem Wochenende gleich "auf fünf oder sechs Hochzeiten zu tanzen" und dafür "eine angemessene Aufwandsentschädigung" einzustecken, kann sich dem Vernehmen nach an Aschermittwoch von seinen Einnahmen einen neuen Klein- oder bestenfalls sogar Mittelklassewagen bestellen. Anders als in Köln, wo aktive Fastnachter so wie andere Künstler längst schon von Agenturen professionell vermittelt und vermarktet werden, hält sich in Mainz bisher immer noch der Anspruch, daß des Narren Lohn einzig der Applaus, ein Orden sowie ein Fläschchen Wein sein sollte. Zumindest an diesem Punkt spielen die Kölner längst in einer anderen Liga.

          MARKUS SCHUG

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