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Familiennachzug nach Hessen : Die kleine Chance auf ein Wiedersehen

Familiennachzug: Flüchtlinge planen ein gemeinsames Leben in Deutschland. Bild: dpa

Ab dem 1. August dürfen Flüchtlinge mit subsidiären Schutz einen Antrag auf Familiennachzug stellen. Das Kontingent ist auf 1000 Personen begrenzt. Wie viele Angehörige nach Hessen kommen, ist nicht absehbar.

          Seit vier Jahren hat Ahmed Saleh Ahmed seinen Sohn nicht mehr gesehen. Jetzt hofft er, dass er den Achtjährigen und seine Frau bald in seine Wohnung nach Maintal holen kann. Denn vom 1. August an dürfen Flüchtlinge, die subsidiären Schutz in Deutschland erhalten, wieder einen Antrag auf Familiennachzug stellen. Das Kontingent ist für ganz Deutschland auf 1000 Personen im Monat begrenzt. Ahmed Saleh Ahmed will diese Möglichkeit nutzen, auch wenn er weiß, dass die Chance auf eine schnelle Familienzusammenführung klein ist. Trotzdem wagt er wieder zu hoffen. Denn als die Bundesregierung vor zweieinhalb Jahren beschloss, Schutzberechtigten den Nachzug der Kernfamilie zu untersagen, stand er kurz davor, diese Hoffnung zu verlieren.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ahmed Saleh Ahmed hat seinen Sohn seit vier Jahren abends nicht mehr zudecken, ihn morgens nicht wecken, seine Frau seit vier Jahren nicht mehr in den Arm nehmen können. Trotzdem sei er Teil ihrer beider Leben, sagt er. Whatsapp mache es möglich. Sohn und Vater, Ehefrau und Ehemann tauschen Fotos aus, schicken sich Sprachnachrichten und Videos. Als die IS-Kämpfer in Mossul einmarschierten, floh Ahmed Saleh Ahmed. Das war im Jahr 2014.

          Dem Tod entflohen

          Damals arbeitete der 33 Jahre alte Iraker als Polizist. „Wir Polizisten wurden gejagt und getötet“, sagt er. Mittlerweile arbeitet er als Kaufmann für Büromanagement bei der IHK Hanau. Er hat seine Ausbildung beendet, spricht fließend Deutsch, engagiert sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit. Um sich seine Wohnung auch während der Ausbildungszeit leisten zu können, arbeitete er zusätzlich am Wochenende.

          Ahmed Saleh Ahmed ist einer von etwa 28.000 Flüchtlingen in Hessen, die subsidiär Schutz erhalten. Sein Antrag auf Anerkennung des Flüchtlingsstatus wurde abgelehnt. Eineinhalb Jahre ist es her, dass er vor dem Verwaltungsgericht Widerspruch einlegte. Ahmed sagt, er könne nicht zurück in den Irak, weil ihm dort Haft drohe. Ihm werde vorgeworfen, ein Deserteur zu sein. Wäre er nicht geflohen, so sagt er, wäre er nicht mehr am Leben. Sollte er nach dem deutschen Asylgesetz oder noch nach der Genfer Flüchtlingskonvention einen Schutzstatus zugesprochen bekommen, dürfte er seine Familie sofort nachholen. So aber muss er warten. Und hoffen. Darauf, dass sich endlich auszahlt, wofür er seit seiner Ankunft 2014 so hart gearbeitet hat.

          1000 Plätze pro Monat

          Denn bei der Entscheidung über die Nachzugsberechtigung werden die Bemühungen, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, positiv berücksichtigt. Wer seinen Lebensunterhalt selbst sichern kann, erhält ebenfalls Bonuspunkte. „Vielleicht wird das, was ich hier tue, endlich anerkannt“, sagt Ahmed Saleh Ahmed. Berücksichtigt wird auch die Dauer der Trennung, die Beteiligung minderjähriger Kinder, schwere Krankheit, Behinderung und Pflegebedürftigkeit. Wurde in Deutschland eine Straftat begangen, kann sich das negativ auf die Entscheidung auswirken.

          Der Familiennachzug ist Teil des regulären Visumverfahrens, der Antrag ist bei der jeweiligen Auslandsvertretung zu stellen. Die prüft in Zusammenarbeit mit der Ausländerbehörde, ob die gesetzlichen Voraussetzungen für den Familiennachzug überhaupt erfüllt sind. Das Bundesverwaltungsamt wählt dann aus, wer einen der monatlich 1000 Plätze erhält. Bisher wurden rund 28.000 Terminanfragen, um die Visa-Unterlagen einzureichen, bei den Auslandsvertretungen gestellt.

          Ein Massenansturm wird nicht erwartet

          Hinter einer Anfrage könne auch schon einmal eine Großfamilie stecken, erläutert der Büroleiter der Frankfurter Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU). Zahlen, wie viele Schutzberechtigte in Frankfurt einen Antrag auf Familiennachzug stellen, erhebt die Stadt nicht. „Das können wir uns nicht anmaßen.“ Aber genau das macht die Planung so schwer. Bei 1000 Personen im Monat „wird es keinen Massenansturm“ geben, sagt der Büroleiter. Organisatorisch sei es trotzdem eine Herausforderung, weil Frankfurt schon lange ohnehin an Grenzen stoße.

          Seit einigen Wochen sind deshalb der Labsaal in Bockenheim und die Sport- und Kulturhalle in Unterliederbach wieder als Notunterkünfte geöffnet, weil viele Flüchtlinge keine Wohnung finden und nicht aus den Unterkünften ausziehen können, aber weiterhin jede Woche zehn Neuankömmlinge dazukommen. Eine nicht vorhersehbare Zahl von Flüchtlingen, die in Folge der Familienzusammenführung nach Frankfurt zögen, könne da schon eine Herausforderung sein. Denn falls die Menschen Anspruch auf finanzielle Hilfe hätten, müsse vieles organisiert werden. „Wenn Frau und Kinder dazukommen, dann spricht man von einer Familie. Und eine Familie genießt einen besonderen Schutz.“ Dann müsse statt eines Zimmers eine Wohnung gesucht werden – ein großes Problem in Frankfurt. Seit 2014 wurden der Stadt etwa 7250 Flüchtlinge zugewiesen. 4900 von ihnen leben noch in städtischen Unterkünften.

          Andere Städte, etwa Mainz, blicken dem 1. August gelassener entgegen. 836 Flüchtlinge erhalten dort subsidiären Schutz. Auch sie dürfen vom 1. August an einen Antrag auf Familiennachzug stellen. „Die Belegungsquote der städtischen Gemeinschaftsunterkünfte liegt derzeit bei knapp unter 80 Prozent“, sagt eine Sprecherin der Stadt. Damit stünden genügend Kapazitäten zur Verfügung, um einem eventuellen Anstieg der Flüchtlingszahlen gerecht zu werden.

          Ahmed Saleh Ahmed hätte Platz genug in seiner Wohnung für seine Familie. Finanziell für sie sorgen kann er ebenfalls. Seinen Teil der Unterlagen hat er längst eingereicht – inklusive Ausbildungszeugnis und einer Portion Hoffnung. Jetzt heißt es abwarten. „Ich weiß nicht, wie lange meine Frau noch durchhält. Das ist doch kein Leben.“

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